Rechte Gerade unter Freunden

Ein ehemaliger usbekischer Boxmeister führt in einem Bunker in Jerusalem einen glaubensübergreifenden Boxclub. Hier prügeln sich orthodoxe Juden und Muslime - in aller Freundschaft.

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Gershon Luxemburg (zweiter von links), Gründer und Chef des Jerusalem Boxing Clubs, mit einigen seiner Schützlinge. Foto: Silke Fries

Gershon Leizerson, orthodoxer jüdischer Siedler aus dem Westjordanland, fackelt nicht lange: Seine Faust trifft Gaith Zahaike, Araber aus Ostjerusalem, mit voller Wucht, Schweißperlen fliegen. Gaith Zahaike zuckt kurz und holt zur rechten Geraden aus. Plötzlich legt er den Arm um Gershon, beide lachen, wischen sich den Schweiß ab. Sich schlagen unter Freunden, das geht so nur im Jerusalem Boxing Club, in dem jüdische und arabische Israelis gemeinsam trainieren.

Am Rande eines Parkplatzes im Stadtteil Kathamon steht ein weißer Kasten aus Beton, es ist ein Bunker, der in Kriegszeiten den Anwohnern Schutz bieten soll. In Friedenszeiten trainieren hier drei Meter unter der Erde die Mitglieder des Jerusalem Boxing Clubs: Kleine Jungs, alte Männer, die kaum mithalten beim Joggen um die rote Trainingsmatte, junge Männer und Frauen, bei denen sich die Muskeln an den Oberarmen abzeichnen. Auf die Seile gelehnt brüllt Gershon Luxemburg, der Gründer des Jerusalem Boxing Clubs, seine Befehle an die ungleiche Trainingsgruppe: "Rechte vor!, Schneller!, Bewegt euch!, Und jetzt alle rückwärts!" Die Luft steht vor scharfem Schweißgeruch.

Gershon Luxemburg, 68, war mehrfach usbekischer Boxmeister, bevor er 1972 nach Israel auswanderte. Für das israelische Nationalteam holte er sieben Mal den Meistertitel im Halbschwergewicht. Er kämpfte aber auch an anderen Fronten: Zweimal wurde er in Kriegen mit arabischen Nachbarstaaten verwundet. "Meine Wut auf Araber war groß. Ich war ein halbes Jahr im Gefängnis, weil man bei mir Munition fand und Anti-Panzergranaten. Mir war klar: Wenn jemand aus meiner Familie bei einem Anschlag gestorben wäre, wäre ich in arabische Dörfer gegangen - und ich weiß nicht, was ich dort getan hätte."

Umso größer war sein innerer Widerstand, als eines Tages ein Araber aus Ostjerusalem in der Tür des Jerusalem Boxing Clubs stand. Eigentlich war der Club von Gershon Luxemburg und seinen drei Brüdern für jüdische Boxbegeisterte gegründet worden. "Als dann plötzlich ein Araber auf der Matte stand, war ich sehr skeptisch. Für mich waren sie Mörder. Doch mir wurde klar: Das sind ganz normale Menschen mit vielen guten Seiten."

Für den arabischen Israeli Gaith Zahaike, 22, ist Luxemburg heute mehr als ein Trainer: "Für mich ist er ein sehr guter Freund. Wenn wir zu Boxkämpfen in arabische Dörfer in Israel fahren, bin ich immer sein Übersetzer. In Hotels teilen wir uns oft ein Zimmer. Ich sehe in ihm weder einen Juden noch einen Araber, er ist für mich Vaterersatz." Und Luxemburg ergänzt: "Es sind alles meine Kinder. Und manchmal boxen meine Jungs und Mädchen gegen rein jüdische Clubs. Und dann steh ich am Ring und ruf die arabischen Namen: Ismael oder Rama - schlag zu. Dann kanns schon mal vorkommen, dass man mich für einen Antisemiten hält."

Im Jerusalem Boxing Club aber bleibt Politik außen vor - darauf legen die Luxemburgs großen Wert. Was zählt, sind olympische Prinzipien wie Fairness und Frieden unter den jüdischen, muslimischen, christlichen und armenischen Mitgliedern. Es sei von großer Symbolkraft, dass im Bunker trainiert werde: "Oben kann die Welt verrückt spielen - es kann Kriege geben oder die Politiker machen ihr Ding. Hier bleibts friedlich."

Der orthodoxe Jude Gershon Leizerson lebt zwischen Jerusalem und Hebron in Gush Etzion, einer jüdischen Siedlung im Westjordanland. Er ist Geiger in einer bekannten Klezmerband und hat mittlerweile enge Freunde aus Ostjerusalem, die auch seine Konzerte besuchen: "Ich weiß, dass meine arabischen Sparringpartner keine großen Zionisten sind und sicher sind sie auch gegen die jüdischen Siedlungen im Westjordanland. Aber darüber wird hier nicht gesprochen. Sonst würde es doch zu Konflikten kommen."

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