Österreich: Selbst in Familien wird nach Verrätern gesucht

Seit Jahrzehnten geht ein Riss durch die österreichische Gesellschaft. Die Präsidentenwahl hat die Lage jetzt nocheinmal verschärft.

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„Na geh, das ist ein Hofer-Wähler!“ gilt in manchen Innenstadt-Bezirken in Wien mittlerweile als Bezeichnung für jemanden, mit dem man nichts zu tun haben will. Selbst in Familien wird mittlerweile gerätselt und getuschelt, wer ein vermeintlicher „Verräter“ von der anderen Seite sein könnte. Denn durch Österreich geht ein tiefer Riss. Was auch immer bei der wiederholten Präsidentschaftswahl am 2. Oktober entschieden wird, die Hälfte der Bevölkerung will sich nicht von dem grünen Kandidaten Alexander van der Bellen vertreten lassen und die andere Hälfte der Bevölkerung würde sich mit einem Bundespräsidenten Norbert Hofer niemals identifizieren können.

Die Wahl ist der Gipfel einer Spaltung, die bereits seit Jahrzehnten die Österreicher auseinandertreibt und die hauptsächlich von einem Thema getrieben wird: der Einwanderung. Die Österreicher haben sich in dem Thema verhakt, als gelte es um jeden Preis, die Sache gesellschaftspolitisch endgültig zu klären. Kein anderes Thema ist seit 30 Jahren so dominant wie „Die Ausländer“. Der damals neue FPÖ-Chef Jörg Haider feierte damit seine ersten Erfolge, letztlich verdankt ihm Norbert Hofer sein gutes Ergebnis bei der Bundespräsidentenwahl.

Viele FPÖ-Wähler fürchten, dass Österreich von Migranten überrannt wird. Diese Angst ist in einem kleinen Staat wie Österreich sicher stärker ausgeprägt als in Deutschland. Zur Fremdenangst mischt sich die Angst vor Terroranschlägen. Ein Teil der Bevölkerung reagiert mit Aggression und manchmal auch mit Hass besonders auf muslimische Migranten. Die FPÖ gibt diesen Reaktionen durch ihre Wahlslogans zusätzliche Legitimität.

Der andere Teil der österreichischen Bevölkerung hat keine Angst vor Migranten, sondern vor Rassismus und der pauschalen Verunglimpfung von ethnischen Gruppen oder Religionen. Diese Österreicher fürchten sich vor der FPÖ. Das eine und das andere Österreich haben immer weniger etwas miteinander zu tun. Beide Seiten wenden sich demonstrativ von einander ab. So hat der grüne Kandidat Van der Bellen kürzlich wieder erklärt, dass er Hofer oder Strache nicht als Minister oder Kanzler angeloben würde. Mit dieser Abgrenzung von Rechts punktet er bei einer Hälfte der Österreicher. Die andere Hälfte fühlt sich dadurch noch stärker ausgegrenzt und schimpft auf die „Gutmenschen und Obergscheiten“. Die Parteien der Mitte können diese Polarisierung nicht auffangen. Die konservative ÖVP erodiert seit vielen Jahren. Sie hat es nicht geschafft, auch zu einer urbanen Partei der Mitte zu werden.

Betrachtet man die Polarisierung genauer, sieht man, dass sie an mehreren Gräben entlang verläuft. Männer, Arbeiter und Landbewohner wählen mehrheitlich Hofer, Frauen, Akademiker und Städter  Van der Bellen. Die Wahl am 2. Oktober ist so auch ein Match zwischen Land und Stadt, zwischen Gemeinden, wo kaum Migranten leben, und urbanen Räumen, wo es viele gibt. Und es ist ein Match zwischen jenen, die sich von den „Obergscheiten“ in der Stadt nichts sagen lassen wollen und jenen, die mit Kopfschütteln auf die Ängste der anderen schauen.

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