Russlands Opposition wird immer jünger

Kritischer als ihre Eltern: Russlands junge Generation denkt eigenständiger. Es gibt Putin-Fans, doch immer mehr gehen wegen Missständen auf die Straße.

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Junge Demonstranten bei der Antikorruptionsdemo vor dem Tschapajew-Denkmal in Tscheboksary.  Foto: 

Nein, Revolution wäre zu grausam. „Dabei können Menschen sterben. Und hinterher leben die meisten Leute trotzdem schlechter als vorher.“ Nikita ist ein schmächtiger Junge mit blassem Kindergesicht. „Eine Revolution wäre nur berechtigt, wenn in unserem Land wirklich Totalitarismus herrschte.“ Nikita (15) geht in die 9. Klasse. Er ist einer der Schüler, die bei der Antikorruptionskundgebung am 26. März dabei waren. In ganz Russland gingen etwa 60.000 Leute auf die Straße, in der Wolgastadt Tscheboksary waren es rund 1000. Dmitri Semjenow, Koordinator der Oppositionsbewegung „Open Russian“ in der Wolgaregion, sagt, die Hälfte von ihnen seien unter 25 Jahren gewesen. Eine neue, junge, für Putins Regiment ziemlich unverhoffte Opposition, keineswegs extremistisch, aber für das System sehr unbequem. Wenn nicht gefährlich.

Sie sind keine 20 Jahre alt, studieren oder gehen noch zur Schule, ihre Jeans kommen meist aus China. Die Mädchen schminken sich wenig, einige tragen Zahnspangen. Aber alle besitzen ein Smartphone. Sie ignorieren das Fernsehen und seine von der Staatspropaganda sorgfältig gemixten Inhalte. „Die Erwachsenen, die Leute im Kreml, haben keine Ahnung, wofür sich diese Kinder interessieren“, sagt Walja Dechtarenko, Journalistikstudentin in Moskau, Menschenrechtsaktivistin und selbst 19 Jahre alt.

Die Kinder haben den Film des Bloggers Alexej Nawalny über die Landsitze und Motoryachten von Premierminister Dmitri Medwedew gesehen. Sie vergleichen das Luxusleben der Topbeamten mit den mageren Einkommen ihrer Familien. Alexander (16), Vollwaise aus Nowotscheboksarsk, lebt bei seinen Großeltern, sie kommen mit zwei Renten von weniger als 200 Euro aus. Nikitas alleinerziehende Mutter, eine Psychologin, verdient auch nicht viel mehr, sagt er. „Der Film hat mir einen Stich gegeben.“

Statistisch betrachtet steht Russlands Jugend geschlossener hinter Putin als der Rest der Bevölkerung. Nach einer Umfrage des Levada-Zentrums vom Januar befürworten 91 Prozent der 18- bis 24-Jährigen die Politik Putins, (was 85 Prozent der Gesamtbevölkerung auch tun). Aber gleichzeitig meinen 50 Prozent der jungen Russen, die staatlichen Behörden seien in beträchtlichem Maß von Korruption befallen, 25 Prozent halten die Behörden sogar für völlig korrumpiert.

Eigenständiger als die Eltern

Im Vergleich zur schweigenden Mehrheit sind Russlands Protestkinder jedenfalls eine Minderheit. Und sie sind sich dessen bewusst. Walja aus Moskau sagt, in ihrer früheren Klasse seien zwei Schüler aktiv gegen und zwei aktiv für Putin gewesen. „Alle anderen waren apolitisch.“ Laut Nikita sind von 32 Klassenkameraden zwei zur Demo gegangen, aus der Parallelklasse immerhin sechs. „Die übrigen sind nicht im Thema.“ Er selbst findet übrigens, es gebe schlechtere Präsidenten: „Putin hat in seinen ersten Regierungsjahren viel für Russland getan.“ Er fügt allerdings hinzu: „Aber was Putin macht, reicht nicht mehr aus.“

Auch Russlands starker Mann, so scheint es, ist nicht mehr drin im Thema. Und sein so unumstößliches Regime. „Diese Jugendliche sind unter Putin zur Welt gekommen“, sagt der Politologe Michail Winogradow, „jetzt macht sich bei ihnen offenbar die Sorge breit, dass sie auch unter ihm sterben.“

Die liberalen Moskauer Analytiker haben den Aufstand der Teenager schnell, aber sehr unterschiedlich erklärt. Jemand verkündet, Russland verspäte sich immer um ein halbes Jahrhundert, jetzt hole es die Revolte der westeuropäischen 68er-Generation nach. Andere erklären, die Jugend rebelliere, weil ihr Putins Kumpel-Kapitalismus alle sozialen Aufstiegsmöglichkeiten versperre. Auf jeden Fall eint sie das Gefühl, dass etwas faul ist in der Russischen Föderation.

Im Gegensatz zu ihren sowjetisch geprägten Eltern ist eigenständiges Denken für viele russische Kinder eine Selbstverständlichkeit. Selbst Oppositionsführer Nawalny trauen sie nicht recht. „Er kritisiert nur, bietet keine Lösungen, hat keine Mannschaft, die das Land verwalten könnte“, beschwert sich Walja. „Nawalny“, sagt Nikita, „ist das kleinere Übel.“ Nikita ist mit seinem Freund Ljoscha zur Demo am 26. März gegangen. Hinterher wurden beide von Polizisten abgeführt, ihre Eltern mussten sie von der Wache abholen. Ljoscha erzählt, man habe seinen Eltern mit Bußgeldern von umgerechnet 330 Euro Angst gemacht. Aus Rücksicht auf sie möchte er bei der nächsten Kundgebung zuhause bleiben. Nikita geht auf jeden Fall wieder hin. „Wer soll es tun“, fragt er, „wenn nicht wir?“

Am Samstag hat die Open-Russia-Bewegung des ehemaligen Oligarchen Michail Chodorkowski landesweit zu Anti-Putin-Demonstrationen unter dem Motto „Wir haben ihn satt“ aufgerufen. Am 12. Juni will dann Alexej Nawalny wieder gegen die Korruption mobil machen. 

Die Stimmung ist schon jetzt angespannt. Seit Wochen protestieren in mehreren russischen Regionen die Fernfahrer gegen neue Mautgebühren. In Moskau herrscht Unruhe wegen des geplanten Abrisses von mehr als 1700 Fünf-Etagen­Wohnhäusern aus der Chruschtschow-Ära. In Birobidschan in Fernostrussland kam es vergangenen Freitag zu einer Massenschlägerei zwischen Polizisten und Arbeitern. Die wollten ihren Chef, den Unternehmer Iwan Prochodzew vor der Festnahme bewahren. Prochodzew hatte zuvor mehrere Protestkundgebungen gegen soziale Ungerechtigkeit und Korruption organisiert. 

Am Dienstag wurde Präsident Wladimir Putin in Jaroslawl von etwa 30 kommunistischen Demonstranten empfangen, die gegen überhöhte Wohnkosten und Korruption protestierten. sts

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