Leitartikel zum Tarifjahr 2017

|
Dieter Keller  Foto: 

Eher ruhig verspricht das Jahr 2017 auf dem Gebiet der Tarifpolitik zu werden. Zwar beginnen bereits in gut einer Woche die Verhandlungen für den Öffentlichen Dienst der Bundesländer, und die Gewerkschaften schüren mit einer Forderung nach stolzen sechs Prozent plus strukturellen Verbesserungen für untere Gehaltsgruppen hohe Erwartungen bei den rund eine Million Angestellten. Andere Branchen verlangen nur 4,5 bis 5,5 Prozent.

Aber auffällig viele Sparten verhandeln in diesem Jahr gar nicht. Sie haben länger laufende Tarifverträge abgeschlossen. Das beschert nicht nur den Unternehmen den Vorteil besserer Planbarkeit. Die Tarifparteien vermeiden auch, in den Bundestagswahlkampf hineinzugeraten. Eine Politisierung würde der Sache schaden. Gewerkschaften wie Arbeitgeber müssen daran interessiert sein, sich nicht zu sehr nur mit einer Partei zu verbünden. Zurückhaltung übt auch die mit Abstand größte Branche, die Metall- und Elektroindustrie, wo der Tarifvertrag erst Ende des Jahres ausläuft.

Die Tarif-Bilanz des Jahres 2016 fällt respektabel aus: Im Schnitt stiegen die Tarifentgelte um etwa 2,5 Prozent. Angesichts von nur einem halben Prozent Inflation im Jahresdurchschnitt hatten die Arbeitnehmer real deutlich mehr im Geldbeutel. Das dürfte in diesem Jahr schon wegen der Energiepreise anders aussehen. Wirtschaftsforscher rechnen mit rund 1,5 Prozent Inflation, und das bei etwas weniger Wachstum als im vergangenen Jahr. Das macht Tarifverhandlungen nicht einfacher.

Auffällig ruhig ist es derzeit beim Thema Arbeitskämpfe. Einzige Ausnahme ist die Lufthansa, wo schon 2016 immer wieder Streiks der Piloten für viel Aufmerksamkeit und Durcheinander sorgten – samt der Diskussion, ob der Gesetzgeber in Bereichen der Daseinsvorsorge wie dem Verkehr eine Zwangs­schlichtung vorschreiben sollte, damit nicht gleich das ganze Land in Mitleidenschaft gezogen wird. Bei der Deutschen Bahn gibt es das aufgrund einer freiwilligen Vereinbarung von Konzern und Gewerkschaften. Daher konnten die Lokführer nicht sofort Streiks ausrufen, nachdem sie sich kurz vor Jahresende nicht mit der Bahn geeinigt hatten. Sie müssen in die Schlichtung. Zum Glück für die Kunden.

Viel spannender ist der Tarifvertrag, den die größere Bahn-Gewerkschaft EVG mit dem Staatskonzern abgeschlossen hat: 2018 haben die Arbeitnehmer die Wahl zwischen 2,5 Prozent mehr Lohn, einer Stunde weniger Arbeitszeit pro Woche oder sechs Tagen mehr Urlaub. Es wird interessant sein, wie viele sich für welche Alternative entscheiden – und ob die Bahn dies organisatorisch stemmt.

Ob diese Flexibilisierung Nachahmer findet, ist die große Frage. In der Metallindustrie hieß es gleich, kleinere Firmen könnten so etwas nicht bewältigen. Doch auch hier stehen die Zeichen auf mehr Flexibilität: Die Arbeitgeber fordern sie bei der Arbeitszeit, die IG Metall in bestimmten Lebenslagen. Mehr Arbeitszeit-Souveränität für den Einzelnen kann eine passende Antwort auf viele Herausfor­-
derungen sein: von der Digitalisierung bis zum fehlenden Nachwuchs.

leitartikel@swp.de

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Ortsname Merklingen wird auf Twitter für rechte Parolen missbraucht

Tweets mit fremdenfeinlichen Äußerungen unter dem Schlagwort „#Merklingen“. Bürgermeister Sven Kneipp: „Wir können da drüber stehen.“ weiter lesen