Spagat zwischen Schulranzen

Es war ein Schuljahr mit einer besonderen Herausforderung für die Fünftklässler der Lindenhofschule in Blaustein. Sie haben Inklusion gelebt. Nicht ohne Schwierigkeiten, aber mit einem guten Gefühl.

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Inklusion ganz praktisch: Hans Jakob ist anders als seine Mitschüler in der fünften Klasse der Lindenhofschule in Blaustein. Er hat das Down Syndrom. Foto: V. Könneke

Hans sitzt an seinem Tisch und hantiert konzentriert mit seinem Klebestift. Er fügt Puzzleteile, die ihm sein Lehrer Andreas Jehle gegeben hat, zu einem großen Ganzen zusammen. An der Tafel referiert sein Mitschüler Philipp über Ludwig van Beethoven. Die anderen hören zu, manche aufmerksam, andere eher gelangweilt. Wie das so ist, wenn es draußen heiß ist und die Ferien vor der Tür stehen.

Es ist eine ganz normale Klasse einer Werkrealschule, und auch wieder nicht. Denn Hans unterscheidet sich von seinen Mitschülern: Er hat das Down Syndrom. Dass er in diese Klasse gehen kann, dafür haben sich seine Eltern eingesetzt. Als Grundschüler hat er die Außenklasse einer Förderschule besucht.

"Für mich war das keine Frage, dass wir das machen", erinnert sich Katja Kleiner an den Tag, als Kirsten Jakob auf sie zugekommen ist. Spontan sagte die Schulleiterin zu, ohne zu wissen, dass erst die Gesamtlehrerkonferenz und der Elternbeirat gefragt werden müssen. Warum sollte das nicht funktionieren, schließlich steht Inklusion ja weit oben auf der Wunschliste der Politik. Katja Kleiner selbst hatte in der Grundschule bereits öfter mit behinderten Kindern gearbeitet: "Vielleicht ist es mir deshalb leichter gefallen, die Kollegen zu überzeugen."

Die Unterstützung der Lehrer und Eltern haben die Jakobs bekommen, doch es standen noch mehr bürokratische Hürden im Weg. Denn Hans Jakob wohnt in Ulm, die Lindenhofschule aber steht im benachbarten Alb-Donau-Kreis. Ganz bewusst hatte sich die Familie für diese Schule entschieden: Sie ist mit dem Bus gut zu erreichen, es gibt kleine Klassen und es wird viel mit modernen, offenen Unterrichtsformen gearbeitet. Als Mutter eines Kindes mit Down Syndrom muss man solche Sachen wissen, sonst ist man chancenlos.

Andreas Jehle ist Hans Klassenlehrer. Er hat die Herausforderung angenommen ohne zu wissen, was konkret auf ihn zukommt. Schon im vergangenen Schuljahr hat er Hans in seiner Klasse besucht. "Es ist für uns alle Neuland", sagt Jehle. Auch für Katja Kleiner, die selbst in der Klasse unterrichtet: "Man macht mit jedem Kind andere, neue Erfahrungen." Nur eins ist bei allen schönen Worten der Politik immer gleich: Inklusion kostet Geld, weil sie zeitintensiv ist und das hat Folgen. "Wir müssen um jede Stunde kämpfen. Ohne großes Engagement und Idealismus der Kollegen und der Eltern wäre das nicht möglich", sagt die Schulleiterin.

In der 5. Klasse ist individuelle Lernzeit. Einige Schüler haben sich ins Lernbüro verdrückt, andere bleiben, haben ihre Mathehefte vor sich. Neben Hans sitzt Digna Hinz, seine Schulbegleiterin. Sie oder ihre Kollegin sind immer mit dabei, helfen dem Jungen bei den Fächerwechseln und in den Pausen. "Wir bemühen uns Hans beim Selbstständigwerden zu unterstützen", erzählt sie. Langfristig soll Hans stetig mehr alleine zurechtkommen. Im Schulalltag ist das noch schwierig.

Den Weg zur Schule meistert der Zwölfjährige inzwischen schon allein. Am Anfang des Schuljahres brauchte Hans für den kompletten Schulweg noch eine durchgehende Begleitung - organisiert durch seine Mutter, unterstützt von vier Mitarbeitern eines Pflegedienstes. Doch schon innerhalb weniger Monate machte er große Fortschritte. Seit einigen Wochen fährt Hans völlig selbstständig mit dem Bus nach Blaustein und steigt die zahlreichen Treppen bis zu seiner Schule hoch. Die einzige Besonderheit dabei ist ein kleiner GPS-Sender, mit dem seine Eltern im Internet verfolgen können, wo er gerade ist. Hans genießt diese Selbstständigkeit.

Als Hans mit seiner Aufgabe fertig ist, will er sein Arbeitsblatt Andreas Jehle zeigen. Ungeduldig steht er neben dem Lehrer, der gerade einer Schülerin etwas erklärt. "Moment Hans, ich rede gerade", sagt er ruhig, als ihm die Zappelei zu heftig wird. Erst als er mit seinen Erklärungen durch ist, wendet er sich dem Jungen zu. "Stempel", fordert Hans und bekommt ihn auch. Drei Smileys hat er jetzt auf seinem Aufgabenblatt. Das bedeutet, dass er Pause machen darf. Früher als die anderen, weil er konzentriert gearbeitet hat. Hans schnappt sich einen Ball und geht in den Pausenhof. Basketball spielen.

Schon vor dem ersten Schultag hatte Kirsten Jakob mit den anderen Eltern geredet. "Hans ist in die Klassengemeinschaft integriert", sagt Jehle. Er wird zu Geburtstagen eingeladen, lädt selbst ein. In den Pausen ist er mittendrin, ebenso wie kürzlich bei den Bundesjugendspielen. Denn Sport ist sein Ding, doch da büxt er auch gern mal aus.

Diese fünfte Klasse ist keine Oase der Glückseligkeit. Es gibt Reibereien, Sympathien und Antipathien. "Ich finde das scheiße mit ihm", sagt ein Mädchen offen: "Er darf immer alles und wir werden bestraft." Einer stimmt zu, die anderen schweigen. Später, in der Pause, erzählt ein anderes Mädchen, was der Grund für den aktuellen Streit ist. Schuld sei ein Vorfall im Sport, als Hans ausgebüxt sei und darunter die ganze Klasse leiden musste: "Das fanden alle blöd. Aber eigentlich mögen wir den Hans. Er ist echt cool und gehört einfach zu uns."

Andreas Jehle weiß, von was seine Schüler reden: "Natürlich testet Hans seine Grenzen aus. Es ist unsere Aufgabe zu schauen, dass wir einen guten Weg für alle finden. Es ist immer ein Spagat. Wo hat er einen Sonderstatus und wo nicht." Inklusion in der weiterführenden Schule birgt eben noch ganz andere Fallstricke als in der Grundschule. "Wie das mit dem Fortschreiten der Pubertät wird, wissen wir nicht", sagt Jehle.

Erste Änderungen gibt es schon. Die Lehrer haben festgestellt, dass sie von Hans die Einhaltung von Regeln verlangen können und sogar müssen. Jetzt gibt es auch für Hans rote Karten, auf denen die Mundwinkel des Smileys nach unten zeigen. Er bekommt einen Eintrag, wenn er Grenzen überschritten hat, den seine Mutter unterschreiben muss. Ein weiterer Schritt auf dem Weg zur Normalität.

Gerade bei solchen Problemen sind die Lehrer der Lindenhofschule froh, dass es regelmäßig Gespräche mit Sonderpädagogen gibt. Ulrike Allgaier ist Lehrerin der Gustav-Werner-Förderschule. Sechs Stunden in der Woche ist sie in Hans Klasse, arbeitet mit ihm oder in einem Projekt mit der Klasse. "Sie ist viel härter als wir", hat Andreas Jehle festgestellt. Wenn er ein Auge zudrücken würde, gibt es bei Frau Allgaier kein Pardon. "Sie hat da einfach mehr Erfahrung. Davon können wir nur lernen", sagt Jehle.

Besonders wichtig für die Lehrer sei es offen an die Sache heranzugehen, betont Katja Kleiner: "Da muss man schon mal zugeben: Bei mir klappt das nicht, was kann ich tun." Überhaupt seien Absprachen extrem wichtig, denn Hans braucht feste Strukturen. Anfangs habe man noch viel parallel gemacht, doch inzwischen klappe es immer besser, meint Jehle. Die Erfahrung wächst Tag für Tag.

In der Klasse steht Englisch auf dem Stundenplan. Auf dem Tageslichtprojektor sind Bilder zu sehen. Die Schüler müssen beschreiben, welche Sommerbeschäftigungen es gibt. Jehle ruft Hans auf, wechselt vom Englischen ins Deutsche. "Was siehst du, Hans?" Der Junge zögert, Julian hilft: "Sommersachen Hans, welche sind da?" Hans strahlt: "Eis essen!" verkündet er und zeigt auf ein Eis lutschendes Kind.

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