Szenen einer Ehe

Die Entscheidung, Götz Adriani zum Ehrenbürger zu erklären, war im Tübinger Rathaus heiß umstritten. Der alte Konflikt zwischen dem prominenten Ausstellungsmacher und dem Rat kochte wieder hoch.

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Götz Adriani hat Tübingen mit vielbeachteten Kunstausstellungen ins Gespräch gebracht. So auch mit der Präsentation von Werken Paul Cézannes. Archivfoto

Ehrenbürger-Entscheidungen waren in Tübingen, zumindest in den vergangenen Jahrzehnten, meist komplizierte Angelegenheiten. Bei Walter Jens, dem berühmten Rhetorik-Professor, dauerte es zwölf Jahre, bis der Gemeinderat 2002 seinen Segen gab. Wobei die damalige Oberbürgermeisterin Brigitte Russ-Scherer, um die Widerstände zu überwinden, ein Paket schnüren musste. So wurde Jens nur im Verein mit dem Theologen Hans Küng und der Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard Ehrenbürger. Der jetzige OB Boris Palmer musste deshalb wissen, worauf er sich einließ, als er sich zur Mission Adriani entschloss.

Götz Adriani, das ist der Tübinger Kunsthallen-Matador, der die Stadt berühmt gemacht hat mit seinen großen Ausstellungen über die Meister der klassischen Moderne. Doch welch gewaltige Anerkennung Adriani auch außerhalb der Grenzen der Stadt widerfährt, im Gemeinderat genießt der Überflieger wenig Sympathien.

Immerhin hat Palmer sein Ziel im ersten Anlauf erreicht. Vergangenen Montag entschied der Gemeinderat, Adriani die Ehrenbürgerwürde zu verleihen. Das städtische Presseamt teilte mit, das sei nach "ausführlicher Diskussion" geschehen. Das war nicht falsch, doch die ganze Wahrheit ist, dass die Entscheidung in nichtöffentlicher Sitzung umstritten war, und das drückt sich im Ergebnis wie auch im Prozedere der Entscheidung aus.

Der Rat stimmte zweimal ab, und in dieser entscheidenden Runde votierten 16 Räte für die Ehrenbürgerschaft, 13 dagegen bei fünf Enthaltungen. Antragsteller Palmer schrammte an einer Blamage vorbei. Wieder hatte sich gezeigt, dass das Verhältnis zwischen dem Überflieger Adriani und einem gewichtigen Teil des Rats belastet ist. So war es stets im Gemeinderat. Wenn es um Adriani geht, kochten die Emotionen hoch, lagen die Nerven blank. Zwischen dem Tübinger Gemeinderat und Adriani ist es wie in einer Ehe. Jeder trägt seinen Teil zur Zerrüttung bei. Bestimmt fehlt es dem Gemeinderat an Großzügigkeit im Umgang mit dem erfolgreichen Ausstellungsmacher. Neid, Missgunst und provinzieller Kleingeist sind im Spiel. Auf der anderen Seite mangelt es Adriani an Demut und Geschick im Umgang mit dem Souverän der Stadt. Oft ist er kühl mit den Räten umgegangen, war selbst aber schnell beleidigt und gekränkt.

Die erste große Krise löste der Gemeinderat 1986 aus, als er den Antrag auf Gehaltserhöhung für den Kunsthistoriker ablehnte. Damals hatte Adriani schon sensationelle Erfolge erzielt, Tübingen mit der Degas-Ausstellung von 1984 (209 000 Besucher) als Kunststadt bekannt gemacht. Doch zahlreiche Räte sprachen sich gegen die tarifliche Höhergruppierung aus, weil Adriani über beachtliche Nebeneinnahmen als Autor der Ausstellungskataloge verfügte. Dabei ignorierten sie, dass Adriani von den Honoraren die Hälfte an die Stadtkasse abführte. Das heißt: Der Kämmerer profitierte vom schreiberischen Fleiß des Beamten Adriani.

Fast durchgängig gab es Streit um die mit den Ausstellungen hereingespielten Millionen. Der Gemeinderat, der sich von Sparhaushalt zu Sparhaushalt hangelte, schaute begehrlich hinauf zur Kunsthalle. Adriani wollte das Geld in der Kunsthalle behalten, um in ambitionierte Ausstellungen investieren zu können. Doch sollte er dann 1995 eine Million Mark für den Bau einer Sporthalle herausrücken. Adriani rächte sich Monate später. Als der Gemeinderat anrückte, um sich durch die Renoir-Ausstellung führen zu lassen, versetzte Adriani, der sich sonst gerne Zeit für prominente Besucher nahm, die städtischen Vertreter - ein Affront.

Adriani genoss als städtischer Beamter stets viele Freiheiten. Das war ihm freilich nicht genug. Und so setzte er schließlich durch, dass die städtische Kunsthalle 2003 in die Trägerschaft einer Stiftung bürgerlichen Rechts umgewandelt wurde - außerhalb der Reichweite der Räte. Und wiederum erboste er seine Kontrahenten, weil er ihnen zunächst den Einblick in den Stiftungsvertrag verweigerte.

Der Professor gab sich "überrascht" und "höchst erfreut" über seine Ehrung. Zu diesem Zeitpunkt waren ihm die Umstände der Entscheidung nicht bekannt. Ein Kenner der Szenerie würde sich nicht wundern, wenn Adriani unter diesen Voraussetzungen die Ehrenbürgerwürde abschlüge.

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