Spätes Gedenken an Olympia-Attentat 1972

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Israels Staatspräsident Rivlin und Bundespräsident Steinmeier in München bei der Eröffnung eines Denkmals für die Opfer bei den Olympischen Spielen 1972. Foto: Sven Hoppe  Foto: 

Am 5. September 1972 erschütterte ein Attentat die Olympischen Sommerspiele in München. Palästinensische Terroristen stürmten die Unterkunft der israelischen Sportler und nahmen Geiseln. Elf Athleten und ein Polizist starben.

Noch heute leiden Angehörige der Opfer, auch weil sie sich lange alleingelassen fühlten. Nach 45 Jahren erfahren sie nun Anerkennung: Am Mittwoch wurde in München eine Gedenkstätte eröffnet, in der an die Toten erinnert wird. Viele Hinterbliebene waren bei dem Festakt, ebenso wie Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und sein israelischer Amtskollege Reuven Rivlin.

„Fast ein halbes Jahrhundert haben die Familien der Opfer und der Staat Israel auf diesen Moment gewartet“, sagte Rivlin. Einige der Überlebenden des Angriffs seien mittlerweile gestorben. Steinmeier räumte Fehler ein. „Viel zu lange sind die Opfer in der öffentlichen Wahrnehmung hinter den Tätern verblasst“, erklärte er und sprach den Familien Trost zu.

Für Ilana Romano mehr als eine normale Rede. „Es ist das erste Mal nach 45 Jahren, dass wir Derartiges hören, Worte der Verantwortung und des Bedauerns“, meinte die Witwe des Gewichthebers Yossef Romano. Von deutscher Seite sei damals sogar gesagt worden, die Israelis hätten Schuld, weil sie den Konflikt mit den Palästinensern auf deutschen Boden gebracht hätten.

Verletzend empfanden viele auch die umstrittene Entscheidung, die Spiele nach dem Blutbad fortzusetzen. „Ich dachte, die Welt würde anhalten“, erinnerte sich Ankie Spitzer, Witwe des Fechttrainers Andrei Spitzer. Aber der Aufschrei gegen Terrorismus blieb aus. „Die Stille war ohrenbetäubend.“ Bis heute fordern viele Angehörigen eine Schweigeminute zu Beginn der Olympischen Spiele. Umso wichtiger ist ihnen der Gedenkort in München. „Für uns ist das ein unglaublich emotionaler Tag, aber vor allem auch ein sehr glücklicher Tag“, erklärte Spitzer.

Sie will Steinmeier bitten, die Geschehnisse von einem unabhängigen Gremium untersuchen zu lassen. Die zentrale Frage: Warum konnte man die palästinensischen Terroristen nicht stoppen? Nach der Geiselnahme in der Unterkunft der Israelis ermordeten die Angreifer zwei Athleten. Versuche, die anderen Sportler zu befreien, scheiterten. Dann die Idee: Man lockte die Entführer mit ihren Gefangenen auf den Flugplatz in Fürstenfeldbruck mit dem Versprechen, sie könnten nach Kairo ausfliegen. Doch die Aktion endete im Blutbad. Am Ende waren die übrigen 9 Geiseln, ein Polizist und 5 Entführer tot.

„Die deutschen Beamten, die damals unsere Angehörigen hätten schützen sollen, waren nur daran interessiert, die heiteren Spiele weiterzuführen“, kritisierte Spitzer. „Sie waren arrogant und inkompetent, sie haben uns angelogen und erniedrigt und haben versucht, ihre unglaublichen Fehler zu verdecken.“ Beweise für diese Vorwürfe sollen die Archive liefern, die vor einiger Zeit geöffnet wurden.

Doch der Mittwoch stand im Zeichen der Trauer. In Stille gedachten die Staatschefs Steinmeier und Rivlin in der Erinnerungsstätte mit den Gästen der Opfer. Viele hatten Tränen in den Augen. Angehörige enthüllten die Tafeln, die Einblicke in das Leben der Toten gewähren, mit Texten und vor allem Fotos. Darauf hoffnungsvolle Menschen, die in die Kamera lachen, ein Kind auf dem Arm halten oder bei der Hochzeit mit der Liebsten. Es sind persönliche Bilder. Sie sollten den Opfern ihr Gesicht wiedergeben, erklärte Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU).

Viele Opfer stammten aus Familien, die dem Holocaust entronnen waren. Deshalb hatte die Olympiamannschaft wenige Tage vor dem Attentat das ehemalige Konzentrationslager Dachau besucht. Ein Beispiel, dem Rivlin am Mittwoch folgte, um einen Kranz für die Opfer des Nationalsozialismus niederzulegen.

Die Architekten Brückner&Brückner aus Tirschenreuth und Würzburg haben die 2,35 Millionen Euro teure multimediale Gedenkstätte entworfen. Sie ist jederzeit zugänglich und liegt in der Nähe des Olympischen Dorfes. Bis heute gebe es Leute, die in dem Massaker einen heroischen Akt sehen, beklagte Rivlin. Das dürfe nicht sein. „Wir dürfen dem Terror gegenüber nicht nachgeben. Terror muss angeprangert werden, an jedem Ort und unter jeder Bedingung.“

Erinnerungsort Olympia-Attentat 1972

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