Schavans vielleicht letzte offizielle Visite als Ministerin

Die politische Zukunft von Bundesbildungsministerin Annette Schavan könnte sich schon am Wochenende entscheiden. Am freitag Abend kehrte sie aus Südafrika zurück. Vielleicht ihr letzter Staatsbesuch im Amt.

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Annette Schavan in Johannesburg: Nach außen Normalität. Foto: Dino Lloyd/dpa

Es könnte alles so unbeschwert sein: Die Abendsonne ist gerade hinter dem Westabhang des Tafelbergs versunken, Dunkelheit legt sich über den prunkvollen Wohnsitz des deutschen Botschafters in dem Kapstädter Nobelvorort Bishopscourt. Ein paar Dutzend Gäste haben sich im Garten zum Empfang für Annette Schavan versammelt. Führende Vertreter deutscher Forschungsinstitute und Wissenschaftseinrichtungen, auch einige Akademiker der lokalen Universitäten von Kapstadt und Stellenbosch.

Das Problem ist: Während die Ministerin sich zumindest offiziell ausschließlich für den wissenschaftlichen Austausch mit dem Land am Kap interessiert und dessen Schlüsselstellung in Afrika lobt, interessieren sich viele der Besucher im Festzelt vor allem für die Zukunft Schavans. Genauer für die Frage: Bleibt sie auch nach dem Entzug ihres Doktortitels durch die Universität Düsseldorf im Kabinett?

Es ist der letzte Termin der 57-Jährigen in Südafrika, nachdem sie am Mittag die Cape Peninsula-Universität für Technologie am Fuße des Tafelbergs besucht hatte und dort vom schwarzen Vize-Kanzler Chris Nhlapo noch ausdrücklich mit "Professor Doktor Schavan" ans Mikrofon gebeten worden war. Seit Tagen schaut ganz Deutschland darauf, wie die Ministerin für Bildung und Wissenschaft auf den Entzug ihrer Doktorwürde reagiert und ob sie vom Amt zurücktritt, an das sie sich in Südafrika noch fest klammert.

Sie selbst tritt an diesem Abend ausgesprochen entspannt, ja fast souverän auf: Nach den Reden und einem Imbiss posiert sie für Fotos mit Gästen und spricht anschließend sogar mit Vertretern der Presse. Das Thema Doktorentzug bleibt tabu. Schavan will so viel Normalität wie möglich demonstrieren - und zumindest am letzten Abend in Südafrika gelingt ihr das auch. Zumal sie durchaus auch Unterstützung aus der mitgereisten Wissenschaftsdelegation erhält. Bisweilen wirkt sie sogar fast befreit, ganz so als hätte sie, fast 10.000 Kilometer entfernt des Berliner Haifischbeckens, in den letzten Tagen in Ruhe über ihre Zukunft nachgedacht.

Nach außen hin scheint die Sache für Schavan klar: Sie will vor Gericht um ihren Titel kämpfen und bittet um Verständnis, wenn sie in Südafrika zu den Details nicht Stellung nimmt. Doch die Ministerin ist lange in der Politik und kennt die Mechanismen der Macht und des Medienbetriebs. Und deshalb weiß sie auch, wie schwer es sein wird, diese Linie aufrechtzuerhalten.

Der eigentliche Anlass des Abends gerät darüber fast aus den Augen: die posthume Vergabe einer neuen Forschungsauszeichnung der Alexander von Humboldt-Stiftung an den 2012 verstorbenen Sozialwissenschaftler Neville Alexander, einen farbigen Südafrikaner, der seinen Doktortitel 1961 in Tübingen über Gerhart Hauptmann erwarb. Nicht ohne Grund wird Alexander heute in eine Reihe herausragender Südafrikaner wie Nelson Mandela gestellt. Denn wie der Gründervater des neuen Südafrika hat sich auch Alexander wie wenige andere für ein ausgesöhntes, farbenblindes Südafrika eingesetzt - und seine farbigen Landsleute immer wieder davor gewarnt, Rassenkriterien erneut zur Grundlage der neuen Gesellschaft zu machen.

Vielleicht lag es daran, dass Alexander in zwei sehr rassenbewussten Ländern wie Deutschland und Südafrika lebte - er verstand besser als andere, wie sehr der Nachdruck auf Rassenkriterien und Hautfarbe, etwa bei der Vergabe von Posten und Positionen, die soziale und wirtschaftliche Entwicklung eines Landes bremsen können.

Bis zuletzt war er deshalb auch ein steter Dorn im Fleisch jener seiner Kollegen an der Universität Kapstadt gewesen, die heute abermals die ethnische Herkunft der Studenten und erst dann die akademische Befähigung zum entscheidenden Kriterium für deren Zulassung an der medizinische Fakultät machen - und dabei nun oft zugunsten von Schwarzen diskriminieren.

Für Annette Schavan ist der Empfang im Wohnsitz des deutschen Botschafters ein versöhnlicher Ausklang, den sie nach dem Spießrutenlauf der letzten Tage und Wochen offensichtlich genießt. Die Presse hält sich an den vereinbarten Waffenstillstand und stellt keine weiteren Fragen nach ihrem Rücktritt. Es ist weit nach 22 Uhr, als der Ministertross schließlich in die warme Kapnacht aufbricht. Ob es die letzte offizielle Visite von Schavan als Ministerin war, wird sich womöglich bereits an diesem Wochenende beim Gespräch mit ihrer Freundin Angela Merkel entscheiden.

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Annette Schavan und ihr Doktortitel

Die Plagiatsvorwürfe, die Aberkennung des Doktortitels, der Rücktritt als Bundesbildungsministerin und die gescheiterte Klage: Alles zum Fall um Annette Schavans Doktortitel.

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