Riesenschiffe beuten die Meere aus

Immer größere Schiffe, immer größere Netze - die industriell betriebene Hochseefischerei ist Hauptverursacher der Überfischung der Weltmeere. Die EU versucht zu bremsen, tut sich aber schwer.

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Wer sich zum Aschermittwoch eine Makrele aus dem Tiefkühlregal eines Discounters seiner Wahl gönnt, hat mit einiger Wahrscheinlichkeit einen "Knüppelfisch" auf dem Teller. So heißen im Branchenspott die Kreaturen, die vor Monaten, manchmal vor mehr als einem Jahr von einem Super-Trawler irgendwo weit draußen auf dem Atlantik gefangen worden sind.

Sie werden auf dem Schiff ohne Behandlung "en bloc" eingefroren, Wochen später angelandet, nach China transportiert, aufgetaut, von billigen Arbeitskräften "prozessiert", also ausgenommen und küchenfertig aufbereitet, dann wieder eingefroren. Und irgendwann verkauft. Gegen die Ausweisung des Fangdatums hat sich die Fischindustrie bisher erfolgreich gewehrt.

"Ich könnte mich schon wieder in Rage reden", schimpft der Greenpeace-Fischereiexperte Thilo Maack, wenn er über industrielle Fischfangmethoden spricht. Sie entsprechen für ihn "dem Einsatz eines 290-PS-Traktors für die Bearbeitung von 50 Quadratmeter Garten - komplett überdimensioniert".

Dabei sollte seit einem Jahr alles besser werden. Denn seit 2014 gilt eine Neuausrichtung der EU-Fischereipolitik. Der Anspruch: Nachhaltiger Schutz der Bestände und Förderung der handwerklichen Fischerei. Doch die Ende des Jahres von der EU fixierten neuen Fangquoten lassen laut Greenpeace den Schluss zu, dass Brüssel es noch nicht so genau nimmt damit. Die von unabhängigen Wissenschaftlern empfohlenen Obergrenzen jedenfalls, die laut neuer Verordnung Maßstab für die Quoten sein sollten, seien nicht immer respektiert worden.

Die bis zu zwölf Meter langen Boote, die in Deutschland dreiviertel der Fischereiflotte ausmachen und meist kleinen Familienbetrieben entlang der Ostseeküste gehören, sind nicht das Problem. Greenpeace-Mann Maack nahm erst im Dezember wieder mit Schrecken die Dimension der bestandsgefährdenden Industrieschiffe wahr. Er traf im Ärmelkanal auf eine Flotte von Super-Trawlern, die nach seiner Kalkulation über die Kapazität verfügten, in einer Viertelstunde 200 Tonnen Hering zu fangen.

"Das ist das Fünffache der Jahresmenge, die ein mit ordentlicher Quote ausgestatteter Ostseefischer fängt", erklärt Meeresbiologe Maack. "Der hat aber 14-Stunden-Tage und verdient manchmal gerade 1300 Euro netto im Monat."

Die Super-Trawler dagegen werfen vor den Shetlands, Westafrika oder im Südpazifik bis zu 600 Meter lange Netze aus. So ist die unter deutscher Flagge vor Westafrika kreuzende "Maartje Theodora" 140 Meter lang und kann 6000 Tonnen Fisch an Bord nehmen, ehe sie nach Monaten wieder anlegt - also 6 000 000 Kilo. In den Netzen erstickt neben den gejagten Arten auch "Beifang" - Jungfische, Schildkröten oder mehr als zehn Jahre alte Dornhaie - deren Bauchlappen immerhin bereichern bei uns als "Schillerlocken" das Fischbuffet. Greenpeace stellt in einem neuen Report 20 solcher "Fischereimonster" vor, die oft unter rasch wechselnder Flagge die Meere ausbeuten (greenpeace.de/fairfischen).

Im Europaparlament hofft man, dass die Neuausrichtung nach einer Übergangszeit Früchte trägt (siehe Interview). Bei Greenpeace aber wird bezweifelt, dass der politische Wille zur Umsetzung und Kontrolle der neuen Fangquoten tatsächlich vorhanden sei. So sei auf Druck der deutschen Regierung die Quote für in der westlichen Ostsee gefangenen Dorsch höher festgesetzt worden, als von den Experten im Sinne der Bestandserhaltung empfohlen.

Als Vorbild nennt Thilo Maack Norwegen: "Die machen uns vor, was nachhaltige Fischerei ist. Die Strafen etwa für den Rückwurf von Beifang sind so krass, dass keiner was ins Meer zurückwirft."

Neben streng kontrollierten Fangquoten plädiert er auch dafür, Schutzbereiche gegen die industrielle Ausbeutung der Meere auszuweisen. An Land gebe es bereits zehn Prozent von extensiver Nutzung verschonte Fläche, im Meer gerade ein Prozent. Er weiß aber, dass das noch "eine Vision" ist.

Ganz andere Sorgen treiben Norbert Knöpfer um, einen Fischer in Langenargen am Bodensee. Im Winter fährt er dreimal in der Woche hinaus. Seine Beute am vergangenen Freitag: Fünf Kilo Felchen. Kretzer (Egli), Seeforellen, Hechte sind in der kalten Jahreszeit kein Thema - zu mager. Die etwa 100 Berufsfischer rund um den See beklagen, dass durch immer bessere Klärwerke und deshalb immer geringeren Phosphatgehalt im See keine Algen mehr wachsen und den Fischen Nahrung und Sauerstoff ausgehen.

Knöpfer, Sprecher des Württembergischen Fischereivereins am Bodensee, kann den Verzehr der wenigen im Schwäbischen Meer gefangenen Fische auch aus ökologischer Sicht nur empfehlen - man kriegt sie aber kaum noch. Knöpfer und seine Kollegen vermarkten den Großteil ihrer Fänge direkt, an Privatkundschaft oder Restaurants. Was es im Supermarkt an Süßwasserfisch zu kaufen gebe, stamme meist aus Aquakultur. Und auch die meisten Felchen, die in den Gasthäusern rund um den See auf den Tisch kommen, sind importiert.
 

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