POLITISCHES BUCH · GORBATSCHOW: Kein Reformer von Anfang an

In seiner Biografie nähert sich der ungarische Schriftsteller György Dalos erzählend dem ehemaligen Präsidenten der UdSSR Michail Gorbatschow.

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Im Westen gilt er als ein politischer Held, als ein Neuerer. In Russland dagegen verbindet man den Namen Gorbatschow "mit der Armseligkeit der leeren Regale am Ende der 1980er Jahre . . . Heute schätzt man in Russland die autoritäre Stabilität des angehenden 21. Jahrhunderts, sozusagen eine Ordnungsmacht mit Internet, weit höher als die chaotische Demokratie der Ära Gorbatschow." Zu lesen ist das in György Dalos Biografie über Michail Sergejewitsch Gorbatschow. Wobei Biografie etwas zu hoch gegriffen ist, weil der in Berlin lebende ungarische Schriftsteller, der für seine publizistische Tätigkeit zuletzt den "Preis der Leipziger Buchmesse" erhielt, vor allem die Jahre von 1986 bis 1991 schildert, in denen Gorbatschow Generalsekretär der KPdSU und Präsident der UdSSR war.

Diese fünf Jahre Gorbatschows, dieser "Kampf gegen die korrupten und konservativen Eliten" und, so darf man wohl sagen, gegen eine erstarrte Gerontokratie, schildert György Dalos sehr plastisch. Dabei beginnt er mit dem Ende von Gorbatschows Macht: Er wurde im staatlichen Sommerhaus am Kap Foros auf der Halbinsel Krim festgesetzt. Was hier geschah, war ungeheuerlich, Gorbatschows engste Mitarbeiter stellten ihn unter Hausarrest und putschten gegen ihn. Ironie der Geschichte ist, dass der KGB, den Gorbatschow seinerseits für seine interne Information wie für seine Sicherheit dringend benötigte, nun sein Instrumentarium nutzte, um ihn auf der Krim kaltzustellen.

Nach diesem "Prolog" wird zügig vom Aufstieg des Politfunktionärs Gorbatschow in der Partei erzählt: Jurastudium in Moskau, Parteifunktionär in Stawropol, eine der Kornkammern des Landes, und, nach einem weiteren Fernstudium in Agrarwissenschaften, der Aufstieg zum Agrarsekretär in Moskau: "Wer konnte geeigneter für das schwierige Ressort des Agrarsekretärs sein, das außer von der Laune der höchsten Bonzen auch noch von den Kaprizen des Klimas abhängig war?" Die Legende, dass Gorbatschow bereits während seines Aufstiegs ein Reformer gewesen sei, zerstört Dalos gründlich. Als solcher wäre er nie so weit gekommen. Aber deutlich wird schon hier, dass Gorbatschows Stärken im "Lavieren und Manövrieren", weniger im rigorosen Durchgreifen lagen.

"Gorbatschow" ist im besten Sinne erzählende Geschichtschreibung, die auch den abstrusen Momenten ihren Raum lässt.

Info György Dalos: Gorbatschow. Mensch und Macht. Eine Biografie. C.H. Beck Verlag 2011. 288 Seiten 19.95 Euro.

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