Russlands versteckte Kriege

Russland glaubt, der Westen wolle es mit einem hybriden Krieg in die Knie zwingen. Und versucht, mit noch raffinierteren Mitteln zu antworten. Die heimliche Invasion der Krim war nur der Anfang.

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Knapp zwei Jahre ist es her, dass die "Grünen Männchen" das Regionalparlament auf der Krim bewachten. Heute ist klar: Es handelte sich um russische Truppen ohne Erkennungszeichen.  Foto: 

Der hybride Krieg hat viele Gesichter. Die vor gläubiger Angst weit aufgerissenen Augen der betenden Frauen auf der Betonbrücke nach Slawjansk im April 2014, die grimmigen Mienen der mit Jagdgewehren bewaffneten Männer auf den Barrikaden dahinter. Und die faltenfreie Stirn des Russen Ruslan, der im Stadtpark mit einer Kalaschnikow herumschlendert. Er stamme aus Rjasan, habe dort in einer Eliteeinheit gedient, aber eilig gekündigt, um die russischsprachige Bevölkerung in der Ostukraine vor den Faschisten zu retten. Bis zum Unabhängigkeitsreferendum in ein paar Wochen werde er hier stehen. "Danach geht es nach Charkow. Und dann nach Kiew."

Seit mehreren Jahren diskutieren Russlands Militärs über eine neue Form des Krieges - den sogenannten hybriden Krieg. Er ist nach Ansicht der Russen eine amerikanische Erfindung, erprobt im Irak und in Libyen. "Der Westen hat schon gegen Jugoslawien 1999 hybrid Krieg geführt", sagt der Moskauer Militärexperte Viktor Litowkin. "Er veranstaltete erst eine Propagandakampagne und eine Wirtschaftsblockade, dann Bombenangriffe und eine Revolte in Belgrad."

Aber auch der russische Generalstabschef Waleri Gerassimow äußerte sich im Januar 2014 beeindruckt von den Möglichkeiten des hybriden Krieges: Die Effizienz nichtmilitärischer Mittel zur Erreichung politischer und strategischer Ziele übersteige inzwischen oft die militärischer Methoden. "Sie ergänzen einander mit verdeckten militärischen Maßnahmen, darunter informativem Druck, Spezialoperationen und die Nutzung des Protestpotenzials in der Bevölkerung."

Im März 2014 brachen in der Ostukraine prorussische Unruhen aus, auf der zur Ukraine gehörenden Schwarzmeerhalbinsel Krim besetzte ein schwer bewaffneter Kommandotrupp ohne Erkennungszeichen das Parlament, danach tauchten massenhaft Truppen ohne Erkennungszeichen auf. Sie kesselten die demoralisierten ukrainischen Garnisonen ein, sicherten eine hastig organisierte Volksabstimmung zum Wiederanschluss an Russland, entpuppten sich dann als russische Streitkräfte. Die "höflichen Leute", wie sie die russische Propaganda nannte oder die "grünen Männchen", so die ukrainische Gegenpropaganda, wurden zur Personifizierung dieses hybriden Krieges russischer Machart.

Im April begannen ähnliche Unruhen in den ostukrainischen Gebietshauptstädten Donezk, Lugansk, Charkow und Odessa. Zuerst fuhren russische Busse Demonstranten über die Grenze, die Menge stürmte Gebietsparlamente, danach besetzten Kommandotrupps - auch diesmal ohne Erkennungszeichen - Polizei- und Geheimdienstzentralen.

Aber es gab Gegendemonstrationen, ukrainische Truppen begannen, auf separatistische Demonstranten zu schießen. Ein Krieg entbrannte, den Russland auf vier bis fünf Etagen führte: Das Staatsfernsehen trompetete, die ukrainische Armee betreibe Völkermord an den ethnischen Russen in Donbass. Im ukrainischen Hinterland aber gingen Bomben hoch, prorussische ukrainische Politiker bezeichneten ihren Staat als korrupt, faschistisch und gescheitert. Auf Seiten der Rebellen kämpften tausende, angeblich beurlaubte Berufsmilitärs, bei der Kesselschlacht um Debalzewo rollten komplette sibirische Panzerbataillone auf. Und der Kreml beteuerte, man achte die territoriale Integrität der Ukraine.

Die russische Regierung ist überzeugt, der Westen führe seit Jahren einen verdeckten Krieg gegen Russland, habe deshalb auch die Maidan-Revolution in Kiew organisiert. Moskau will sich wehren. "Es gilt nicht nur, fremde Erfahrungen zu übernehmen", verlangt Generalstabschef Gerassimow, "sondern dem Gegner zuvorzukommen".

Die Schlacht um die Ostukraine hat sich beruhigt, der Propagandakrieg an der Westfront aber geht weiter. Laut Staats-TV steht der Zusammenbruch des gescheiterten ukrainischen Staates bevor, aber auch der Zerfall der Europäischen Union. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wird inzwischen heftiger geschmäht als der ukrainische Präsident Petro Poroschenko. Der Kreml finanziert in Frankreich den rechtsextremen Front National und dessen Chefin Marine Le Pen, der Auslandssender "Russia Today" feiert Pegida-Demonstrationen wie zuvor Rebellenkundgebungen im Donbass. "Die Grenze zwischen Krieg und Frieden schwindet", sagt Litowkin. Jedenfalls scheint Russland jetzt auch in der Kern-EU nach hybrid nutzbarem Protestpotenzial zu suchen. Die Psyche ist, wie der russische Militärtheoretiker Jewgeni Messner schon 1960 prophezeite, zur vierten Dimension des Schlachtfeldes geworden.

Die Heimatfront aber feiert die Lüge als neue Soldatentugend. Ein Werbeclip der russischen Armee zeigt einen Offizier, der schwerbewaffnet in einen Hubschrauber klettert, um über dem feindlichen Hinterland abzuspringen. Dabei erzählt er seinem Sohn am Handy, er mache Urlaub, das Hotel und das Freizeitprogramm seien klasse. Sein Sohn aber weiß, was "Urlaub machen" jetzt bedeutet, eilt stolz ins Wehrersatzamt, um sich selbst freiwillig zu melden. Russlands hybride Krieger haben die westliche Konkurrenz in gewisser Hinsicht weit abgehängt.

An allen Fronten

Clausewitz Ziel eines Krieges, so der preußische General Carl von Clausewitz (1780-1831), ist es, mit einem Akt der Gewalt dem Gegner seinen eigenen Willen aufzuzwingen. Daran hat sich bis heute grundsätzlich nichts geändert, mit der Ausnahme, dass in modernen Kriegen zunehmend das Merkmal der Asymmetrie auftritt.

Asymmetrie Klassisch werden Kriege zwischen Armeen geführt. Asymmetrische Kriege, bei der zahlenmäßig oder technisch unterlegene Kämpfer gegen reguläre Truppen antreten, gibt es meist im Guerillakrieg. Ein frühes Beispiel für Asymmetrie ist die Schlacht bei Sempach (1386) der - siegreichen - Schweizer gegen die Habsburger.

Hybridität Zum Krieg des 21. Jahrhunderts gehört die hybride Kriegsführung. Dazu gehören neben regulären Einheiten verdeckt und ohne Hoheitszeichen operierende Verbände, breit angelegte Desinformationskampagnen, die sich an die eigene Bevölkerung ebenso richten wie an den Feind, sowie zunehmend Angriffe im Cyber-Bereich.

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