Revolte im Fußballparadies

Es fing an mit sieben Cent mehr für eine Busfahrt. Nun erlebt Brasilien die größte Protestwelle seit langem. Korruption und immense Kosten für die Fußball-WM 2014 und Olympia 2016 geben den Anstoß.

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Zigtausende nahmen in Rio de Janeiro an den Massenprotesten teil. Zu Demonstrationen kam es auch in der Hauptstadt Brasilia und in weiteren WM-Austragungsorten. Teilweise kam es zu Ausschreitungen. Foto: dpa

Es begann vor zwei Wochen in Sao Paolo als kleine Demonstration gegen die Erhöhung der Preise im öffentlichen Nahverkehr um umgerechnet sieben Euro-Cent. Inzwischen ist daraus über soziale Netzwerke und als Gegenreaktion auf massive Polizeigewalt die größte Protestwelle der vergangenen Jahre in Brasilien erwachsen. Längst geht es um viel mehr: "Das vereinte Volk braucht keine Parteien! Brasilien hab acht, das Volk ist erwacht!" skandieren die Demonstranten, die am Montagabend den Kongress in der Hauptstadt Brasilia umlagern und auf das Dach klettern, bevor sie von Polizisten mit Tränengas und Pfefferspray vertrieben werden. Viele von ihnen trugen T-Shirts in den Nationalfarben grün-gelb.

Die Motive der Demonstranten sind so unterschiedlich wie ihre soziale Herkunft: "Wir hassen die Regierung. Sie tut nichts für uns", sagt der 19-jährige Oscar José Santos aus einem Armenviertel in Rio de Janeiro. "Ich bin Architekt und seit sechs Monaten arbeitslos", beklagt sich Nadia al Husin. "Es wird Zeit, dass wir Brasilianer auch mal die Zähne zeigen und nicht immer nur nett sind", schimpft die 53-jährige Yogalehrerin Deli Borsari. "Das neue Luxusstadion für die WM nützt uns nichts, wir wollen Sozialbauten und Infrastruktur in den Armenvierteln", so der 27-jährige Tiago Avila aus Brasilia.

Zuletzt waren 1992 in Brasilien so viele Menschen auf die Straße gegangen. Damals ging es um die Amtsenthebung des unter Korruptionsverdacht stehenden Präsidenten Fernando Collor de Melo. Nun fand sich eine Viertelmillion Unzufriedener in sieben brasilianischen Städten zu Kundgebungen ein. In Rio füllten rund 100 000 die Innenstadt, vereinzelt kam es zu Ausschreitungen. Hunderte Randalierer versuchten stundenlang das Regionalparlament des Bundesstaates Rio zu stürmen. Die Polizei vertrieb die Demonstranten mit Tränengas und Gummigeschossen.

In Sao Paolo waren es nach unabhängigen Schätzungen 60 000 Demonstranten. In Belo Horizonte überschnitten sich die Proteste mit dem Fußballspiel des Confederations-Cup Tahiti gegen Nigeria. Nachdem Demonstranten Straßensperren aus brennenden Reifen errichtet hatten, griff die Polizei ein und feuerte Gummigeschosse in die Menge. Das Stadion wurde von berittenen Polizisten, Panzerwagen, Drohnen und Polizeihubschraubern bewacht. Nicht nur dort, sondern im ganzen Land überlagerten die Proteste den Confederations-Cup, die Generalprobe für die Weltmeisterschaft, die in einem Jahr eröffnet wird. Beim Eröffnungsspiel des Cup wurde Präsidentin Dilma Rousseff vom Publikum lautstark ausgebuht und ausgepfiffen.

Für Rousseff von der linken Arbeiterpartei (PT) kommen die Proteste nicht nur unerwartet, sondern zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Nach Jahren des steten Wachstums und einer groß angelegten Umverteilung durch Sozialprogramme stagniert Brasiliens Wirtschaft. Auf die Fußball-WM folgen 2016 in Rio de Janeiro die Olympischen Spiele. Zu den "Megaevents" will sich Brasilien der Welt als modernes, aufstrebendes Land präsentieren. Und das könnte nun kräftig daneben gehen.

Sogar Rousseffs Wiederwahl im kommenden Jahr könnte auf dem Spiel stehen. Nachdem sie erst gezögert hatte und versuchte, die Verantwortung auf den oppositionellen Gouverneur in Sao Paolo abzuwälzen, konnte sie sich nun angesichts der Ausweitung der Protestwelle nicht mehr länger heraushalten. Sie sprach von "legitimen Demonstrationen, die zur Demokratie gehörten". Gouverneur Geraldo Alckmin bezeichnete die Demonstranten in- des als "Diebe und Vandalen" und weigerte sich, die Preiserhöhung rückgängig zu machen. Umfragen zufolge sympathisieren aber 55 Prozent der Einwohner von Sao Paolo mit den Demonstranten.

Die Proteste haben auch mit den Vorbereitungen für die "Mega-Events" zu tun, deren Kosten auf rund 24 Milliarden US-Dollar veranschlagt werden. Allein die Sanierung des berühmten Maracanã-Stadions in Rio kostete 360 Millionen Euro. Bauvorhaben sind in Brasilien generell ein Fest der Korruption, der reichste Mann Brasiliens, Eike Batista, schaffte den Aufstieg dank seines Bauimperiums. Die Panamerikanischen Spiele 2007 wurden beispielsweise zehnmal teurer als veranschlagt.

Bei den Vorbereitungen zu WM und Olympa kommt der Zeitdruck hinzu, dem sich die Regierung von FIFA und IOC ausgesetzt sieht, und durch den die Bauunternehmer die Preise noch mehr in die Höhe treiben können. Rund 47 Milliarden US-Dollar entgehen dem Staat jährlich durch Steuerhinterziehung oder Korruption, schätzt der Industrieverband in Sao Paolo.

Geld, das bei der Bildung und Gesundheit fehlt. Auch die Infrastruktur ist prekär, und die Preise dafür sind überhöht. Hinzu kommt Überdruss über die Rücksichtslosigkeit, mit der Politiker ihre Interessen durchsetzen. Zwangsräumungen für den Bau von Golfplätzen und Motorrad-Rennstrecken, die Zerstörung von öffentlichen Plätzen für den Bau neuer Metrostationen, Eintrittstickets für Fussballspiele in Höhe eines Mindestlohns - all das sorgt schon länger für Unmut. Die Proteste in Sao Paolo waren nur noch der Funken, der das Pulverfass zum explodieren brachte.

FIFA-Präsident Joseph S. Blatter gibt sich dennoch unerschütterlich. "Der Fußball ist stärker als die Unzufriedenheit der Menschen", sagte der Schweizer der Zeitung Estado de Sao Paulo und ignorierte dabei, dass die Cup-Gastgeber Brasilien und Mexiko heute in Fortaleza bereits den zweiten Spieltag eröffnen. "Wenn der Ball einmal rollt, werden die Menschen das verstehen, und das wird aufhören", glaubt Blatter und gibt sich zuversichtlich, dass sich "die Dinger beruhigen".

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