Streit über Laptop-Verbot bei Flügen in die USA

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Im Fluggepäck: Ein Laptop links und ein Tablet rechts.  Foto: 

Rund acht Stunden dauert ein Flug vom Frankfurter Flughafen nach New York. Ganze zehn Stunden unterwegs ist, wer in Stuttgart in den Flieger steigt, um die US-Metropole zu besuchen. Zeit, die sich viele Reisende gerne verkürzen. Entweder mit Filmen auf dem Tablet oder mit Arbeit am Laptop. Doch genau das könnte Passagieren aus Deutschland auf Flügen in die USA bald verwehrt werden. Denn die Vereinigten Staaten erwägen aus Angst vor möglichen terroristischen Anschlägen eine Ausweitung des bestehenden Handgepäckverbots für elektronische Geräte, die größer als ein Mobiltelefon sind.

Bereits seit März dürfen Flug­reisende auf Direktflügen aus acht muslimischen Ländern in die USA größere Geräte nicht mehr im Handgepäck mitführen. Eine Verordnung, die nun auch auf die Flughäfen in Europa ausgeweitet werden soll. So ist zumindest der Plan des amerikanischen Heimatschutzministeriums (DHS). Der Minister für innere Sicherheit stehe kurz vor einer Entscheidung, sagte dessen Sprecher David Lapan bereits am Dienstag.

Die deutsche Wirtschaft könnte die amerikanische Flug­sicherheits-Verordnung teuer zu stehen kommen, meint Ralph Rettig, Vizepräsident des Verbandes Deutsches Reisemanagement (VDR). Nämlich genau dann, wenn Manager auf ihren Flügen in die USA ihre Rechner nicht mehr mit in die Kabine nehmen dürften. „Für die Produktivität der deutschen Unternehmen ist es immens wichtig, dass ihre Geschäftsreisenden mobil arbeiten können, insbesondere auf Langstreckenflügen“, sagt Rettig. Und „zum Arbeiten braucht man mehr als ein Smartphone“, erklärte Hans-Ingo Biehl, Hauptgeschäftsführer des VDR, bereits am Dienstag der Deutschen Presse-Agentur.

Nach den Berechnungen des Verbandes fliegen jährlich rund 720.000 Geschäftsreisende aus Deutschland in die USA. Lege man bei einem zehnstündigen Flug – beispielsweise von Stuttgart nach New York – eine Nettoarbeitszeit von drei Stunden und Arbeitskosten in Höhe von 75 Euro zugrunde, belaufe sich der Produktivitätsausfall für die deutschen Unternehmen laut VDR-Kalkulation auf 160 Millionen Euro – pro Jahr. Daher seien die Pläne der US-Behörden „reiner Aktionismus, der auf besorgniserregende Weise in die Geschäftsprozesse und die Arbeitsproduktivität der Unternehmen eingreift“, kritisiert Rettig.  Außerdem sei das Laptop-Verbot auch anderweitig äußerst fragwürdig. Denn: „Elektronische Geräte im aufgegebenen Koffer stellen im Zweifel ein ebenso großes potenzielles Sicherheitsrisiko dar, wie im Handgepäck.“

US-Regeln sind „unakzeptabel“

Die Ansicht des VDR teilt auch die oberste europäische Flugsicherheitsbehörde EASA. Für sie gehören Laptops und andere elektrische Geräte mit Lithiumbatterien in die Flugzeugkabine und nicht in den Gepäckraum. Wenn Laptops und Co. in der Kabine befördert werden, könnte im Brandfall schneller reagiert werden, als wenn sich viele derartige Geräte im Frachtraum befinden, heißt es bei der Behörde.

Auch die Internationale Luftverkehrs-Vereinigung (IATA) kritisiert die Pläne des US-Heimatschutzministeriums aufs Schärfste. Die Regelungen seien „unakzeptabel“ und „schaden möglicherweise dem Vertrauen der Passagiere im Luftverkehr“, teilt der Branchenverband mit.  Viele Reisende könnten das Verbot demnach als Schikane ­em­pfinden und sich bei der Wahl ihrer Flugrouten und Airlines in Zukunft anderweitig umschauen. Mit der Folge, dass europäische Fluggesellschaften mit Buchungsrückgängen und somit fehlenden Einnahmen rechnen müssen. Gleichzeitig würden allerdings auch die  Kosten für die Sicherheitschecks an den Flughäfen steigen. Experten sprechen daher von einem „erheblichen Wettbewerbsnachteil“ für die Fluggesellschaften in Europa.

Welche Auswirkungen ein mögliches Laptop-Verbot durch die US-Behörde auf den Flugverkehr aber im Einzelnen haben könnte, lässt sich derzeit noch schwer einschätzen. Deutsche Flughäfen warnen allerdings schon jetzt, dass eine solche Vorschrift einen großen Aufwand und massive Verspätungen nach sich ziehen könnten.

Vertreter der EU-Kommission wollten sich noch am Freitag beim amerikanischen Heimatschutzminister John Kelly über die Möglichkeit eines Laptop-Verbots informieren. Sollte die Verordnung  trotz bestehender Kritik dennoch auf europäische Flughäfen ausgeweitet werden, müsste die Flugbranche in Europa die Vorgaben erfüllen. Selbst dann, wenn das im Raum stehende Laptop-Verbot auf transatlantischen Flügen „blanker Unsinn“ sei, wie beispielsweise für Ralph Beisel, dem Chef des deutschen Flughafenverbandes ADV.

Kommentar: Tablet-Verbot führt nicht zu mehr Sicherheit

Die Antiterrorexperten in den USA haben Laptops als potenzielle Waffen enttarnt und wollen sie nun auf transatlantischen Flügen verbieten. Allerdings nur in den Passagierabteilungen. Im Frachtraum sollen die Kleincomputer hingegen mitfliegen dürfen. Mal angenommen, getarnte Bomben explodieren dort nicht so leicht, wie in der Kabine, bleibt immer noch die Gefahr eines nicht zu löschenden Brandes. Ausgelöst durch überhitzte Batterien. Wo bleibt dann die Sicherheit?

Bei Attentaten in der jüngeren Vergangenheit wurden Lastwagen eingesetzt. Niemand kommt auf die Idee, Autos komplett von Städten und Dörfern fernzuhalten. Stattdessen versucht man die Sicherheit ­ etwa von Großveranstaltungen­ durch andere Maßnahmen zu erhöhen. So könnte man es auch mit Laptops und Tablets beim Einchecken halten. Einfach besser kontrollieren.

Mal abgesehen von den undurchsichtigen Motiven der US-Behörden, zu denen möglicherweise auch wirtschaftliche gehören, sollten wir fairerweise eingestehen, dass uns das Thema erst dann interessiert, wenn nicht nur arabische Airlines, sondern auch Flüge von Europa aus betroffen sind. Aber klar ist: Laptops wurden erfunden, um das Arbeiten, das Lesen oder das Filme sehen überall zu ermöglichen. Nicht zuletzt auf Reisen. Verbannt man sie nun aus Flugzeugen, fühlen wir uns eingeschränkt. Letztlich hätten die Terroristen gewonnen. Und was kommt als Nächstes? Handyverbot? Flugreisen ohne Uhr. Oder nur noch im Unterhemd? Mal ehrlich, so richtig sicher ist es erst, wenn wir das Haus nicht mehr verlassen. Nur ­ was machen wir eigentlich, wenn es klingelt?

Ein Kommentar von André Bochow.

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