Schreckensnacht in Brasilien

Gewalt und massive Ausschreitungen überschatten den friedlichen Protest von inzwischen einer Million Menschen in Brasilien. Von der regierenden Arbeiterpartei will sich die Bewegung nicht einspannen lassen.

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Hier endet der Protest in Gewalt: Demonstranten werfen in Brasilia Molotow-Cocktails gegen den Itamaraty-Palast - Hauptsitz des Außenministeriums. Foto: afp

Während internationale Fußball-Teams in Brasilien den Confederations-Cup austragen, erreicht die Protestbewegung einen neuen Höhepunkt. Rund 1,2 Millionen Männer und Frauen, so wird geschätzt, trugen am Donnerstag ihre Wut auf die Straße - obwohl die Fahrpeiserhöhung, die die Proteste entzündet hatten, in den meisten Städten inzwischen wieder zurückgenommen wurden. Was friedlich begann, schlug nachts vielerorts in Gewalt um. Zigtausende Brasilianer legten das Land praktisch lahm. Feuer loderte auf den Straßen, Steine flogen, Scheiben wurden eingeworfen. Die Polizei ging mit Tränengas und Gummigeschossen vor.

Seit nunmehr zwei Wochen ziehen Demonstranten zunächst friedlich und gut gelaunt durch Rio de Janeiro, São Paulo, Brasilia und viele weitere Städte. Ihre Ziele sind Regierungssitze, Stadtparlamente oder Fußballstadien, die gerade erst für die WM im kommenden Jahr errichtet wurden. Spätestens an den Sport-Arenen kommt es meist zu Ausschreitungen. Randalierer liefern sich Straßenschlachten mit der Polizei. "Keine Gewalt" ruft die Mehrheit beiden Seiten zu, vergebens.

Nach Medienberichten gab es nun den ersten Toten: In Ribeirão Preto starb ein 18-Jähriger, der von einem Auto erfasst wurde, weil der Fahrer nicht an einer Barrikade der Demonstranten stoppen wollte. Mehr als 50 Demonstranten wurden Polizeibilanzen zufolge in mehreren Städten verletzt. Ein Reporter des TV-Senders Globo wurde von einem Gummigeschoss am Kopf getroffen und zeigte sich blutüberströmt im Fernsehen. "Die Polizei hat komplett die Kontrolle verloren und ist unfähig, mit solchen Demonstrationen umzugehen", sagte seine Kollegin während der Live-Übertragung.

Wieder kam es zu Vandalismus und Plünderungen. Auch stürmten die Demonstranten das Außenministerium in der Hauptstadt Brasilia. Nur ein enormes Polizeiaufgebot hielt sie davon ab, sich auch dem Präsidentenpalast zu nähern.

Präsidentin Dilma Rousseff sagte angesichts der Lage eine Japanreise ab, um eine Krisensitzung mit ihrem Kabinett abzuhalten. Sie wolle derzeit nicht eine ganze Woche außer Landes sein, sagte ihr Sprecher. Zuvor hatte die regierende Arbeiterpartei (PT) versucht, auf den fahrenden Zug aufzuspringen und Mitglieder aufgefordert, mit den Demonstranten auf die Straße zu gehen. In São Paulo wurden die Politiker jedoch ausgebuht, als sie von den zumeist jungen Demonstranten aus der Mittelschicht entdeckt wurden. Die Protestbewegung versteht sich als unparteiische Volksbewegung. Einer neuen Umfrage zufolge unterstützen 77 Prozent der Brasilianer die Proteste

Dass Fahrpreiserhöhungen das Fass zum Überlaufen brachten, hat Gründe. So ist der öffentliche Nahverkehr in São Paulo nach Angaben der Universitätsprofessorin Marilena Chauí in der Hand eines mafiaähnlichen Duopols, das nicht davor zurückschrecke, Gewerkschafter zu ermorden - und dessen Fahrzeuge in einem kläglichen Zustand sind. Die Rücknahme der Preiserhöhungen wertet die 19-jährige Luisa Mandetta von der Bewegung für kostenlosen Nahverkehr denn auch als "großen Sieg". Sie hatte zur allerersten Kundgebung aufgerufen. "Fortan werden wir uns weiter für den Gratis-Transport einsetzen, der unser eigentliches Ziel ist."

So unterschiedlich die Gründe sind: Eines hat die brasilianische Protestwelle mit anderen Bewegungen der letzten Jahre - Beispiel "Arabischer Frühling" - gemeinsam. Viele der oft jugendlichen Demonstranten nutzen soziale Netzwerke wie Twitter und Facebook im Internet, um sich zu organisieren, ihre Botschaften zu schärfen und Bilder von Polizeigewalt zu verbreiten. In Brasilien geht es allerdings nicht darum, eine Diktatur zu stürzen. Die Wut richtet sich vor allem gegen Korruption und soziale Missstände. Das kann man auch an den populärsten Themen bei Twitter in Brasilien wie "#MenosCorrupçãoEMais" (Weniger Korruption ist besser) ablesen.

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