Sanktionen gegen Nordkorea: China macht endlich ernst

Chinas Regierung trägt die UN-Sanktionen gegen den Nachbarn mit – und setzt sie auch durch. Für die Menschen in der Grenzstadt Dandong eine neue Erfahrung.

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  • Diese Brücke verbindet die chinesische Grenzstadt Dandong mit Nordkorea, das bisher den größten Teil seines Außenhandels über diese Verbindung abgewickelt hat.  1/4
    Diese Brücke verbindet die chinesische Grenzstadt Dandong mit Nordkorea, das bisher den größten Teil seines Außenhandels über diese Verbindung abgewickelt hat. Foto: 
  • Ein Hauch von Disneyland: Von der Uferpromenade im chinesischen Dandong kann man nach Nordkorea schauen. 2/4
    Ein Hauch von Disneyland: Von der Uferpromenade im chinesischen Dandong kann man nach Nordkorea schauen. Foto: 
  • Dort stehen dann Grenzsoldaten und Arbeiter, die sich bereits daran ­gewöhnt haben, eine Touristen­attraktion zu sein. 3/4
    Dort stehen dann Grenzsoldaten und Arbeiter, die sich bereits daran ­gewöhnt haben, eine Touristen­attraktion zu sein. Foto: 
  • Jiang war Geschäftsmann. Dann kamen die Sanktionen, und er wurde zum Fremdenverkehrsführer. 4/4
    Jiang war Geschäftsmann. Dann kamen die Sanktionen, und er wurde zum Fremdenverkehrsführer. Foto: 
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Die Fischerboote liegen fest vertäut am Kai. Das Deck ist mit einer schwarzen Plane abgedeckt, die wohl den Anschein erwecken soll, dass hier alles stillsteht. Auch China hat sich den UN-Sanktionen gegen Nordkorea angeschlossen, die Boote in der chinesischen Grenzstadt Dandong dürfen den Grenzfluss Yalu eigentlich nicht überfahren. Doch der dampfende Motor weist darauf hin, dass die Schiffe vor kurzem noch in Betrieb waren. Unter der Plane schauen Kisten hervor. Es riecht nach Fisch.

Plötzlich rast ein älterer Mann mit einem Stock in der Hand auf die Touristengruppe zu. „Was macht ihr hier?“, brüllt er und versucht einem von ihnen die Kamera aus der Hand zu reißen. „Rück’ sofort die Bilder raus“, schreit er aufgebracht und weist seine Mitarbeiter an, den Besuchern den Weg zu versperren. So weit kommt es nicht. Nach kurzem Handgemenge gelingt es der Gruppe, das Hafengelände zu verlassen.

„Sie sind offenbar sehr nervös“, sagt Jiang. Der 42-Jährige ist eigentlich ein Geschäftsmann. So sieht er an diesem Vormittag aber nicht aus. Er trägt eine Baseballkappe, und mit seinem etwas zu weit sitzenden Heavy-Metal-T-Shirt macht er den Eindruck, als habe er im Kundengeschäft schon länger keinen Vertrag mehr abgeschlossen. „Die Geschäfte laufen schlecht“, gibt er zu. Deswegen betätige er sich nun als Fremdenverkehrsführer. Der Gruppe wollte er den Fischereihafen zeigen am Mündungsgebiet des Yalu. Dass die Behörden nun sehr viel strenger kontrollierten, bekämen derzeit alle in der Region zu spüren, sagt er. Vor ein paar Tagen hätten ihn Freunde besucht. Sie wollten sich mit ihm betrinken. „Warum? Weil sie unglücklich sind über die weggebrochenen Geschäfte.“

Mit der Geduld am Ende

Seit die chinesische Regierung vor einem Monat im Weltsicherheitsrat den verschärften Sanktionen gegen Nordkorea zugestimmt hat, sind die Behörden in der Grenzregion rigoros dabei, die Vorgaben tatsächlich umzusetzen. Das ist keineswegs selbstverständlich. Offiziell hatte Peking auch vorher schon die UN-Sanktionen gegen den einstigen Bruderstaat mitgetragen. Doch in Dandong, der größten chinesischen Stadt an der Grenze zu Nordkorea, hatte sich kaum einer an die Vorgaben gehalten. Weder die Händler, die nordkoreanischen Funktionären Luxusartikel und Autoersatzteile verkauften, noch die Zollbeamten oder das Grenzmilitär, die oft ein Auge zudrückten und womöglich dafür Geld erhielten. So erzählt man es sich zumindest. Bis zuletzt bestritt Nordkorea 91 Prozent seines Außenhandels mit China.

Doch als am Morgen des 3. Septembers in Dandong die Erde bebte und sich wenig später herausstellte, dass Nordkorea erneut eine Nuklearbombe getestet hatte, war auch Pekings Geduld mit dem einstigen Verbündeten am Ende.

Die Sanktionen – sie gelten. Das zumindest besagt ein Aushang, der am Eingang des Fischmarktes von Dandong an einer Wand hängt. Verboten ist die ­Einfuhr von Eisen, Kohle und Meeresfrüchten. Auch Kleidung darf nicht mehr aus Nordkorea importiert werden. Nordkoreanisch-chinesische Gemeinschaftsunternehmen, von denen es in Dandong bis vor kurzem noch viele gab, müssen ihre Zusammenarbeit beenden. Alle nordkoreanischen Angestellten sind angewiesen, bis spätestens Ende des Jahres in ihr Land zurückzukehren. Jiang vermutet, dass einige Fischer trotzdem weiter Meerestiere von und nach Nordkorea transportieren. „Und wahrscheinlich noch ganz andere Dinge.“

Auf beiden Seiten des Grenzflusses Yalu erstrecken sich Zäune mit Stacheldraht. Nur im Stadtgebiet von Dandong nicht. Die Stadt ist das Tor zu Nordkorea. Früher hieß die Region Andong, der „friedliche Osten“. Einige Jahre nach dem Koreakrieg (1950 bis 1953) benannte Chinas damaliger Machthaber Mao Tsetung die Stadt um in Dandong, der „rote Osten“. Aus freundschaftlicher Verbundenheit zum Bruderstaat.

Immer neue Schleichwege

Damit es die „imperialistischen Kräfte“, namentlich Südkorea, die USA und die Vereinten Nationen, nicht noch einmal wagten, den Nordteil der koreanischen Halbinsel zu annektieren, stationierte Mao hunderttausende Soldaten im Grenzgebiet. Dandong wurde eine Garnisonsstadt. Das ist sie bis heute. Nur ist die Millionenstadt inzwischen auch Handelsmetropole. Und zwar im Geschäft mit Nordkorea.

„Was immer du in Dandong siehst, hat in irgendeiner Weise mit Nordkorea zu tun“, sagt Jiang. Entweder man sei Soldat oder man lebe vom Handel mit dem Nachbarn. „Was bis vor kurzem noch erlaubt oder toleriert war, ist nun verboten“, sagt er. „Aber es finden sich immer neue Möglichkeiten.“

Mitten von der Innenstadt von Dandong aus erstreckt sich eine Stahlkon­struktion über den Fluss – die Freundschaftsbrücke. Sie trifft auf der anderen Flussseite auf Sinuiju, Nordkoreas drittgrößte Stadt. 1937 von den japanischen Kolonialherren erbaut, ist die Brücke heute die Lebensader zwischen Nordkorea und der Außenwelt. Mehr als zwei Drittel des nordkoreanischen Außenhandels werden über sie abgewickelt.

Dabei ist sie nicht einmal besonders breit. Nur eine Schienentrasse und eine Straße für Busse und LKW führen über die Brücke – jeweils einspurig. Morgens um 9 Uhr wird der Grenzpfosten in Richtung Nordkorea geöffnet. Ab nachmittags geht es in die andere Richtung zurück. Fußgänger sind auf der Brücke nicht erlaubt. Trotz der Sanktionen läuft der Grenzverkehr, allerdings sehr viel schleppender als noch vor einem Monat. Im Schritt-Tempo rollen die meist abgenutzten Lastwagen über die 941 Meter. Die Zeiten, als scheinbar endlose Karawanen über die Brücke fuhren, sind vorbei. „Nach Nordkorea werden nur noch die notwendigsten Lebensmittel geliefert“, sagt Jiang. China habe die Kontrollen verschärft. Selbst kleine Laster würden nun durchleuchtet.

Umso mehr blüht auf der chinesischen Seite der Tourismus. Direkt neben der Freundschaftsbrücke steht eine zweite etwas niedrigere Stahlkonstruktion, die alte Yalu-Brücke. Heute heißt sie „Duan Qiao“, zerbrochene Brücke. Das letzte Drittel in Richtung Nordkorea fehlt. Amerikanische Bomber haben sie im Koreakrieg zerstört. Nur die massiven Pfeiler ragen aus dem Wasser.

Heute dient die Brücke als Mahnmal und als Plattform für chinesische Touristen, um einen Blick auf die andere Seite zu erhaschen. Am Brückenende stehen Ferngläser bereit. Zu erkennen sind auf nordkoreanischer Seite ein Riesenrad und eine Wasserrutsche – offensichtlich schon seit Jahren nicht mehr in Betrieb. Wenn auf der chinesischen Seite bei Nacht die Wolkenkratzer hell erstrahlen, ist es auf der nordkoreanischen Seite finster. „Für uns Chinesen ist Nordkorea wie das eigene Land vor 40 Jahren“, sagt Jiang. „Das fasziniert uns.“

So ist die Hauptattraktion für chinesische Touristen auch die Bootsfahrt auf dem Yalu. Mit 50 Stundenkilometern rast das touristenbepackte Schnellboot über den Fluss. 250 Yuan, umgerechnet rund 30 Euro, kostet die gerade einmal viertelstündige Fahrt pro Person. Der Bootsfahrer wirkt mit seiner Sonnenbrille und der schwarzen Weste eher wie ein Agent aus einem James-Bond-Film. „Der Fluss gehört beiden Seiten“, sagt er. Bis auf wenige Meter wagt er sich mit dem Boot ans nordkoreanische Ufer heran. Nur aussteigen dürfe man nicht.

Groteske Szenen spielen sich auf dem Yalu ab. Die chinesischen Touristen auf den Booten halten aufdringlich ihre Kameras auf die nordkoreanischen Hafenarbeiter und Grenzsoldaten. Sie müssen sich wie Tiere in einem Zoo fühlen. Einzelne versuchen, ihre Gesichter zu verdecken. Die meisten ignorieren den Trubel weitgehend.

An anderen Stellen bewerfen die nordkoreanischen Grenzsoldaten die chinesischen Touristen schon mal mit Steinen, berichtet der Bootsführer. Das passiere in Dandong nicht. „Hier sind sie das gewohnt.“ Nur vereinzelt legen die nordkoreanischen Soldaten das Gewehr an. „Eine extra Showeinlage“, sagt Jiang. Ihm sei nicht bekannt, dass einer von ihnen jemals geschossen habe.

Das Schnellboot rast den Fluss hinauf und steuert hinter den Büschen eine Stelle am Ufer an. Dort steht ein weiteres Touristenboot. Eine nordkoreanische Kutte mit einem Fischer nähert sich. Der hält eine Stange Zigaretten, eine Flasche Schnaps und in Plastikfolie geschweißte getrocknete Fische in die Luft – Dinge, die auf chinesischer Seite in jedem Supermarkt erhältlich sind. Die chinesischen Touristen greifen dennoch gierig zu. „Keine Sorge, ihr könnt auch zuschlagen“, sagt Jiang. „Schnaps und Zigaretten fallen nicht unter die Sanktionen.“

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