POLITISCHES BUCH: DDR-Mythos, neu betrachtet

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Ein 1958 erschienener Roman, dessen Handlung im nationalsozialistischen Konzentrationslager Buchenwald spielt, wurde zu einer Art Gründungsmythos der DDR. Seit 1960 zählte "Nackt unter Wölfen" von Bruno Apitz im Deutschunterricht der DDR zum "Kanon klassischer Lesestoffe". Weltweit dürften drei Millionen Exemplare erschienen sein. Die erzählte Geschichte wurde eine Grundlage des moralisch-politischen Selbstverständnisses der "Deutschen Demokratischen Republik".

Bruno Apitz, 1900 bei Leipzig geboren (gestorben 1979), engagierte sich ab 1927 bei der KPD und - literarisch ambitioniert - im "Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller". Als 1937 bei Weimar das Konzentrationslager Buchenwald eröffnet wurde, hatte er dort bis zur Befreiung 1945 als Häftling zu verbringen. Fast eine viertel Million Menschen waren im KZ Buchenwald und seinen Nebenlagern eingekerkert, über 50 000 sind zugrunde gegangen oder ermordet worden.

In den letzten beiden Kriegsjahren waren zehntausende Elendsgestalten aus den evakuierten Lagern im Osten ins KZ Buchenwald transportiert worden. Vor diesem Hintergrund lässt Apitz im März 1945 die Handlung beginnen: Einem Neuankömmling, einem polnischen Juden, gelingt es, ins Lager einen Koffer zu bringen, den Häftlinge unbemerkt von der SS öffnen: "Im Koffer lag, in sich verkrümmt, die Händchen vors Gesicht gedrückt, ein in Lumpen gehülltes Kind. Ein Knabe, nicht älter als drei Jahre."

Um den Konflikt herum, einerseits dieses einzelne Kind zu verstecken und vor dem sicheren Tod zu retten, damit aber andererseits das konspirative Netz der Funktionshäftlinge und so auch das relative "Wohl" aller Häftlinge noch mehr zu gefährden, entwirft Apitz ein Panorama der KZ-Gesellschaft. Das gerettete Kind gab es wirklich und hieß Stefan Jerzy Zweig und sein Retter war der kommunistische Häftling Willi Bleicher, später Gewerkschaftsführer in Stuttgart. Die politische Botschaft des Werks ist, dass es der geheimen internationalen Organisation kommunistischer Häftlinge inmitten des menschenverachtenden KZ-Terrors gelungen ist, ein Stück Menschlichkeit zu retten.

Im fundierten Nachwort von Susanne Hantke wird die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte des Romans und der damit verbundene politische Mythos erhellt. "Nackt unter Wölfen" beschreibt ein Stück deutscher Geschichte, das auch für die Nachgeborenen lesenswert bleibt.

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