Polens Problem mit der Abwanderung

Polens Wirtschaft geht es immer besser. Dennoch lassen viele ihre Kinder zurück, um im Westen zu arbeiten. Die Lücke auf dem Arbeitsmarkt füllen Ukrainer.

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  • Mehr als zwei Millionen Polen haben seit dem EU-Beitritt des Landes ihre Heimat verlassen, um im reicheren Westen Geld zu verdienen. Viele von ihnen arbeiten auf dem Bau... 1/5
    Mehr als zwei Millionen Polen haben seit dem EU-Beitritt des Landes ihre Heimat verlassen, um im reicheren Westen Geld zu verdienen. Viele von ihnen arbeiten auf dem Bau... Foto: 
  • ... oder in der Pflege. 2/5
    ... oder in der Pflege. Foto: 
  • Die zurückgelassenen Kinder werden  „Eurowaisen“ genannt. Sie finden Zuflucht in Organisationen wie der Tagesstätte  „Sonnenland“ in  Kattowitz. 3/5
    Die zurückgelassenen Kinder werden  „Eurowaisen“ genannt. Sie finden Zuflucht in Organisationen wie der Tagesstätte  „Sonnenland“ in Kattowitz. Foto: 
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    Polen Foto: 
  • Die durchschnittlichen Jahresgehälter 2015. 5/5
    Die durchschnittlichen Jahresgehälter 2015. Foto: 
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Die Mitarbeiter der Tagesstätte „Sonnenland“ in Kattowitz (Katowice) suchen gezielt nach ihnen: Kinder, die auch bei Regen und Kälte draußen spielen. Kinder, um die sich niemand groß kümmert. Es sind Straßenkinder aus Familien, in denen Alkohol und Gewalt einen Tagesablauf vorgeben, dem man nur entfliehen kann. Es sind aber auch Kinder darunter, deren Mutter oder Vater irgendwo in Europa arbeitet. In Großbritannien, in Norwegen, oft auch in Deutschland.  „Eurowaisen“ werden sie genannt,  auch wenn sie keine echten Waisen sind. Sind beide Eltern weg, leben sie meist bei erwachsenen Geschwistern oder der Großmutter, nur selten in Heimen oder Pflegefamilien.  Aber Europa bedeutet für sie, weitgehend auf sich gestellt und oft einsam zu sein. Daher rührt wohl der Begriff.

Auch Beatas Kinder Patryk (8), Weronika (12) und Paulina (17) sind halbe „Eurowaisen“. Das „Sonnenland“, eine Einrichtung der polnischen Diakonie,  ist für sie wie ein zweites Wohnzimmer, mit Hausaufgabenbetreuung und Freizeitprogramm.  Beatas Mann ist als Bauarbeiter nach Deutschland gegangen,  inzwischen lebt er dort mit einer anderen Frau zusammen. Als die Kinder ihn vor ein paar Monaten besuchten, seien sie „traumatisiert“ zurückgekehrt, erzählt die Mutter. „Er hat getrunken, sie beschimpft und wie Ballast behandelt.“  Beata selbst hat Multiple Sklerose. Ob sie arbeiten kann? „Ab und zu ein Gelegenheitsjob.“ Sie ist auf Unterstützung angewiesen, um ihre Kinder durchzubekommen.

Schöne Gärten und leere Häuser

Beatas Familie ist kein Einzelfall. Viele Erwachsene haben die ehemalige Kohle- und Stahlregion in der Woiwodschaft Schlesien verlassen, sind  – mit oder ohne Familie – zum Arbeiten ins europäische Ausland oder in andere Teile Polens gezogen. Arbeitsmigration ist im Polen des 21. Jahrhunderts gelebte Normalität und mit ihr die sozialen Folgen wie zerrüttete Familien. Zwar ebbt die Auswanderungswelle inzwischen ab, aber seit dem EU-Beitritt 2004 sollen mehr als zwei Millionen Polen ihre Heimat verlassen haben, rund fünf Prozent der Bevölkerung. Hunderttausende zog es nach Deutschland, viele davon sind im Handwerk, auf dem Bau, in der Landwirtschaft oder in der Pflege tätig.

Im Oppelner Land etwa, knapp 100 Kilometer von Kattowitz entfernt, arbeite „in fast jedem Haushalt mindestens ein Familienmitglied im EU-Ausland“, sagt Ryszard Pieron, Gemeindepfarrer in Lasowice.  „Das wird sich auch nicht ändern, solange die Durchschnittslöhne in Polen so niedrig sind“, ist er überzeugt. Pieron erzählt von den schönen Häusern mit gepflegten Gärten in seinem Landstrich. Geld ist ja durch die Jobs im Ausland genügend vorhanden.   „Aber oft sind sie leer und traurig, weil zum Beispiel nur ein Kind mit einem älteren Bruder darin wohnt“, so der Pfarrer. Laut Schätzungen leben rund 100 000 Kinder in Polen nicht bei ihren Eltern.

Dabei ist Polen das Vorzeigeland in Europas Osten, das bei der Transformation von der Plan- in die freie Marktwirtschaft eine eindrucksvolle Performance hingelegt hat. Die Wirtschaft wächst kontinuierlich. Die Arbeitslosenquote lag mit 6,2 Prozent im Jahr 2016 laut Euro­stat deutlich unter dem EU-Durchschnitt (8,5 Prozent). Es gibt Orte, in denen de facto Vollbeschäftigung herrscht.

Aber es gibt auch die andere Seite: eine Jugendarbeitslosigkeit von fast 18 Prozent, eine Geburtenrate von nur 1,3 Kindern pro Frau, ein niedriger Bildungsstand der älteren Bevölkerung und Gegenden, die vom Boom abgehängt sind. Und dann sind da noch die Löhne, die zwar stetig steigen, aber für ein so weit entwickeltes Land vergleichsweise niedrig sind. Der monatliche Mindestlohn für eine Vollzeitstelle liegt bei 2000 Polnischen Zloty (rund 470 Euro), der Durchschnittslohn ist etwa doppelt so hoch. Wieso also lange zögern, gibt es doch in Deutschland oder Großbritannien das Dreifache? „Mein Mann wollte einfach mehr Geld verdienen“, sagt Beata.

Licht und Schatten liegen auch in Schlesien eng beieinander. Kattowitz, 300 Kilometer südwestlich von Warschau, hat sich herausgeputzt. Es war ein turbulenter Wandel, von der Schwer­industrie zu Dienstleistung und Kultur. Heute gibt es nur noch drei Kohleschächte, die Stahlhütten sind ganz verschwunden. Wo sich einst das Steinkohlebergwerk Gottwald befand, geht die Bevölkerung im „Silesia City Center“ shoppen.  Im postindustriellen Kattowitz  hat sich sogar das Nationale Symphonieorchester des Polnischen Rundfunks  angesiedelt. Das neue Konzerthaus – Kosten 70 Millionen Euro – ist der Stolz der Stadt.

Bei 2,8 Prozent liegt die Arbeitslosenquote aktuell in Kattowitz. „Das ist die niedrigste in Schlesien und die drittniedrigste in ganz Polen“, berichtet Jolanta Wolanin von der Stadtverwaltung. „Wer hier arbeitslos ist, kann oder will nicht arbeiten.“ Dass manche Stellen offen bleiben, liegt aber auch daran, dass Kattowitz schrumpft. 300.000 Menschen leben hier, Ende der 1980er Jahre waren es noch 370.000. Die Bevölkerung ist überaltert. Als einen Grund nennt Wolanin die „Arbeitsmigration ins Ausland“.

Trotzdem ist Kattowitz die Vorzeigemetropole im Ballungsraum „Oberschlesisches Industriegebiet“, in dem sich – noch viel dichter als im Ruhrpott – eine Stadt an die andere reiht. In dem Kohle- und Stahlrevier offenbart sich schon auf wenigen Kilometern die ganze Widersprüchlichkeit von Boom und Abwanderung, neuem Wohlstand und Elend, Glanz und Dreck.  Nur 15 Kilometer nördlich von Kattowitz, in Beuthen (Bytom),  liegt die Arbeitslosenquote bei 19 Prozent. Die Stadt mit jetzt noch 170.000 Einwohnern hat zahlreiche Hüttenschließungen oder Zusammenlegungen hinter sich. Ganze Bergbausiedlungen verrotten, darunter das Viertel Bobrek, heute ein Armenghetto.  „Viele haben die Hoffnung verloren und sind in die Sucht geflohen“, sagt eine Sozialarbeiterin. Wer kann, verlässt die Gegend. Jährlich gehen Tausende.

Emigration ist in Polen allerdings keine Einbahnstraße, sondern Teil einer großen Wanderungsbewegung von Ost nach West. Aus demselben Grund, warum viele Polen im Ausland arbeiten, kommen vor allem Ukrainer nach Polen: Sie verdienen dort mehr Geld als in der Heimat.  „Zurzeit leben offiziell 800.000 Ukrainer in Polen“, sagt Bischof Ryszard Bogusz, Präses der Diakonie Polen. Inoffiziell ist von mehr als einer Million die Rede. Allein in Breslau (Wroclaw) suchen 50.000 ihr Glück, meist Arbeitsmigranten oder Studenten, selten Flüchtlinge aus den Kriegsgebieten der Ostukraine. Jüngst kam es zu fremdenfeindlichen Demonstrationen gegen Ukrainer. „Es gibt alte Vorurteile“, sagt Doroteusz Sawicki von der Orthodoxen Kirche. „Die Polen waren früher die Herren, die Ukrainer die Bauern.“ Die beiden Nachbarländer verbindet und trennt eine wechselvolle Geschichte. 

Sawicki zufolge übernehmen viele Ukrainer in Polen die Arbeit, „die die Polen selbst nicht mehr machen wollen“ – also gering bezahlte, einfache Tätigkeiten auf dem Bau, in Haushalten oder in der Altenpflege. Da schließt sich dann der Kreis, denn auch Polen übernehmen im  Ausland oft die Jobs, für die nicht genügend heimische Arbeitskräfte zur Verfügung stehen. Und die polnische Pflegerin, die in Deutschland arbeitet, hinterlässt zuhause eine Lücke.

Migration aus und nach Polen ist ein altes Phänomen, so wie viele andere europäische Länder über Jahrhunderte immer wieder Migrationswellen erlebten.  „Versuche, diesen Prozess zu stoppen, wären nicht gut“, warnt der Abgeordnete Slawomir Piechota mit Blick auf fremdenfeindliche Strömungen in Polens Gesellschaft und auf die rechtsnationale Regierung in Warschau. „Der Bau von einem gemeinsamen Europa braucht diese Migrationsprozesse“, sagt der Oppositionspolitiker von der liberalen Bürgerplattform. Er findet es ein „fürchterliches Paradox“, dass gerade die Polen, die über Jahrhunderte auswanderten und in anderen Ländern eine neue Heimat fanden, heute als eine „abgeschlossene, feindliche Gesellschaft wahrgenommen werden“. Für ihn steht aber auch fest: „Das ist nicht das gesamte Polen, sondern nur eine bestimmte Gruppe mit einer starken Stimme in der Öffentlichkeit.“

Die bundesweite Diakonie-Aktion „Hoffnung für Osteuropa“ wurde 1994 mit Sitz beim Diakonischen Werk Württemberg gegründet. Sie unterstützt evangelische und ökumenische Partner in ost- und südosteuropäischen Ländern, die sich um besonders benachteiligte Menschen kümmern. Zuschüsse fließen unter anderem an Projekte in Georgien, Griechenland, Polen, Rumänien, Serbien, Weißrussland, im Kosovo und der Slowakei. In Polen wird eng mit der dortigen Diakonie kooperiert. Obwohl nur 0,2 Prozent der Bevölkerung evangelisch sind, hat die Diakonie dort den Status einer gemeinnützigen Organisation, betreibt Zentren in sechs Regionen und viele Sozialeinrichtungen. Die Recherchen in Polen wurden durch die Diakonie Württemberg ermöglicht. two 

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