Sind Thüringens Abiturienten klüger?

Sind Thüringer Abiturienten klüger? Oder ist das Abitur dort einfacher? Pünktlich zum Ferienbeginn streiten Politiker über die Vergleichbarkeit der Noten.

|
Wo leben die klügsten Abiturienten? Geht man nach der Durchschnittsnote, dann lautet die Antwort: in Thüringen.  Foto: 

Thüringens Abiturienten waren schon vor zehn Jahren die besten, sie sind es auch 2016. Niedersachsen dagegen verteidigt seit Ewigkeiten den letzten Platz der Abi-Liga. Das Bundesländer-Ranking nach Notenschnitt und Einser-Prüfungen sorgt regelmäßig für Kopfschütteln über den deutschen Bildungsföderalismus. Und für Ärger über die oft beklagte Ungerechtigkeit der Hochschulreifetests.

Immerhin: Im kommenden Jahr wird die Vergleichbarkeit der Abiturprüfungen etwas besser. Dann greifen alle 16 Länder erstmals auf einen gemeinsamen Aufgabenpool zu – wenn auch nur in den Fächern Deutsch, Mathematik, Englisch und Französisch. Für die Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), Claudia Bogedan, ist dies „ein zentraler Schritt für mehr Gerechtigkeit“. Denn dazu gehöre „auch die Möglichkeit, mit einem Abitur mobil zu sein innerhalb Deutschlands, den gewünschten Studienort und das gewünschte Studienfach wählen zu können“, sagte die SPD-Politikerin.

Heinz-Peter Meidinger, Chef des Deutschen Philologenverbandes, hält den Aufgabenpool hingegen für viel zu klein, um wirklich von einer Abitur-Gleichwertigkeit zu sprechen. „Wenn man sich die rechnerische Bedeutung dieses gemeinsamen Prüfungsteils anschaut, dann ist die nur minimal“, sagte er. Für den Bildungsgewerkschafter wäre die Uneinheitlichkeit von Prüfungen und Noten halb so wild, „wenn es den Numerus Clausus für viele begehrte Studienfächer nicht gäbe. Aber bei der Vergabe der Studienplätze wird eben nicht unterschieden, ob eine Abi-Note aus Niedersachsen stammt oder aus Thüringen.“ Ein erster Blick in die noch ganz frischen Statistiken für diesen Abitur-Jahrgang bestätigt: Die Ergebnisse werden im Schnitt fast überall seit Jahren immer besser. Was konstant bleibt, ist die Ungleichheit von Land zu Land.

Am stärksten war der Verbesserungssprung in Berlin – von einem Notenmittelwert 2,68 (2006) auf 2,40 (2016). Knapp dahinter Nordrhein-Westfalen, wo nach den bisher aktuellsten Zahlen für 2015 ein Schnitt von 2,41 ermittelt wurde (2006: 2,66). Klare Verbesserungen gab es auch in Brandenburg (von 2,48 auf 2,30) und Thüringen (von 2,33 auf 2,18). Nur ganz wenige Bundesländer, darunter auch Baden-Württemberg, schwammen mit verschlechtertem Abi-Schnitt gegen den Strom. Meidinger kritisiert dies als „Wettlauf um die besten Noten“, die über eine Studierbefähigung nichts mehr aussagten.

Auch bei den Einser-Quoten sind die Unterschiede groß: Während in Thüringen vier von zehn Abiturienten eine Top-Note erhalten, sind es nicht mal 20 Prozent in Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz. „Für ein sehr gutes Abitur muss man sich nach wie vor auf den Hosenboden setzen“, sagte Meidinger. Die Verbesserung habe aber inzwischen mehr mit politischen Entscheidungen der Kultusministerien zu tun. Denn Zustimmung zu umstrittenen Entscheidungen wie etwa die Verkürzung der Schulzeit von neun auf acht Jahre (G8) „erkauft sich die Politik gerade am Gymnasium und beim Abitur, indem sie Notenberechnungs- und Prüfungssysteme aufweicht“, sagte Meidinger. Probleme vor allem mit Eltern bekämen Bildungsminister „immer dann, wenn mehr Qualität der Schulen mit schlechteren Noten verbunden ist“.

Manche Länderminister reagieren pikiert auf die Vorwürfe. In Sachsen, wo sich der Abi-Schnitt innerhalb eines Jahrzehnts von 2,44 auf 2,29 verbesserte und die Traumnote 1,0 zuletzt von 167 Schülern (2006: 132) erreicht wurde, sagte Kultus-Ressortchefin Brunhild Kurth (CDU): „Wir messen uns nicht an der Quote der Spitzenzeugnisse, sondern an den Rückmeldungen von der Wirtschaft und den Universitäten – dort ist das sächsische Abitur anerkannt.“ Zudem lasse solche Kritik die tolle Arbeit der Lehrer völlig außer Acht.

KMK-Präsidentin Bogedan ahnt trotz der Bestrebungen für das einheitlichere Abitur, „dass uns diese Debatte erhalten bleiben wird“. Nun solle man die Länder aber erstmal ihre Erfahrungen machen lassen mit dem gemeinsamen Aufgabenpool ab 2017. „Dann sehen wir, ob wir noch weiter gehen können. Aber ich habe derzeit nicht die Fantasie, mir das eine Abitur oder die eine Aufgabe vorzustellen, die alle Schüler in Deutschland am gleichen Tag lösen müssen.“

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Gaffer von Heidenheim soll mit Video identifiziert werden

Die Polizei hofft, den Gaffer von Heidenheim mit Hilfe von Videoaufnahmen eines Autofahrers identifizieren zu können. weiter lesen