Roboter machen Stimmung

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  • Wie kleine Roboter, die in Netzwerke eindringen, muss man sich Social Bots vorstellen. 
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    Wie kleine Roboter, die in Netzwerke eindringen, muss man sich Social Bots vorstellen. Foto: 
  • Ein Chatbot. 2/3
    Ein Chatbot. Foto: 
  • Der Bot „Tay“ macht sich selbstständig und twitterte Hassbotschaften. 3/3
    Der Bot „Tay“ macht sich selbstständig und twitterte Hassbotschaften. Foto: 
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Die Stimme am Telefon klingt gereizt. „Seit wann bist du bei den Reichsbürgern? Warum bombardierst du mich mit diesen Propaganda-Mails?“ Auf der anderen Seite herrscht erst einmal Schweigen. Der Angerufene kennt den Anrufer gut, versteht aber kein Wort. Ein Beispiel aus dem wahren Leben. Von einem geknackten E-Mail-Konto hat jemand eine Nachricht verschickt. Es sieht alles echt aus. Ist es aber nicht. Der wahre Absender: ein Bot.

Bei Bots denken manche nicht mehr ganz junge Zeitgenossen an die niederländische Politrockgruppe gleichen Namens, deren Lied „Was wollen wir trinken“ als instrumentale Begleitung zu jedem Heimspieltor der Fußball-Bundesligamannschaft TSG 1899 Hoffenheim erklingt. Sozusagen als Replik auf alte, auch nicht immer gute Zeiten. In der uns jetzt umgebenden digitalen Welt sind Bots dagegen Maschinen. Roboter. Da kommt der Name her – Bots als Kurzform für Roboter. Es können Arbeitserleichterer sein, die möglicherweise bald Apps und Internetseiten ersetzen. Einerseits. Es können aber auch Manipulatoren, Lügner und Betrüger sein. Die nicht einmal dann hinter Gitter müssen, wenn man sie in flagranti erwischt. Und sie mischen sich letztlich sogar in die Weltpolitik ein.

Die Konrad-Adenauer-Stiftung hat ein Papier in Auftrag gegeben, dessen Überschrift schon dazu angetan ist, Beunruhigung auszulösen. „Analysen und Argumente: Invasion der Meinungs-Roboter.“ Und die Einleitung beschreibt, auf welche Reise uns Bots mitzunehmen imstande sind. „Ob Brexit, Russland-Ukraine-Konflikt oder der US-Präsidentschaftswahlkampf: Immer häufiger treten in den sozialen Netzwerken Social Bots auf, die versuchen, Einfluss auf politische Debatten zu nehmen.“ Verfasser des Papiers ist der Münchner Professor Simon Hegelich, der in seiner Forschung „Politikwissenschaft und Computerwissenschaft zu Political Data Science“ verbindet.

Hegelich erklärt, dass man für die Herstellung von Social Bots nur drei Elemente braucht: „Nutzeraccounts, die in dem entsprechenden sozialen Netzwerk registriert sind, Zugriff auf eine automatisierte Schnittstelle (API) des sozialen Netzes und ein Programm, das die Bot-Accounts automatisch steuert.“ Die APIs stellen die Netzwerke im Prinzip kostenlos zur Verfügung. Die Steuerungssoftware kann man kaufen. Um 10 000 Twitter-Accounts steuern zu können, muss man etwa 500 US-Dollar ausgeben. Falsche Accounts wiederum werden per Hand oder automatisch geschaffen. 1000 Twitter-Accounts gibt es für 45 Dollar. Und so werden Follower und 
Likes in die Welt gesetzt, die es in Wirklichkeit überhaupt nicht gibt. Das finden zum Beispiel die Kandidaten im amerikanischen Wahlkampf sehr nützlich. Der Anteil echter Follower soll bei Clinton und Trump gerade einmal 60 Prozent betragen.

Auch Russland mischt nach Einschätzung von Simon Hegelich bei den Social Bots mit. „Insbesondere im Rahmen des Krieges in der Ukraine waren russlandfreundliche Kommentare im deutschsprachigen Internet in der deutlichen Überzahl, was im Widerspruch zu Umfragewerten und der Position der mit dem Thema befassten Journalisten sowie Volksvertreter steht.“

Für die Demokratie sind nicht zuletzt Bots gefährlich, die eine Hass-Stimmung im Internet verstärken, indem sie tausende Botschaften mit entsprechenden Texten verschicken. Umgekehrt übt übrigens das Netz Einfluss auf die Maschinen aus. Als Microsoft einen Chat-Bot namens „Tay“ bei Twitter anschloss, schickte der nach wenigen Stunden Botschaften wie: „Hitler hatte Recht. Ich hasse alle Juden.“

Mittlerweile hat die Diskussion um die Wirkung von Bots den Bundestag erreicht, genauer: den Ausschuss „Digitale Agenda“. Dessen Vorsitzender Jens Koeppen (CDU) meint: „Wenn es in den sozialen Netzwerken mindestens 100 Millionen Fake-Accounts gibt, dann ist klar, dass gehandelt werden muss.“ Die Gefahr, die von digitalen Manipulatoren ausgeht, sei „bislang unterschätzt“ worden. Das Thema müsse „unbedingt in die Öffentlichkeit“. Der Politiker aus dem Wahlkreis Uckermark-Barnim sieht auch strafrechtlichen Handlungsbedarf. Immerhin gehe es häufig um „Täuschung und Betrug“.

Dass es schwer wird, hinter den automatisierten Verfahren die menschlichen Täter ausfindig zu machen und ihnen Straftaten nachzuweisen, weiß Koeppen. Deswegen hält er Aufklärung für mindestens ebenso wichtig. „Wir brauchen mehr Medienkompetenz und wir brauchen eine Informationshygiene“, sagt der Abgeordnete. Aber es müsse auch jeder selbst darauf achten, „wem er im Internet traut“, empfiehlt Koeppen. Das gelte ebenfalls für die etablierten Medien. „Wenn in den Fernsehsendungen ungeprüft Facebook- oder Twitter-Einträge vorgelesen werden, dann weiß niemand, ob dahinter ein Mensch steckt oder ob die Social Bots am Werk sind.“

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