Polnischer Spitzentheologe kritisiert Politisierung der Religion in seinem Land

Papst Franziskus und der polnische Klerus: Viel verbindet die beiden Lager nicht. Und doch treffen sie diese Woche aufeinander: beim Weltjugendtag in Krakau.

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    Die Vorbereitungen sind abgeschlossen. Am Dienstag beginnt der Weltjugendtag in Krakau. Theologisch treffen Welten aufeinander. Foto: 
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    Stanislaw Obirek. Foto: 
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Am Mittwoch trifft Papst Franziskus in Polen auf eine konservative Kirche. Wie ist die Stimmung?
STANISLAW OBIREK. Das hängt davon ab, wen Sie fragen. Der liberale Teil der polnischen Gesellschaft sieht die Visite mit großen Erwartungen. Er hofft, dass die Botschaft des Papstes jetzt auch in Polen ankommt.  Die staatlichen Medien vermitteln sehr zurückhaltend. Wenn er hier ist, wird es unmöglich ihn zu zensieren. Die Konservativen machen eine gute Miene zum bösen Spiel.  Sie befinden sich nicht auf der Linie des Papstes.  Man spürt das bei dem was sie verschweigen. Papst Franziskus ist in dieser teilweise fundamentalistischen Kirche nicht zuhause.

Kirchenpolitisch treffen Welten aufeinander: Ein Klerus, der  beim verstorbenen Papst Johannes Paul II. stehen geblieben ist, und ein Papst, der die Kirche in der heutigen Zeit verankern will.  Können sich diese Lager  verständigen?
OBIREK: Der polnische Klerus hat die Botschaft des polnischen Papstes Johannes Paul II. sehr selektiv aufgenommen. So hört man in Polen wenig über dessen Ideen zur Ökumene und dem interreligiösen Dialog. Man konzentriert sich nur auf die letzten Jahre, wo die ganzen Vorbehalte gegenüber der Moderne zum Ausdruck gekommen sind.  Die Schwerpunkte von Franziskus sind Dialog, Offenheit und Pluralismus.

Sind das die Hauptstreitpunkte?
OBIREK: Nein. Papst Franziskus hat eine Option für die Armen. In Polen wertet man die Befreiungstheologie dagegen bis heute kritisch. Man will eine institutionell starke Kirche, die sich mit weltlichen Mitteln präsentieren kann. Das zeigt sich in einem Bau-Enthusiasmus. Man hat in jüngster Zeit drei große Kirchenprojekte durchgesetzt. Damit will man demonstrieren, wer mächtig ist. Das ist auch ein Signal an die Politik, sich auf die Seite der Kirche zu stellen. Ein anderer Punkt ist die konfrontative Gestimmtheit des polnischen Klerus. Man will dort nur die eigene Weltanschauung gelten lassen. Auch in moraltheologischen Fragen gibt es große Unterschiede. Bei der Familiensynode wurde deutlich, dass der polnische Klerus zu den Hardlinern gehört, wenn es um wiederverheiratete Geschiedene oder Homosexuelle geht.

Die Option für die Armen spiegelt sich auch in der Flüchtlingsfrage. Franziskus fordert offene Herzen, ein Teil des polnischen Klerus geschlossene Grenzen.  Kann der Papst Kirchenmänner und Politik zum Umdenken bringen?
OBIREK: Die jetzige PiS-Regierung war von Anfang an gegen Flüchtlinge. Zwar sehen das einige Bischöfe anders, doch hat noch kein Bischof Kritik an der jetzigen Regierung geübt. Franziskus Botschaften werden in Polen nur zögerlich kommuniziert. Die Flüchtlingsthematik wird fast nur unter dem Aspekt der Sicherheit debattiert, als ob alle Flüchtlinge Terroristen sind. Da schäme ich mich für mein Land. Ich hoffe, dass Papst Franziskus einen neuen Geist befördern kann.

Es gibt noch einen weiteren Konflikt. Papst Franziskus spricht sich für eine Trennung von Kirche und Politik aus. In Polen sind diese beiden Bereiche allerdings eng verwoben.
OBIREK: Der Papst bringt Erfahrungen mit der Militärregierung in Argentinien mit. Auch weiß er, wie sehr sich die Kirche in Franco-Spanien kompromittiert hat. Auch in Polen haben wir eine enge Verknüpfung. Während des politischen Umbruchs Ende der 80er Jahre spielte die katholische Kirche eine gute, vermittelnde Rolle. Jetzt jedoch beansprucht sie eine Monopolstellung in der Politik. Leider glauben noch immer viele, dass ein Pole katholisch sein muss. Und dass, wer nicht katholisch ist, ein Staatsbürger zweiter Klasse ist.

Warum gibt es diese Nähe zwischen der nationalkonservativen PiS-Regierung und der katholischen Kirche?
OBIREK: Wir haben eine Win-Win-Situation. Die katholische Kirche profitiert von finanziellen Zuwendungen des Staates. Umgekehrt sprechen sich viele kirchliche Medien für die jetzige Regierung aus. Die Kirche ist da nicht auf dem Stand von heute. Ihr Denken datiert aus der Zeit vor dem Ersten Vatikanischen Konzil. Auch wenn sich nicht alle Bischöfe in diesem Sinn äußeren, haben wir in Polen eine Ehe zwischen fundamentalistischer Politik und fundamentalistischer Religion. Das ist eine Politisierung der Religion und damit eine Form von Theokratie.

Auch in den Jahren nach 1989 hat die katholische Kirche politische Macht beansprucht – und Privilegien bei der Privatisierung . . .
OBIREK: . . . deshalb haben dann ja auch ehemalige kommunistische Parteien die Wahl gewonnen. Doch eine Politisierung der Religion gibt es nicht nur in Polen. Das findet sich auch in der Türkei, in Israel, in Russland. Die kirchlichen Institutionen erhoffen sich Vorteile. Doch der Papst will, dass die Kirche Salz der Erde ist und kein politischer Akteur. Ich hoffe, dass Franziskus da einen Schock bewirkt.

Wie reagieren die Menschen auf die Politisierung der Kirche?
OBIREK:  Mehr und mehr gehen auf die Straße. Die Leute haben genug. Der Protest richtet sich in erster Linie gegen die konservative Regierung. Doch auch katholische Medien kritisieren vereinzelt sehr scharf die Entwicklung in der Kirche. Ich spreche hier nicht von der Mehrheit der Bevölkerung, aber von einer stetig wachsenden Gruppe.

Welche Rolle spielt der Medienkonzern,  zu dem der Sender Radio Maryja gehört?
OBIREK:  Der Konzern von Pater Rydzyk und die Politik mit ihren Medien sprechen dieselbe Sprache. Da haben wir ein Meinungsmonopol. Doch ist es im 21. Jahrhundert unmöglich, ein totalitäres Modell durchzusetzen. Die Regierung und manche Priester unterliegen da einer Illusion.

Bekommt Polen als katholischen Block ernsthafte Risse?
OBIREK:  Offiziell sind noch 90 Prozent der Polen katholisch, jedoch erinnert mich das an Frankreich in den 50er und 60er Jahren. In Polen gehen allenfalls noch 50 Prozent der Gläubigen regelmäßig zur Kirche, in den Städten nicht einmal das. An die kirchliche Lehrmeinung fühlen sich noch weniger gebunden. Die Säkularisierung ist ein sehr dramatischer und dynamischer Prozess. Auch die antiklerikale Stimmung wächst. Ich sehe die zunehmende Individualisierung der Religion positiv. Ich bin fast sicher, dass wir in den nächsten 15 Jahren über die Säkularisierung Polens sprechen werden. Dann wird auch die Verbindung  zwischen Kirche und Politik nicht mehr von großer Bedeutung sein.

Und das sagt ausgerechnet ein ehemaliger Jesuit . . .
OBIREK: Ja. Und viele meiner Priester-Freunde denken ebenso.

Der Gesprächspartner

Stanislaw Obirek ist polnischer Theologe und Historiker. Er lehrt an der Universitität  Warschau. Anfang der 90er Jahre war er Rektor des  Jesuitenkolleges in Krakau. eth

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