Taksim-Platz mit Wasserwerfern geräumt

Bei der ersten Großdemonstration in Istanbul seit knapp einer Woche hat die Polizei auf dem Taksim-Platz erneut Wasserwerfer gegen friedliche Demonstranten eingesetzt.

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  • Nach Tagen des stillen Protests demonstrieren wieder Zehntausende lautstark gegen die Regierung. Foto: Sedat Suna 1/7
    Nach Tagen des stillen Protests demonstrieren wieder Zehntausende lautstark gegen die Regierung. Foto: Sedat Suna
  • Betont entspannt stellen sich die Demonstranten dem Wasserwerfer entgegen. Foto: Tolga Bozoglu 2/7
    Betont entspannt stellen sich die Demonstranten dem Wasserwerfer entgegen. Foto: Tolga Bozoglu
  • Die Menschen skandierten Parolen wie "Taksim ist überall". Foto: Georgi Licovski 3/7
    Die Menschen skandierten Parolen wie "Taksim ist überall". Foto: Georgi Licovski
  • Braut und Bräutigam protestieren mit. Foto: Georgi Licovski 4/7
    Braut und Bräutigam protestieren mit. Foto: Georgi Licovski
  • Die Proteste richten sich gegen die Regierung, nicht gegen den türkischen Staat. Foto: Sedat Suna 5/7
    Die Proteste richten sich gegen die Regierung, nicht gegen den türkischen Staat. Foto: Sedat Suna
  • Die Demonstranten in Istanbul scheinen nicht die Absicht zu haben, in absehbarer Zeit Ruhe zu geben. Foto: Tolga Bozoglu 6/7
    Die Demonstranten in Istanbul scheinen nicht die Absicht zu haben, in absehbarer Zeit Ruhe zu geben. Foto: Tolga Bozoglu
  • Bis zum Wasserwerfereinsatz war die Demonstration friedlich verlaufen. Foto: Tolga Bozoglu 7/7
    Bis zum Wasserwerfereinsatz war die Demonstration friedlich verlaufen. Foto: Tolga Bozoglu
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Am Samstagabend versammelten sich nach Aufrufen über soziale Medien mehrere zehntausend Menschen auf dem zentralen Platz in der türkischen Metropole, um gegen die konservativ-islamische Regierung zu protestieren. Der Verkehr kam zum Erliegen. Vor der Räumung hatte die Polizei die Demonstranten vergeblich dazu aufgerufen, die durch die Menschenmassen blockierten Straßen an dem Platz zu räumen.

Bis zum Wasserwerfereinsatz verlief die Demonstration friedlich, wie Augenzeugen berichteten. Die Menschen skandierten Parolen wie "Taksim ist überall" und "Das ist nur der Anfang". Als die Polizei den Platz räumte, flogen vereinzelt Flaschen. Viele Demonstranten bewarfen Polizisten und Wasserwerfer mit Blumen. Über den Kurznachrichtendienst Twitter war dazu aufgerufen worden, rote Nelken mitzubringen, die das Symbol der Arbeiterbewegung sind.

Obwohl Augenzeugen am Samstagabend zunächst nicht beobachteten, dass die Polizei auf dem Taksim-Platz Tränengasgranaten verschoss, klagten Demonstranten nach dem Wasserwerfereinsatz über Reizungen der Atemwege und der Augen. Die Polizei wird verdächtigt, dem Wasser Chemikalien beizumischen. Bestätigt ist das nicht, über soziale Netzwerke verbreitete Fotos deuten aber darauf hin. Diese Bilder scheinen zu zeigen, wie Polizisten Flüssigkeit aus Kanistern mit Warnhinweisen in Tanks von Wasserwerfern füllen.

Nach Mitternacht war das Zentrum des Taksim-Platzes von der Polizei abgeriegelt. Am Rande hielten sich weiter Gruppen von Demonstranten auf, die friedlich beisammenstanden. Die Polizisten hatten Gasmasken und Helme abgesetzt. Die Wasserwerfer, die Zugangsstraßen abgeriegelt hatten, wurden auf den Taksim-Platz

zurückgezogen. Der Platz war für den Verkehr wieder geöffnet.

Zuletzt war es in Istanbul am vergangenen Sonntag zu schweren Zusammenstößen gekommen. In der Hauptstadt Ankara und in anderen türkischen Städten hatten die Zusammenstöße aber auch in den vergangenen Tagen angedauert. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hat die weitestgehend friedlichen Demonstranten als "Terroristen" und "Gesindel" beschimpft. Er unterstellt ihnen, ihr Ziel sei, "Wirtschaft und Demokratie der Türkei zu zerstören". Die Regierung steht wegen der Polizeigewalt international in der Kritik.

Vor einer Woche hatte die Polizei den von Demonstranten besetzten Gezi-Park am Taksim-Platz zum zweiten Mal geräumt. Seit gut drei Wochen kommt es zu landesweiten Protesten gegen Erdogans Regierung, die sich an Plänen entzündet haben, den Gezi-Park zu bebauen. An den vergangenen Abenden war es am Taksim-Platz zu stillen Protesten Hunderter Demonstranten gekommen. Zusammenstöße mit der Polizei waren aber ausgeblieben.

In Köln demonstrierten am Samstag etwa 30 000 bis 40 000 Menschen gegen Erdogan. Redner forderten dessen Rücktritt und Neuwahlen. Transparente trugen Aufschriften wie "Erdogan, der Wolf im Schafspelz". Die Kundgebung stand unter dem Motto "Überall ist Taksim".

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Kommentare

24.06.2013 00:01 Uhr

Wasserwerfereinsätze zur Durchsetzung von Kapitalinteressen

Brasilien, Türkei, Stuttgart - die Proteste haben verwandte Gründe. Selbst Stefan Mappus (CDU) erkannte, dass die Proteste gegen Stuttgart 21 ohne die Bankenkrise 2008 nicht erklärbar seien, da sei nämlich sehr viel Vertrauen verloren gegangen. Wie recht doch Mappus hatte!

Auch Wolfgang Schuster, ebenfalls CDU, trug seinen Teil dazu bei. Er rechtfertigte Stuttgart 21 u.a. wie folgt: Das internationale Finanzkapital sucht nach Anlagemöglichkeiten. Wenn wir ihm keine Anlagemöglichkeiten, z.B. durch S21 und den damit verbundenen Städtebau bieten, sucht sich das Kapital andere Objekte.

Wenn schon CDU-Größen ganz offen über die wahren Hintergründe von Stuttgart 21 reden, die sich mit denen in der Türkei und Brasilien weitgehend decken, dann gerät der vorgeschobene, milliardenschwere Bahnhofneubau auf Kosten des Steuerzahlers vollends zur Farce.

Für Begriffsstutzige kurz zusammengefaßt: In allen drei Fällen (Brasilien, Türkei, Stuttgart) handelt es sich um Großprojekte, bei denen die Kosten zweitrangig sind, Einkaufszentren und Immobilienspekulation spielen eine große Rolle. Dazu gehören Günstlingswirtschaft (ganz übel bei S21), knallharte Polizeieinsätze (in Stuttgart am 30.9.2010), Kriminalisierung von Gegnern, Manipulation von Gutachtern und Medien.

Die Parallelen sind so offensichtlich, dass nur ganz Naive diese nicht sehen. Die Unterschiede sind nur quantitativer Art, die Prinzipien dieselben. Absolut unanständig ist es, wenn deutsche Politiker mit dem Finger auf Türken und Brasilianer zeigen, wenn sich doch bei uns ähnliche Dinge abspielen, übrigens nicht nur in Stuttgart.

Für die in einem Leitartikel der StZ erwähnten Verdachtsfälle von Korruption lassen sich im Falle von S21 mindestens genauso viele Parallelen finden, die zum Himmel stinken. Leider berichteten unsere Medien nur sehr wenig oder überhaupt nicht darüber. Es gibt hierzulande genügend Beispiele, bei denen PolitikerInnen Interessenskollisionen zwischen ihrem Amt und wirtschaftlichen Interessen der jeweiligen Firmen hatten, die teilweise zu Aufgabe von Aufsichtsratsposten führten (Föll, Späth, Herrenknecht, Gönner, Rech usw.).

http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.kommentar-zu-protesten-in-brasilien-reiches-brasilien-arme-brasilianer.c30af51a-2534-4ae0-9cd1-f243cf1591e2.html

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23.06.2013 20:23 Uhr

Verschwörungstheoretiker?

Das hätte ich von Ihnen, Herr A. Ulmer nun nicht erwartet.
Dass sie an die Grüne Weltverschwörung glauben!
Überschätzen sie da unsere Frau Roth nicht ein wenig?

Hunderttausende von jungen Menschen lehnen in der Türkei den selbstgerechten und undemokratischen Kurs von Erdogans Regierungspolitik ab.
Trotz aller Medienblockaden und der Manipulation und Zensur durch die staatlichen Stellen, ist das Thema in allen Landesteilen und Städten angekommen. Und die Jungen diskutieren mit den Alten, ob wirtschaftlicher Wohlstand, die schrittweise Einschränkung der persönlichen Freiheit rechtfertigen kann. Erdogan und die AKP können diese Frage nicht zu ihren Gunsten beantworten. Sie haben die Jugend des Landes verloren. Da braucht es keine Verschwörung. Nachdenken und beim Tee miteinander reden reicht völlig aus!

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23.06.2013 19:51 Uhr

@Bernhard Gärtner „Türkei - Wasserwerfer-Einsatz ein ganz normaler Vorgang””

Also Herr Gärtner - wenn Sie den Text genau lesen, dann wurde hier von der Polizei vergeblich aufgerufen Platz und blockierte Straßen zu räumen.

(..) Vor der Räumung hatte die Polizei die Demonstranten vergeblich dazu aufgerufen, die durch die Menschenmassen blockierten Straßen an dem Platz zu räumen. (..)

Man könnte meinen, das die wesentlichen Infos (Verhälnismässiges vorgehen der Polizei) absichtlich in der Berichterstattung im Fliesstext untergebracht worden sind. Da fällt's dann nicht so auf.

Ihre Idee einer Neuwahl in der Türkei bin ich auch schon gedanklich durchgegangen - und bezweifle den Erfolg der AKP-Gegner.
Vielleicht würde sich der ein oder andere doppelte Staatsbürgerschaft innehabende in Deutschland gegen die AKP wenden - aber die Mehrheit der wahlberechtigten türkischen Bevölkerung? Zweifel sind angebracht.

Und mal so ganz unter uns, es liest ja keiner sonst mit.
Ist Ihnen nicht auch aufgefallen, das der Grüne Oberste, Cem Özdemir im Zusammenhang mit den Protesten in der Türkei regelrecht abgetaucht wirkt?
Sonst fällt Cem Özdemir bei den kleinsten Kleinigkeiten in Deutschland durch eine nahezu omnipotente Medienpräsenz auf - hier aber so gut wie gar nicht.
Haben Sie etwas von der türkischen BaWü-Integrationsspezialistin Bilkay Öney zu den Protesten in der Türkei gelesen/gehört?
Weshalb wohl, wenn in der Türkei alles so eindeutig zu sein scheint, wie es uns die aktuelle Berichterstattung glauben macht?

Wir werden sicherlich zu lesen bekommen, was der Türkischen Geheimdienst MIT zum Demo-Sachverhalt ermittelt:
http://www.deutsch-tuerkische-nachrichten.de/2013/06/479221/proteste-in-der-tuerkei-tuerkischer-geheimdienst-untersucht-verbindungen-zum-ausland/
Die GrünnInnen-Aktivität von Claudia Roth ist ja schon durch die Presse gegeistert ...

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23.06.2013 14:34 Uhr

„Türkei - Wasserwerfer-Einsatz ein ganz normaler Vorgang”

Merkwürdige Auffassung von Meinungsfreiheit! Man muss also erst fragen, ob und wie lange man auf dem Taksim -Platz demonstrieren darf. Und wenn die Regierung Erdogan und ihr Parteifreund als OB in Istanbul keine Lust auf Demokratie haben, werden die dadurch "illegalen" Demonstranten eben vom Platz geprügelt.
Ihre persönliche Auffassung von Demokratie in allen Ehren, Herr A. Ulmer. Aber sind sie sicher, dass sie sich in Deutschland noch wohl fühlen? Ein restriktiver und brutaler Staat, den sie ja erkennbar für erstrebenswert halten, müsste ihnen doch eher als ihr persönliches Paradies erscheinen. China, Russland, Saudi-Arabien usw. bieten Menschen mit ihren Veranlagungen doch die perfekten Lebensbedingungen.
Die Türkei ist allerdings nichts für sie, Herr A. Ulmer. Denn die Regierung Erdogan ist am Ende und nach notwendigen Neuwahlen wird wieder eine liberale und bürgernahe Form der Staatsführung schnell für Ruhe sorgen.

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23.06.2013 10:10 Uhr

Türkei - Wasserwerfer-Einsatz ein ganz normaler Vorgang

(..) Bei der ersten Großdemonstration in Istanbul seit knapp einer Woche hat die Polizei auf dem Taksim-Platz erneut Wasserwerfer gegen friedliche Demonstranten eingesetzt. (..)

(..) Der Verkehr kam zum Erliegen. Vor der Räumung hatte die Polizei die Demonstranten vergeblich dazu aufgerufen, die durch die Menschenmassen blockierten Straßen an dem Platz zu räumen. (..)

Eine illegale Demonstration auf dem Taksim-Platz,
Vergebliche Aufrufe an die illegal demonstrierenden (VOR der Räumung!!!) die Straßen und den Platz zu räumen ...
Und dann ein/mehrere Wasserwerfer-Einsätze um die Räumung durchzusetzen.

Ein ganz normaler Vorgang - und angemessen in der Durchführung.

Nur weil die illegal demonstrierenden auf den Bildern ihren linken Arm in den Himmel recken gibt es in der Türkei nicht den rot-grünen Zeitgeschehen-Kulanz-Bonus wie in Deutschland. Gibt's diesen rot-grünen Zeitgeschehen-Kulanz-Bonus eigentlich noch irgendwo anders auf der Welt, als in Deutschland?

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