Schulung wider Willen

Gabriele Krieg hat als Dozentin Förderkurse für Arbeitslose geleitet. Nun ist auch sie ohne Job und soll geschult werden: Mit einem ebensolchen Kurs. Verschwendung, sagt sie. Die Arbeitsagentur sieht das nicht so.

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Weiterbildung hilft Arbeitslosen auf dem Arbeitsmarkt. Das sagt die Bundesagentur für Arbeit. Doch nicht jeder Kurs, den sie anbietet, macht Sinn. Archivfoto

Das Schreiben der Agentur für Arbeit Günzburg an Gabriele Krieg datiert vom 16. Januar 2012. "Einladung" steht in gefetteten Buchstaben darauf. Es geht um eine Informationsveranstaltung für die Trainingsmaßnahme "Pro Job Spezial Ü40" für Arbeitslose. Nach kurzen Hinweisen zu Ort, Datum und Zeit folgt der Satz: "Dies ist eine Einladung nach § 309 Abs. 1 Drittes Sozialgesetzbuch (SGB III) in Verbindung mit § 144 SGB III." Die anschließende "Rechtsfolgenbelehrung" nimmt eine ganze Seite ein. Fazit: Die Teilnahme ist Pflicht, sonst kann die Agentur für eine Woche das Arbeitslosengeld sperren.

Gabriele Krieg aus Ichenhausen in Bayerisch-Schwaben, ausgebildete Restaurantfachfrau und Industriekauffrau, ist alles andere als weiterbildungsunwillig. Die geschiedene Mutter eines erwachsenen Sohnes hat aus freien Stücken viel Zeit und Geld investiert, um "draufzusatteln". Weil sie als Industriekauffrau keine Stelle fand, holte sie das Fachabitur - Fachrichtung Psychologie/Soziales - nach. Sie absolvierte die Ausbildereignungsprüfung, verbesserte ihr Englisch und machte auch noch eine Security-Ausbildung. Das Angebot der Arbeitsagentur hält sie an sich für "sehr interessant". Und mit 44 Jahren passt sie auch in das "Ü40"-Schema. Trotzdem ist Krieg erbost: In ihrem Fall sei der fünf monatige Vollzeit-Kurs inklusive Praktikum "pure Geldverschwendung".

Das Problem: Die letzten sechs Jahre hat Gabriele Krieg anderen das beigebracht, was sie nun beim Kurs "Pro Job Spezial" selbst lernen soll. Sie führte vier Jahre lang Jugendliche durch berufsvorbereitende Maßnahmen. Danach war sie zwei Jahre lang als Dozentin und "Jobcoach" in der Erwachsenenbildung tätig. Ihre Aufgabe: Die Bewerbungschancen von Arbeitslosen verbessern. Ihre Arbeitgeber: Weiterbildungsträger, die - vor allem im Auftrag der Bundesagentur für Arbeit - Trainingsmaßnahmen anbieten. Maßnahmen wie "Pro Job Spezial" - ein Kurs der Dekra Akademie.

Der Fall Krieg mag ein Einzelfall sein. Oft ist es eher so, dass Arbeitslose Weiterbildungskurse einfordern, wenn die Agenturen von sich aus keine anbieten. Beschwerden über Verschwendung von Beitrags- und Steuergeldern in der Arbeitsmarktförderung gab und gibt es aber immer wieder. Manchmal stehen dabei die Vermittler im Fokus, immer wieder aber die Fördermaßnahmen selbst. Auch deshalb hat die Bundesregierung das "Gesetz zur Verbesserung der Eingliederungschancen am Arbeitsmarkt" beschlossen, das großenteils im April in Kraft tritt. "Die aktive Arbeitsmarktpolitik wird stärker auf ihr eigentliches Ziel ausgerichtet: das schnelle und effiziente Vermitteln von Arbeitssuchenden in den ersten Arbeitsmarkt", heißt es dazu im Bundesarbeitsministerium. Zu den Fördermaßnahmen selbst ließ Hausherrin Ursula von der Leyen verlauten: "Wir kennen alle die Extremfälle, bei denen Menschen in unsinnige Trainingsmaßnahmen gesteckt wurden."

Dass Gabriele Krieg seit einigen Monaten arbeitslos ist, hängt damit zusammen, dass es auf dem Weiterbildungsmarkt immer enger wird - auch wegen massiver Kürzungen im Etat der Bundesagentur für Arbeit. Auf einen Anteil von 29,7 Prozent an den Gesamtausgaben soll die aktive Arbeitsförderung in diesem Jahr schrumpfen, von mehr als 33 Prozent in den Vorjahren. Rund 14 Milliarden Euro steckte die Bundesagentur für Arbeit 2011 in arbeitsmarktpolitische Maßnahmen. In diesem Jahr sind es nur noch 11 Milliarden Euro - ein Rückgang, der nicht allein mit der geringeren Arbeitslosigkeit zu begründen ist, sondern auch mit einer Entrümpelung bei den Maßnahmen.

Die Folge für Krieg: Bei dem Träger, für den sie tätig war, wurde ihr Vertrag nicht verlängert - und auch sonst sieht es in der Branche trostlos aus. Sie ist deshalb offen für Neues, mal wieder. Sie hat sich für Sekretariatsjobs beworben und als Empfangsdame. Am liebsten aber würde sie im sozialen Bereich arbeiten, auch wenn ein erster Versuch scheiterte. In einer Obdachlosenunterkunft in Ulm konnte sie als Betreuerin anfangen. Doch die Nachtschichten allein mit den Bewohnern waren "schwierig", wie Krieg einräumt. Nach wenigen Wochen gab sie auf. Ihr wurde noch mit auf den Weg gegeben, dass sie für den Job eigentlich überqualifiziert sei.

Das richtige Bewerben, Computerprogramme, Power-Point-Präsentationen, kognitive Fähigkeiten wie Konzentration, Lager und Verkauf in Theorie und Praxis - all das hat Krieg früher "ihren" Arbeitslosen beigebracht. Diese Punkte finden sich nun auch fast alle als Bausteine im Kurs "Pro Job Spezial", nebst anderen wie "Menü und Getränkekarten", "Warenkunde Lebensmittel" oder "kaufmännischer Schriftverkehr". "Soll ich etwa einen Rückbildungskurs machen", fragt die 44-Jährige aufgebracht? Sie glaubt, dass die Agentur einfach ihre Klientel "gefiltert" hat. Und der "dumme Steuerzahler" müsse zahlen.

Bei der Agentur für Arbeit in Memmingen, zu der auch die Günzburger Filiale gehört, zeigt man sich "überrascht" über den Fall. "Die Einladung ist aber nachvollziehbar", sagt Sprecher Reinhold Huber. Frau Krieg habe zwar "praxismäßig gute Karten", aber keinen formalen Abschluss als Dozentin. Dass sie diesen auch nicht bei "Pro Job Spezial" erwerben kann, räumt Huber ein. Wenn jemand jedoch über Monate hinweg keine Stelle finde, müssten Alternativen geprüft werden. Ohnehin sei nicht "sklavisch vorgegeben", dass jeder den Kurs komplett absolviere. Und auch Sanktionen sind nach Angaben Hubers nicht zu befürchten, wenn jemand partout nicht wolle. "Darüber kann man reden." Denn demotivierte Teilnehmer könnten den Kurs "sprengen". Die Schulung hält Huber für gut. Bei einem früheren Kurs hätten von 13 Teilnehmern 10 einen Job gefunden. Ob wegen des Kurses oder aber wegen der guten Konjunktur, lässt sich nicht sagen.

Die Rechtsfolgenbelehrung in der "Einladung" an Frau Krieg hat indes gewirkt. Die Arbeitslose ging zu der Informationsveranstaltung. Dort hat sie ihr Problem einem anwesenden Agentur-Mitarbeiter geschildert. "Er war der Meinung, der Kurs würde mir dennoch gut tun." Krieg fühlt sich zur Teilnahme verpflichtet. Von Freiwilligkeit hat ihr niemand etwas gesagt, es steht auch nicht in ihren Unterlagen. Die Kosten für den Kurs belaufen sich laut Arbeitsagentur auf 816 Euro pro Monat und Teilnehmer. Gabriele Krieg will zeitgleich einen zweijährigen Abendkurs bei der IHK beginnen. Sie weiß um ihr Manko und will deshalb einen Abschluss als Fachwirtin im Sozial- und Gesundheitswesen machen. Die Arbeitsagentur fördert diese Fortbildung mit keinem Cent.

In der Nürnberger Zentrale der Bundesagentur für Arbeit heißt es, jeder Fall sei "individuell" zu sehen. Im Fall Krieg kommt der Sprecher für Arbeitsmarktpolitik, Paul Ebsen, jedoch zu dem Schluss: Eine solche Förderung mache nur Sinn, wenn "wirkliche Defizite" vorliegen. Noch mehr wundert sich Ebsen allerdings über die veranschlagte Kursdauer von fast fünf Monaten. Denn üblich sind maximal zwölf Wochen. Die reine Vermittlung von beruflichen Kenntnissen darf laut SGB III sogar acht Wochen nicht überschreiten. Vom "Spielraum", den die Arbeitsagentur Memmingen vorgibt, steht nichts in dem Gesetz.

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