Putin verstehen

Putin. Der macht fiese Anti-Schwulen-Gesetze, verleibt sich die Krim ein und steckt Oligarchen ebenso ins Gefängnis wie hübsche Rockmusikerinnen. Gegen dieses durchaus korrekte Bild schreibt der Fernsehjournalist Hubert Seipel an - weil es einseitig ist.

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Denn der richtige Platz für so manchen Oligarchen könnte durchaus das Gefängnis sein, die Aktivistinnen der Rockgruppe Pussy Riot sind politisch naive Mädchen, und Russland ist ein schwulenfeindliches Land, dessen Meinung sein Präsident nur bedingt ignorieren kann. Damit hat Seipel nicht Unrecht. Putin ist Präsident der Russen, er muss nicht der Präsident sein, den wir gerne hätten.

Seipel weist ausgiebig auf Putins Verdienste hin, allen voran auf die Stabilisierung des Landes nach den gesetzlosen und wirtschaftlich niederschmetternden Horrorjahren der Jelzin-Ära. Gnadenlos erinnert Seipel an die Fehler des Westens: Entgegen aller Abmachungen ist die Nato beständig an die russische Grenze gerückt. Ebendies nicht zu tun, war eine Zusage des Westens, welche die Sowjetunion erst der deutschen Wiedervereinigung hat zustimmen lassen. So sieht es nicht nur Putin, sondern auch ein großer Teil der europäischen Experten.

Dass Russland ein Nachfolgestaat der Sowjetunion ist, ändert nichts an der Tatsache, dass eine Osterweiterung der Nato nicht im Interesse des Riesenreiches liegen kann. Und die Interessen Russlands konsequent zu missachten, stattdessen unentwegt die inneren Gegner der gewählten Regierung zu fördern, das zeugt von grober außenpolitischer Fahrlässigkeit. Soweit Seipels zutreffende Kernaussage, die er mit nüchternem, faktenfreudigen Verve vorträgt.

Das Nachrichtenmagazin "Spiegel" ist der Meinung, Seipel habe einen Zugang zu Putin wie kein anderer Journalist aus dem Westen. Wenn das stimmt, dann liegt die Gefahr im Raum, dass er vielleicht nicht nur erklären, sondern verklären will. Und in der Tat: Seipels menschelndes, aber doch recht freundliches ARD-Porträt, "Ich, Putin" aus dem Jahr 2012 ist vielschichtiger und einen Tick kritischer als das neue Buch. Das hat wohl mit Seipels Zielen zu tun: einerseits zu zeigen, wie Putin tickt, andererseits der herrschenden, gefährlichen Meinungsmehrheit vom bösen Putin entgegenzutreten.

Und genau das macht dieses Buch des Putin-Verstehers Seipel so wichtig. Denn wer Putin nicht verstehen will, der hat gar nichts verstanden.

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