Pegida und die diffuse Angst vor dem Abstieg

Das islamfeindliche Bündnis in Dresden hat nach zehn "Spaziergängen", eine kurze Pause eingelegt - trotz des Zulaufs. Die Gründe für den Pegida-Protest sind indes vielfältiger, als es auf den ersten Blick scheint.

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Vor Weihnachten gingen 17 500 Pegida-Anhänger auf die Straße.  Foto: 

Gestern blieb es ruhig am Dresdener Elbufer. Noch ruhiger als an den zehn Montagen zuvor, an denen sich Woche für Woche mehr Menschen meist schweigend zu einem Protestzug formierten. Zwei Tage vor Heiligabend formierten sich bereits 17 500 meist nicht mehr ganz junge "Spaziergänger" vor der barocken Kulisse der Sachsenkapitale. Zum Abschluss ihres Kerzenaufzuges stimmten sie leise christliches Liedgut an: "Oh, du fröhliche . . ." oder "Stille Nacht! Heilige Nacht!"

Lutz Bachmann verkündete jetzt, den Schweigespaziergang auszusetzen. Um des "Weihnachtsfriedens" willen, wie er sagte. Der 41-Jährige sprach in offizieller Funktion: Seit 19. Dezember ist die von ihm ins Leben gerufene Pegida (Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes) ein eingetragener Verein und der gelernte Koch dessen Chef. Ausdrücklich dankte Bachmann den "fleißigen Einsatzkräften", sprich: der Polizei, deren Aufbietung nur wegen der "Linkschaoten, Gewalttäter und Ruhestörer" nötig geworden sei. Gemeint waren die rund 4000 Gegendemonstranten.

Man darf annehmen, dass Bachmann hierfür mehr Zustimmung als Widerspruch erntet - nicht nur in Dresden. Längst reisen montags Sympathisanten aus halb Deutschland an. Es scheint, dass jene Versuche, Pegida in die Nähe von Nazis, Hooligans und Rassisten zu rücken, ihnen neue Mitläufer zutreiben. Denn dies stimmt so nicht. Selbst wenn sich braune Trittbrettfahrer einreihen, haben diese weder Einfluss auf organisatorische Strukturen noch inhaltliche Aussagen der Montagsproteste.

Im Gegenteil, zunehmend grenzen sich Bachmann und sein zehnköpfiges Vereinsteam von rechter Gewalt, Rassismus wie religiösem Fanatismus ab. Pegida entzieht sich den gängigen Protestschemata, wie man sie von Ostermärschen, Erste-Mai-Krawallen oder Stuttgarter Bahnhofsverhinderern kennt. Ein Datum steht für den Start des Protests: der 10. Oktober 2014. Da versammelten sich in Dresden hunderte Kurden und Deutsche, eine Frau forderte per Megafon "Waffen für die PKK in deren Kampf gegen islamische Terroristen". Bachmann erlebt dies live. Er filmt die Szenerie per Handy, stellt sie ins Netz und schimpft, dass sich islamische Eiferer auf deutschem Boden bekriegten. Mit einer Handvoll Freunde vereinbart er erste Aktionen. Am 20. Oktober, kurz vor 18 Uhr, hieß es, man treffe sich an der Frauenkirche zu einer ersten Demo.

Rund 350 Teilnehmer fanden sich ein. Da die Hälfte ihr Kommen via Facebook signalisierte, weiß man, dass aktive Rechtsextreme und ein früherer NPD-Landtagsabgeordneter mitliefen. Vor allem daher rührt das Schmuddel-Image, das Pegida sofort anhing. Doch auch AfD-Funktionäre, Nobelgastronomen, FDP-Mitglieder, Vorstände aus dem städtischen Sportleben, junge Mütter sowie Mitarbeiter einer Dresdener Chip-Schmiede protestierten schweigend mit.

Dass ihre Zahl auf 17 500 Menschen schnellte, bleibt ein Phänomen. Noch suchen Soziologen nach Antworten, während Pegida die nächste Demo für 5. Januar mit noch mehr Teilnehmern plant. Allein das ostdeutsche Dresden als passenden Ort für die Proteste zu bemühen, will wenig Sinn machen. Um die 80 Prozent der Sachsen sind nicht einmal getauft. Die Zahl islamischer Mitbürger liegt bei 0,7 Prozent. Von den 200 000 Asylbewerbern, die Deutschland 2015 erwartet, kommen 11 000 nach Sachsen.

Mithin sieht es eher danach aus, dass hinter Pegida Menschen stecken, die sich einen bescheidenen Wohlstand geschaffen haben, den sie - im Klima diffuser Zukunftsdüsternis - schwinden sehen. Spricht man mit einzelnen Protestierern, die als einzigen Moslem meist den fröhlichen Dönermann an der Ecke kennen, tritt tieferer Frust zutage: Die Rente reiche kaum, ein Zweitjob müsse den Lohn aufbessern, an Geld für Kitas fehle es und überhaupt seien fünf Millionen deutsche Kinder von Armut bedroht . . .

Und wie zu allen Zeiten kommt in den Blick, was besonders Angst macht: das Fremde. Den Ausländern also, für die "die Politik halt immer noch Geld übrig" habe. Gerade im Osten, der auch 25 Jahre nach der Einheit bei vielen Sozialstandards noch ein Deutschland zweiter Klasse verkörpert, geht diese Angst um. Der Bielefelder Sozialpsychologe Andreas Zick erlebt gar ein weiteres Auseinanderdriften der alten und neuen Bundesländer. "Die eigene Abstiegsangst macht einem Probleme, also redet man lieber über die Überfremdungsangst durch Andere", beobachtet er. Und da die Leute im Osten mit der Wende "etwas verloren" hätten, sei dieser psychologische Mechanismus hier auch stärker verbreitet.

Manchen wie den Dresdener Hausmeister René Jahn, Pegida-Vizechef, scheint noch etwas anderes zu motivieren: Man registriert mit Zufriedenheit, dass es erneut der Osten sei, der nach dem entscheidenden Anstoß zur Vereinigung nun Zeichen setze, um etwas im Lande zu bewegen. Hierbei mag auch eine Rolle spielen, dass viele im Pegida-Lager Parallelen zur Endphase der DDR zu erkennen glauben. "Agonie wie im Sommer 1989", heißt es mit Blick nach Berlin. Das eigene Dasein gestaltet sich perspektivlos, die Regierenden wirken hilflos.

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Kommentare

30.12.2014 13:20 Uhr

Definieren Sie Protestschema

Zunächst mal, Danke für den Versuch die etwaige Motivation der Pegidamarschierer zu ergründen.
Was micht wundert ist die Aussage:
"Pegida entzieht sich den gängigen Protestschemata, wie man sie von Ostermärschen, Erste-Mai-Krawallen oder Stuttgarter Bahnhofsverhinderern kennt."
Wie war das mit dem Protestschemata: Vor 30 Jahren auf den großen Ostermärschen sang man 'Wehrt Euch - leistet Widerstand'. Vor ca. 10 Jahren in Berlin gab es in der Nacht zum ersten Mai regelmäßig außer Kontrolle geratene Krawallparties. Vor wenigen Jahren die WutBürger - Proteste in Stuttgart (u.a. der grünen Nachkommen aus den 80igern). Passt das in EIN Schema? Passt Pegida hingegen nicht in dieses Schema, weil falsch gesungen wurde und es aber zu keinen Gewaltakten kam (von der einen oder anderen Seite gab)?

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