Schwierige Entspannung

Ein nordkoreanischer Atomtest droht, Südkorea und die USA ziehen ins Manöver. Trotzdem gibt es Zeichen für eine Annäherung. Bald ist Machtwechsel in Seoul, folgt dann doch die Entspannung?

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"Das Übergangsteam hat den Verstand verloren", lästerte die südkoreanische Oppositionspartei Democratic United Party über die Mitarbeiter um Park Geun-Hye, die am 25. Februar Südkoreas erste Präsidentin wird. Am Vormittag des 17. Januar meldeten sie einen Hackerangriff auf den Presseraum. Der Schuldige war schnell identifiziert: Erzfeind Nordkorea. Doch nur wenige Stunden später nahmen sie die Aussage wieder zurück - ein "Missverständnis". Der Vorfall zeigt, wie angespannt das Verhältnis zwischen den Nachbarn auf der koreanischen Halbinsel weiter ist.

Am tiefsitzenden Misstrauen hatte auch die versöhnlich klingende Neujahrsrede von Nordkoreas Diktator Kim Jong-Un bisher kaum etwas ändern können. Darin sprach er von einer möglichen Wiedervereinigung. Verschiedene Experten vermuten dahinter jedoch schlicht das Kalkül Kims, von Südkorea wieder mehr Hilfsgüter und Geld zu bekommen. Abseits von der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang, die Kim herausputzen ließ, herrschen Armut und Hunger. Das in Japan ansässige Nachrichtenbüro "Asia Press", das mit verdeckten Informanten in Nordkorea arbeitet, berichtet von einzelnen Fällen von Kannibalismus.

Seit seinem Amtsantritt nach dem Tod seines Vaters Kim Jong-Il im Dezember 2010 versucht Kim Jong-Un, der am 8. Januar 30 Jahre alt wurde, seine Macht zu festigen und sein Profil zu schärfen. Er gibt sich weltoffener als sein Vater und Großvater. So lud er verstärkt ausländische Medien ein, erlaubte den Besuch von Google-Manager Eric Schmidt Anfang des Jahres und zeigte seine Begeisterung für westlich geprägte Musik. Seine Frau tritt an seiner Seite auf, wie keine andere "First Lady" zuvor. Ob sie um den Jahreswechsel ein Kind auf die Welt gebracht hat, hält das Regime jedoch weiter unter Verschluss.

Bei der ersten Neujahrsansprache seit 1994 verzichtete der Junior-Diktator auf heikle Themen wie die Nukleartests oder das Verhältnis zu den USA. Stattdessen appellierte er an seine Landsleute, mitzuhelfen, aus Nordkorea einen "wirtschaftlichen Giganten" zu machen. Alle Koreaner weltweit sollten "mit aller Kraft" die Umsetzung früherer gemeinsamer Erklärungen zwischen Nord- und Südkorea anstreben, die vor der Zeit des noch amtierenden südkoreanischen Präsidenten Lee Myung-Bak gemacht wurden.

Unter Lee hatte sich das ohnehin sensible Verhältnis zusehends verschlechtert. Ein südkoreanischer Offizieller sagte der einheimischen Zeitung "The Chosunilbo": "Die Lee-Regierung hat sich mehrere Male mit Offiziellen von Nordkorea getroffen, um ein Gipfeltreffen zu organisieren. Doch Nordkorea verlangte Zehntausende Tonnen Reis und Dünger im Austausch, und das haben wir abgelehnt." Die geforderten Güter hätten einen Wert von bis zu 600 Millionen Dollar gehabt. Weil Südkorea die Hilfe verweigerte, habe Nordkorea 2010 ein Schiff versenkt und eine Insel beschossen. Dabei starben 50 Südkoreaner. "Sie haben auf ihre nordkoreanische Art und Weise Widerstand geleistet, weil (Seoul) ihre Bedingungen nicht erfüllte."

Beide Seiten scheinen im Regierungsantritt von Park eine Chance zu sehen, ihr Verhältnis neu zu verhandeln. Hilfsgelder für 2013 wurden bereits erhöht. Park sagte im Wahlkampf: "Ich möchte diesen Schwarz-oder-Weiß-Ansatz aufbrechen und eine ausgeglichenere Nordkoreapolitik verfolgen." Dazu wolle sie einen Vertrauensprozess einleiten, zum Beispiel durch neue Kultur- und Austauschbüros in den beiden Hauptstädten. Die Sechs-Parteien-Gespräche zur nuklearen Abrüstung Nordkoreas sollen fortgesetzt werden.

Das ist auch nötig, denn Nordkorea wird seit Wochen unterstellt, jederzeit einen dritten Atomtest zu unternehmen. Im Januar - nach der Rede Kims - hatte das Land den Atomversuch sowie weitere Raketentests aus Protest gegen die Ausweitung von UN-Sanktionen gegen das Land angekündigt. Der Weltsicherheitsrat hatte den Sanktionsbeschluss wegen eines umstrittenen nordkoreanischen Raketenstarts im Dezember verabschiedet.

Nicht deeskalierend wirkt, das die Streitkräfte der USA und Südkoreas seit gestern ein Seemanöver vor der Ostküste der koreanischen Halbinsel durchführen. Die seit längerem geplanten Übungen dienten der Raketen- und U-Boot-Abwehr, sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums in Seoul. Nordkorea verurteilt die Manöver der beiden Länder als Vorbereitung zu einem Angriff. Die USA und Südkorea bestreiten das.

Der japanische Journalist Jiro Ishimaru von Asia Press, der in Südkorea studierte, dreimal Nordkorea bereiste und mit über 800 Grenzgängern aus Nordkorea gesprochen hat, glaubt, dass Südkorea zunächst vor allem mehr Kontrolle über den Norden wolle. Seoul hoffe, dass Nordkorea in den nächsten fünf bis zehn Jahren zusammenbreche. Darauf bereite es sich vor. Umgekehrt habe der junge Kim mit seinen Appellen an Südkorea versucht, neben China andere Handelspartner zu gewinnen, um sich aus der Abhängigkeit von dem übermächtigen Partner zu lösen.

"Nordkorea befindet sich momentan in einer Zwickmühle", so Ishimaru. "Wenn es sich öffnet, kommen mit den Devisen auch jede Menge Informationen aus dem Ausland herein, und das möchte Nordkorea nicht. Wenn es sich nicht öffnet, geht dem Land das Geld aus, was die Lage noch unsicherer macht also sie ohnehin schon ist."

Für Südkorea machen nicht zuletzt große Vorkommen von Bodenschätzen wie seltene Erden den verarmten Nachbarn attraktiv. Auch könnte Nordkorea China als Billigproduktionsland für Südkoreas Konzerne ablösen.

Wie die designierte Präsidentin Park persönlich zu Nordkorea stehe, lasse sich noch nicht einschätzen. Dies werde sich erst nach ihrem Amtsantritt zeigen. "Im Wahlkampf wird viel gesagt, um Stimmen zu bekommen, eben, dass man dem Land helfen will", glaubt Ishimaru. Grund zum Groll hätte Park: Ihre Mutter starb 1974 durch die Kugel eines nordkoreanischen Agenten, die für ihren Vater gedacht war. Jener regierte Südkorea in den 1960ern und 1970ern mit eiserner Hand, bevor er von seinem eigenen Sicherheitschef ermordet wurde.

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