Flüchtlinge: Probleme bei der Altersschätzung

Wie alt bis du? Die Frage ist für die meisten Menschen in Deutschland leicht zu beantworten. Fehlen jedoch Ausweispapiere, kann es schwierig werden: Das Alter beeinflusst zum Beispiel die Behandlung junger Flüchtlinge. Und das Strafmaß bei Verbrechen.

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Ein Röntgenbild auf einem Bildschirm zeigt in einem Klinikum in Baden-Württemberg die linke Hand eines jungen Menschen im Alter zwischen 16 und 19 Jahren.  Foto: 

Wenn ein junger Flüchtlinge vor Gericht steht, beherrscht eine Frage die öffentliche Diskussion: Wie alt ist er wirklich? Ein Gutachten zur Altersbestimmung ist in Auftrag gegeben. Mit welchen Methoden es erstellt wird – noch offen. Ein Überblick über die Möglichkeiten:

Welche Methoden der Alterbestimmung gibt es?

Man kann bestimmte Knochen röntgen, das Gebiss untersuchen, Geschlechtsmerkmale wie Scham- und Körperbehaarung sowie den Bartwuchs betrachten. In den Niederlanden laufen außerdem Studien, um das Alter mithilfe von Blut zu bestimmen – allerdings sind diese Forschungen noch in der Erprobungsphase.

Neben rein auf den Körper bezogenen, biologischen Untersuchungen, sind entwicklungspsychologische Einschätzungen sehr wichtig, erklärt Anthropologin Ursula Wittwer-Backofen von der Universitätsklinik Freiburg. „Wir sagen immer: Eine Kombination ist sinnvoll.“

Welche der biologischen Methoden sind die aussichtsreichsten?

Dazu muss man sich die Merkmale am Menschen anschauen, die sehr eng mit dem kalendarischen Alter verknüpft sind, erklärt die Professorin: „Also verwenden wir radiologische Methoden, die uns etwas über die Skelettreife sagen.“

Was heißt das und was wird gemacht?

Bei diesem Verfahren werden bestimmte Knochen geröntgt. Zum einen ist das der Handwurzelknochen, der vor allem bei mutmaßlich unter 16 Jahre alten Jugendlichen gute Hinweise gibt. Sind die sogenannten Wachstumsfugen auf dem Röntgenbild bereits verschlossen, wäre ein Junge nach Angaben Wittwer-Backofens ungefähr zwischen 16 bis 18. Ein Mädchen wäre, da bei Frauen das Wachstum früher abgeschlossen ist, zwischen 15 bis 17.

Außerdem aufschlussreich auf dem Röntgenbild sind die Wachstumsfugen auf dem Beckenkamm und dem Schlüsselbein. Sie schließen sich deutlich später, mit 20 bis 24 Jahren.

Auch das Gebiss kann untersucht werden. Je nach Ernährungszustand und zahnmedizinischer Versorgung können die Ergebnisse aber sehr unterschiedlich ausfallen. Betrachtet werden etwa der Zustand von Zahnfüllungen oder der Abrieb der Zähne. Sind Weisheitszähne schon da, kann auch dies gewisse Aufschlüsse geben.

Wie gehen die einzelnen Länder vor, wenn sie das Alter junger, unbegleiteter Flüchtlinge bestimmen wollen?

Wo liegen die Probleme der Verfahren?

Manche Methoden – etwa eine Altersschätzung über die Betrachtung der Geschlechtsmerkmale – sind ethisch umstritten. Andere, wie das Röntgen von Schlüsselbein oder Beckenkamm, sind wegen der hohen Strahlenbelastung nicht wünschenswert. Eine Knochenuntersuchung mithilfe eines sogenannten MRT wäre zu teuer. Jahresringe auf Zahnwurzeln zu betrachten ist nicht erlaubt: Dafür muss der Zahn gezogen werden.

Hinzu kommt: „Vom Altersprozess in anderen Ethnien wissen wir wenig“, gibt Wittwer-Backofen zu bedenken. „Viele Merkmale wurden nur an europäischen Menschen untersucht.“ Für viele anderen Länder etwa in Afrika, Asien oder im Mittleren Osten habe man keine Daten, auf deren Basis man vergleichen könnte.

Sind die Methoden wenigstens einigermaßen genau?

Eine genaue Altersbestimmung ist mit keiner Methode möglich. Alle weisen Bandbreiten von plus minus mindestens einem Jahr auf. Auch existiert in Deutschland „keine einheitliche Handhabung bei Vorgehensweise und Methodenwahl“, schreibt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). „Am erfolgversprechendsten erscheint es, mehrere Methoden in einem Stufenverfahren zu kombinieren, um die Schätzgenauigkeit zu erhöhen.“

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