Viele Tote, schreckliche Bilder

Ulm.  Es war sein siebter Einsatz als Bundeswehrarzt in Afghanistan. Und er war schlimmer, als er sich hatte vorstellen können, sagt Thorsten Heuter. Elf Wochen Ausnahmezustand. Ein Einsatz, der nachwirkt.

So schwer war es noch nie, sagt Thorsten Heuter (37), Anästhesist am Bundeswehrkrankenhaus Ulm. Wenn etwas Unvorhergesehenes geschieht, tauchen sie wieder auf, die Bilder aus seinem Einsatz als Leiter des Notfallteams im Rettungszentrum im afghanischen Kundus. Und so wie ihm geht es dem Assistenzarzt Rafael Bender und dem Anästhesiepfleger Franz Zinoni, die mit ihm unterwegs waren. Nach früheren Einsätzen waren die Eindrücke aus der Unruheprovinz im Norden des Landes nach drei Tagen weggewischt gewesen, vom Alltag überschrieben. Diesmal, nach seinem siebten Einsatz in der Region am Hindukusch, ist alles anders.

Vielleicht liegt es aber auch nur an der noch nie dagewesenen Intensität dieses Einsatzes. Elf Wochen Dauerstress, viele Schwerstverletzte, zu jeder Tages- und Nachtzeit in den OP-Trakt, wenig Schlaf, der Tod des Arztkollegen vom Bundeswehrkrankenhaus Ulm zwei Wochen nach Ostern, all das hat Spuren hinterlassen. "Wir wussten manchmal nicht mehr, welche Tageszeit wir hatten", erzählt Heuter.

Weil sich die Einsätze in Kundus seit Jahren ständig verschärften, sind die Bundeswehrkliniken längst dazu übergegangen, nicht nur einzelne Ärzte abzukommandieren, sondern komplette Teams zu schicken. So wie Heuter, Bender und Zinoni. Sie verstehen sich blind, weil sie auch daheim in der Klinik und im Rettungshubschrauber gemeinsam zu Notfällen unterwegs sind. Ohne dieses Verständnis wäre es kaum zu schaffen gewesen im Feldlazarett in Kundus, sagt Heuter.

Wer als Mediziner dort hinkommt, hat keine Zeit zur Eingewöhnung. Für Heuter, Bender und Zinoni geht es schon in der ersten Nacht rund. Um 2 Uhr morgens werden sie herausgeworfen. Ein US-Hubschrauber landet, keine Vorwarnung. Fünf durch Schüsse schwerverletzte Soldaten einer amerikanischen Spezialeinheit werden ausgeladen. "Wir kannten das übrige OP-Team noch gar nicht", erinnert sich Heuter. Es war nur die erste blutige Nacht in einem der Container-OP-Säle von Kundus.

Nur zwei Nächte später: US-Spezialkräfte sind auf der Jagd nach zuvor entdeckten Taliban-Kämpfern. Es handelt sich um Spezialkommandos, die nicht der internationalen Afghanistan-Schutztruppe Isaf angehören, sondern dem US-Geheimdienst CIA unterstehen. Tötungskommandos, sagen die Soldaten in Afghanistan. Die Taliban fliehen in ein Dorf, das Dorf wird umstellt. Die US-Soldaten und Trupps der afghanischen Armee ANA durchkämmen Haus für Haus. Plötzlich fliegt eine Haustür auf, eine bewaffnete Gestalt taucht auf, hält ein Kind vor sich und feuert. Dann geht die Tür wieder zu. Ein schmutziger Krieg. Es ist an der Tagesordnung, dass Familien von Taliban als Geiseln genommen werden. Die Soldaten haben nicht zurückgeschossen. Aber einige von ihnen wurden schwer getroffen. Sie landen wenig später auf den OP-Tischen der Bundeswehr.

So geht es weiter. Durchschnittlich erhalten sie in jeder Woche einmal mehr Patienten, als sie versorgen können. Dann ist Heuter als leitender Notarzt für die Notfallversorgung im Rettungszentrum gerufen. Er muss entscheiden, wer zuerst behandelt wird, wer per Flugzeug oder Hubschrauber verlegt wird ins große Feldlazarett im Hauptlager Masar-i-Sharif der Bundeswehr. Wer hat die besten Chancen zu überleben? Der wird zuerst operiert. Triage nennen die Mediziner diese Auswahl, sie kann eine Entscheidung über Leben und Tod sein. Das Verfahren geht selbst erfahrenen Notfallmedizinern an die Nieren. Ein ungeheurer Druck auf den, der sie fällen muss.

Dazu die Nachteinsätze, der Schlafmangel, der unruhige Schlaf, weil man immer auf den nächsten Alarm wartet. Irgendwann merkt man: "Ich muss Ruhe haben, die Akkus aufladen." Nichts geht mehr. Dann kommen die nächsten Verletzten und es geht doch weiter. Die Extrembelastung schweißt zusammen. Wäre man allein, wäre es nicht mehr auszuhalten.

Das ist anders als in der Klinik, in der es auch Stress gibt. Aber am Abend geht man nach Hause, übergibt die Verantwortung der nächsten Schicht, schaltet ab. In Kundus ist jeder Rückzug in eine kleine private Ecke ausgeschlossen. Weil das Lager ursprünglich für 500 Soldaten geplant wurde, jetzt aber 1500 dort leben, liegen drei Mann auf einer Bude. Ausweichen unmöglich.

Die Soldaten aus den Bundeswehrkrankenhäusern schmeißen im Rettungszentrum den Laden: OP-Team, Labor, Röntgen, Anästhesie. Andere, darunter auch Rettungssanitäter aus der Truppe, tun sich schwer mit dem ungewohnten Klinikbetrieb im Einsatzland, erzählt Heuter. Um seine Mitarbeiter zu schonen, geht der Chefanästhesist dazu über, sich die Toten aus der afghanischen Armee, die gebracht werden, bereits am Tor anzusehen. Es kommen viele Tote an. Und es sind schreckliche Bilder.

Dazu kommen persönliche Dramen. Als eine Krankenschwester vom Tod eines befreundeten Soldaten erfährt, bricht sie fast zusammen. Sie bauen sie mühsam wieder auf. Dann kommt der "schwarze Karfreitag". Fallschirmjäger aus dem niedersächsischen Seedorf suchen im Distrikt Chahar Darreh, einer Taliban-Hochburg einige Kilometer westlich von Kundus, nach Sprengfallen. Sie werden von etwa 30 bis 40 Talibankämpfern angegriffen, später sind es doppelt so viele. Die Kämpfe ziehen sich zehn Stunden hin. Drei Bundeswehrsoldaten sterben, elf werden verletzt.

Nur spärliche Nachrichten erreichen das Rettungszentrum in Kundus. Sie wissen, dass zwei ihrer Kollegen vor Ort sind, um Verwundete zu versorgen. Eine Ärztin pendelt unter Dauerbeschuss zwischen dem Rettungswagen und der Kampflinie, um Verletzte in Sicherheit und zur Versorgung zu bringen.

Es wäre ein klassischer Einsatzort für deutsche Kampfhubschrauber gewesen - wenn es diese nur gäbe. Die schwerfälligen und überalterten deutschen Hubschrauber CH-53 drehen ab: zu verletzlich, zu groß für die Landung dort. US-Hilfe ist nötig. Drei Black-Hawk-Kampfhubschrauber pendeln zwischen dem Kampfort und dem Rettungszentrum. Zwei landen abwechselnd und holen die Verletzten und Toten heraus, so weit es möglich ist, während der dritte von oben feuert, um die Angreifer in Schach zu halten. Alle drei Hubschrauber werden mehrmals getroffen, haben Löcher, aber machen weiter, erzählt Heuter.

Ohne diese Hilfe wären alle beteiligten deutschen Soldaten tot gewesen, sagt einer. Die Bundeswehr hat kein einziges für dieses Land taugliches Flugmuster, sagte ein Soldat der kämpfenden Truppe und schimpfte auf die viel zu lahme Beschaffung moderner Waffen für die Bundeswehr. Die Hubschrauber würden seit Jahren versprochen. "Dass wir keine funktionierende Luftrettung haben, ist eine Katastrophe", sagen auch die Ärzte aus der Bundeswehrklinik.

Mehrmals donnern US-Kampfflugzeuge im Tiefflug über den Ort der Kämpfe. Aber kein Schuss und keine Bombe fällt. Es sind Zivilisten dort, heißt es. In dieser Zwickmühle befinden sie sich regelmäßig.

Seit bei der Bombardierung der beiden Tanklastzüge nahe am Lager Kundus Zivilisten umkamen und ein Verfahren gegen Oberst Klein lief, der den Einsatzbefehl gab, wage es kein Befehlshaber mehr, ein Bombardement anzufordern. Das sagen Bundeswehrsoldaten verbittert, die mehrmals in Afghanistan waren. Ohne Luftunterstützung aber sterben Deutsche. Und einige, die nicht im Ruf stehen, Rambos zu sein, ziehen daraus zumindest verbal die Konsequenz: Wenn man in Afghanistan kämpft, muss man so dreckig sein wie die Gegner, sonst riskiert man das Leben der Kollegen. Grausame Kriegslogik.

Im Rettungszentrum ist an diesem Karfreitag die Hölle los. Irgendwann sind 11 Verletzte und Tote da, weit mehr, als das kleine Rettungszentrum selbst versorgen kann.

Nur zwei Wochen später ähnliche Situation: Durch einen Sprengstoffanschlag beim Ort Baghlan sterben in dem Fahrzeug drei Soldaten. Das Arztfahrzeug, das zu Hilfe eilt, wird von einer Panzerabwehrwaffe getroffen, ein Arzt aus dem Bundeswehrkrankenhaus Ulm im Auto ist sofort tot. Ein Mann mit Schädel-Hirn-Trauma wird Spätschäden davontragen, sagen die Mediziner.

Irgendwann arbeiten sie im Rettungsteam wie in Trance. Wie man das elf Wochen durchhält? Man muss befreundet sein, wie die drei Ulmer. Sie haben regelmäßig ihre Joggingrunden gedreht, 2,5 Kilometer lang, eine Lagerrunde. Jeden zweiten Tag geht es in den Fitnessraum. Sie haben sich Weißwürste in Dosen schicken lassen, und Weißwurstsenf, ein klein wenig Alltag und Heimatgefühl im Kriegschaos. Dann geht wieder das Telefon: ab in den Schockraum, in dem die Schwerverletzten ankommen. Nach schrecklichen Erlebnissen wie denen am Karfreitag oder nach dem Überfall 14 Tage später sind auch viele der Helfer wie gelähmt; sie brauchen unheimliche Energie, um wieder in die Arbeit zu finden.

Die drei Ulmer bemühen sich, ihren Alltag wiederzufinden. "Uns muss klar sein, dass das zu unserem Job gehört", sagt Thorsten Heuter. Aber einer aus ihrem großen Rettungsteam in Kundus verlor bei dem Einsatz außerhalb des Lagers sein Augenlicht. Wie will man damit fertig werden?

Zwei Tage nach der Rückkehr gingen Heuter und seine beiden Kollegen zum Dienst in die Ulmer Bundeswehrklinik. Die Gespräche mit denen, die ähnliche Situationen erlebt haben, halfen ihm zurückzufinden. Sonst hatte der ruhig und bedacht wirkende Mann immer Reserven, um sich in der Freizeit um seine Frau und die drei Kinder zu kümmern. Diesmal ging nichts mehr, erzählt er. Wenn jetzt sofort der nächste Einsatz anstünde? Nein, das könne er nicht, sagt Thorsten Heuter. Das könne keiner von ihnen. "Ich wäre auch nicht gut."


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Kommentare (3)

16.06.2010 16:02 Uhr |   Falco

Freiwillig

Der Arzt hat sich freiwillig für diesen Dienst entschieden. Anästhesisten sind im In- und Ausland auch für viele zivile humanitäre Einsätze gesucht.
18.06.2010 10:28 Uhr |   Jonas

einfache Sichtweise

Meinen Sie nicht, daß Sie es sich so etwas einfach machen?! Nur weil jemand sich für den Job entschieden hat, muß er auch zwangsläufig mit diesen grausamen Erfahrungen umgehen können und hat kein Recht auf menschliche Empfindungen... Zudem hat sich ein Sanitätsoffizier im Alter von 37 Jahren zu einer Zeit für diesen Job entschieden, als die Bundeswehr noch eine Verteidigungsarmee war. Zu dieser Zeit waren Einsätze wie diese nicht absehbar!
Um sich ein Urteil zu erlauben, sollte man sich doch etwas differenzierter mit dem Thema auseinandersetzen!
21.06.2010 19:12 Uhr |   Falco

Notfalls Konsequenzen ziehen

Wenn jemand mit "grausamen Erfahrungen" in seinem Job nicht umgehen kann sollte er diesen - wie in meinem obigen Beitrag angedeutet- wechseln.

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Autor: WILLI BÖHMER | 16.06.2010

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