Pannen, nichts als Pannen

Bisher geheime Unterlagen und unbekannte Dokumente in den Archiven verschiedener Behörden konnte jetzt ein Team des "Spiegel" auswerten. Manches erscheint nun in einem ganz anderen Licht. Ein Überblick.

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Polizeichef Manfred Schreiber unterschätzte die Gefahr. Foto: Keystone

Gab es Warnungen?

Der Polizeipsychologe Georg Sieber hatte im Vorfeld der Spiele die Aufgabe, Gefahrenszenarien zu skizzieren. Unter 26 Varianten fand sich laut "Spiegel" auch ein Überfall palästinensischer Terroristen auf das israelische Wohnquartier. Beim damaligen Münchner Polizeipräsidenten Manfred Schreiber soll er damit auf taube Ohren gestoßen sein.

Der Olympia-Sicherheitschef Ernst-Thomas Strecker sprach sich später noch einmal dafür aus, das Dorf stärker zu sichern. Der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees, Willi Daume, soll ihm geantwortet haben: "Herr Strecker, wir sind hier nicht im KZ."

Warum wurde nicht gehandelt?

Schon Jahre zuvor hatte Schreiber kundgetan, die Sicherheitskräfte im Olympischen Dorf sollten keine Waffen tragen. Man wollte freie, fröhliche Spiele - und verhindern, dass 27 Jahre nach Kriegsende irgendetwas an die Spiele der Nazis 1936 erinnerte. Der Münchner Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel befürchtete offenbar durch ein zu großes Sicherheitsaufgebot könnten Vorurteile bestätigt und der Erfolg der Spiele gefährdet werden.

Eine fatale Strategie, zumal es mehrere Hinweise auf die drohende Gefahr gab. Denn immer öfter verübten palästinensische Terroristen Anschläge auf israelische Ziele, auch in Deutschland. Das aber erhöhte die Alarmbereitschaft offenbar nicht - weder bei Geheimdiensten noch beim Verfassungsschutz.

Erhielten die Terroristen Unterstützung aus der Neonazi-Szene?

Dieser Verdacht war seit dem Attentat 1972 immer wieder geäußert worden. Heute ist bekannt, dass der damalige Neonazi Willi Pohl Kontakt mit dem Drahtzieher des Olympia-Attentats Abu Daud hatte. Unter anderem fuhr er Daud zu konspirativen Treffen. Pohl, der heute unter einem anderen Namen als Autor arbeitet und sich schon lange vom Rechtsextremismus losgesagt hat, will nichts von dem geplanten Attentat gewusst haben. Die Zusammenarbeit mit der PLO beruhte auf Gegenseitigkeit - die Neonazis erhielten ein Trainingslager im Nahen Osten und unterstützten dafür den Kampf gegen Israel.

Was lief schief in Fürstenfeldbruck?

Die geplante Befreiungsaktion auf dem Fliegerhorst war an Dilettantismus kaum zu überbieten: Am Abend des 5. September landeten zwei Hubschrauber mit neun Geiseln und acht Terroristen an Bord. Auf dem Gelände warteten fünf Scharfschützen, da man von nur fünf Terroristen ausgegangen war.

In der bereitstehenden Boeing 727 hielt sich zunächst ein Freiwilligentrupp aus Streifenpolizisten auf, die als Besatzung getarnt waren und die Terroristen überwältigen sollten. Sie bekamen Angst und machten sich aus dem Staub.

Nachdem zwei Terroristen das leere Flugzeug inspiziert hatten und aufs Rollfeld zurückgekommen waren, eröffneten die Scharfschützen das Feuer - ohne Nachtsichtgerät und ohne Kontakt untereinander zu haben. Mehr als zwei Stunden dauerte der Kampf, ein aus München angefordertes Panzerfahrzeug konnte nichts mehr ausrichten. Alle israelischen Geiseln und ein Polizist kamen ums Leben.

Ein früherer Mitarbeiter des BND berichtete später, dass damals Spezialkräfte der geheimen paramilitärischen Gladio-Truppe nahe München bereitstanden, eine Organisation von CIA und Nato. Die Einsatzleitung habe davon nichts gewusst.

Welche Konsequenzen gab es?

Polizei, Behörden und Politik nahmen für sich in Anspruch, keine gravierenden Fehler gemacht zu haben. In Deutschland wurde eine schlagkräftige Terrorbekämpfungseinheit gegründet - die GSG 9.

Die drei Terroristen, die überlebten, wurden wenige Wochen später aus deutscher Haft freigepresst. Die Bundesregierung verlangte keine Auslieferung. Einer der Männer lebt heute noch, er musste sich niemals für seine Tat verantworten. Der "Spiegel" schreibt, das politische Bonn habe damals auf eine Politik der Beschwichtigung gesetzt: Man wollte weitere Konfrontationen mit der PLO vermeiden.

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