Öl-Staaten: Böses Erwachen aus der Betäubung

Im Nahen Osten trifft der Preissturz alle Ölstaaten hart. Saudi-Arabien erwacht aus einer Art Betäubung. Auch der Iran kann so nicht weitermachen.

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Das Auf und Ab auf dem Markt.  Foto: 

Amin al-Nasser muss es wissen, er lenkt den größten Ölkonzern der Welt. Das Wohlergehen Saudi-Arabiens hängt von Aramco ab, dem Energiegiganten im Osten des Landes. "Ende 2016 werden wir eine gewisse Erholung der Preise sehen", gab sich der Spitzenmanager unlängst optimistisch. Denn seit sich die Rohölpreise im freien Fall befinden, liegen auch auf der Arabischen Halbinsel die Nerven blank. Bei allen Golfstaaten sprudeln rund 90 Prozent der Staatseinnahmen aus dem Boden. Verzeichneten die sechs Mitglieder des Golfkooperationsrates, Bahrain, Kuwait, Oman, Qatar, Saudi-Arabien und Emirate, 2013 einen kollektiven Haushaltsüberschuss von 182 Milliarden Dollar, waren es 2014 nur noch 24 Milliarden, bevor ihre Etats 2015 mit 180 Milliarden ins Minus rutschten.

Dabei hat die Region paradiesische Zustände hinter sich. Im vergangenen Jahrzehnt flossen 2700 Milliarden Dollar in die Taschen der Könige und Monarchen, die sie in Form von üppigen Gehältern, Subventionen und lukrativen Wohlfahrtszahlen an ihre Untertanen weiterreichten. So blieb der Veränderungsdruck gering, die Korruption exorbitant, der Aufbau neuer Wirtschaftszweige oberflächlich und halbherzig. Durch das viele Geld sei "eine Art von Betäubung" entstanden, heißt es in einem kürzlich veröffentlichten "Manifest für Wandel" des saudischen Vizekronprinzen Mohammed bin Salman, das gleichzeitig anprangert, 30 Prozent der Staatsausgaben würden verschwendet. Arbeitsmarktreformen und Berufsbildung der Einheimischen kommen nicht voran. Die gesamte Privatwirtschaft in den sechs Golfstaaten wird von ausländischen Arbeitskräften betrieben, die die Hälfte der 50 Millionen Einwohner ausmachen.

Entsprechend gewaltig sind die Herausforderungen. Der Irak, der einen kostspieligen Krieg gegen den "Islamischen Staat" führt, hat bereits im vergangenen Jahr allen Kommunen die Finanzzuweisungen um 90 Prozent gegenüber 2014 gekürzt. "Es wird ein schwieriges und hartes Jahr für uns alle", schwor Finanzminister Hoshyar Zebari jetzt die Bevölkerung auf weitere Sparrunden ein. Saudi-Arabien engagiert sogar die Unternehmensberater von McKinsey, die dem Land für die nächsten 15 Jahre einen rapiden wirtschaftlichen Verfall voraussagen, wenn alles so weiterlaufe. In einem ersten Schritt, dem sich auch alle kleinen Golfstaaten anschlossen, wurden nun die Subventionen für Benzin, Strom und Wasser gestrichen. An Einschnitte bei den üppigen Gehältern traut sich noch niemand, auch wenn die Staatsrücklagen im Rekordtempo schmelzen.

Denn auch die harte Konfrontation mit dem Erzrivalen Iran auf der anderen Seite des Persischen Golfs kostet viel Geld. Beide verfeindeten Öl-Volkswirtschaften haben ähnliche Strukturprobleme - gewaltige Korruption, verfallende Staatseinnahmen, hohe Arbeitslosigkeit und eine wenig effiziente Privatwirtschaft. Irans Staatshaushalt ist ebenfalls viel zu abhängig vom schwarzen Gold, auch wenn das Land eine breiter entwickelte Industrie besitzt als die arabische Konkurrenz.

Die Islamische Republik braucht jeden Dollar, um ihre von Sanktionen ruinierte Wirtschaft wieder in Gang zu bringen. Irans Präsident Hassan Rohani, der gerade eine milliardenschwere Einkaufstour durch Europa absolviert hat, gibt sich eisern optimistisch. "Ich verspreche der iranischen Nation", erklärte er im Fernsehen, "dass dieses Jahr ein Jahr mit wirtschaftlichem Wohlstand und Wachstum wird."

Inflation, Armut, Jobabbau

Venezuela: Das südamerikanische Land besitzt die größten Ölreserven weltweit, der Großteil des Staatshaushalts lebt vom Ölverkauf. Jahrelang hat die sozialistische Regierung die Gewinne aus dem Öl abgeschöpft und in Sozialprojekte gesteckt. Andere Wirtschaftszweige wurden vernachlässigt. Der Absturz des Ölpreises bedeutet für Venezuela eine Katastrophe: Das Land kann den Import von Lebensmitteln und Medikamenten nicht mehr bezahlen, die Regale sind leer. 2015 mussten die Verbraucher mit der weltweit höchsten Inflationsrate von 275 Prozent leben. Dieser Wert könnte sich laut Experten 2016 nahezu verdreifachen. Die Politik sieht all dem hilflos zu.

Nigeria: Das Land hängt außenwirtschaftlich zu 90 Prozent vom Ölexport ab, es ist der wichtigste Rohölförderer in Afrika. Doch auch in Jahren steigender Rohölpreise profitierte die Bevölkerung kaum davon - im Gegensatz zur politischen Klasse. Der Staat ist hoch verschuldet, mehr als die Hälfte der Nigerianer lebt in bitterer Armut. Die Aussichten sind düster: Denn der sinkende Ölpreis stellt auch eine ernsthafte Bedrohung für die junge Demokratie dar.

Norwegen: Durch seine Ölförderung ist Norwegen zu einem der reichsten Länder der Welt geworden. Etwa 240.000 Arbeitsplätze hängen direkt an der Ölindustrie - im Vergleich dazu sind es in Deutschland in der gesamten Branche der Energierohstoff-Produktion (Braunkohle, Steinkohle, Erdöl und -gas) nur 10.000. Dem skandinavischen Land könnte bis 2020 ein Verlust von 100.000 Arbeitsplätzen drohen. Dafür boomt jetzt ein anderer "Rohstoff" - der Lachs. Die Exportpreise sind hoch wie seit 30 Jahren nicht mehr. Etwa die Hälfte des weltweit konsumierten Lachses kommt inzwischen aus Norwegen.

Aussitzen als Devise

Auch 2016 planen die großen staatlichen und privaten Ölkonzerne keine Senkung der Förderung. Die russische Führung ist überzeugt, man müsse und könne die Krise aussitzen. Reformen sind weder in der Branche noch gesamtwirtschaftlich geplant.

Unterdessen drohen die fehlenden Steuereinnahmen eine immer größere Lücke in den Staatshaushalt zu reißen, der auf 50 Dollar pro Barrel Öl (159 Liter) basiert. Laut Finanzministerium geht es 2016 um umgerechnet knapp 7 Milliarden Euro. Um sie aufzubringen, plant die Regierung Sparmaßnahmen wie etwa die Verkleinerung des Beamtenapparates, dazu Benzinpreiserhöhungen, vor allem aber eine Teilprivatisierung von Staatsunternehmen wie Aeroflot oder Rosneft.

Auch die auf 368 Milliarden Dollar gesunkenen Währungsreserven werden weiter angegriffen, vor allem um Banken und Unternehmen mit Krediten zu versorgen. Unabhängige Experten befürchten, dass sie schon im Herbst 2016 zur Neige gehen könnten. Insbesondere Angestellten des öffentlichen Dienstes drohen Lohnverzögerungen und Arbeitsplatzverlust. Die meisten Russen reagieren noch gelassen auf sinkende Reallöhne. Sollte sich die Krise fortsetzen, rechnen Experten erst 2017 mit ernsthaften Protesten.

Kein einziges Ölfeld profitabel

Mehr als 40 Jahre lang haben die USA ihren Unternehmen verboten, Rohöl zu exportieren. Die Idee dahinter: Man wollte sich nicht von anderen abhängig machen, sondern den Rohstoff für das eigene Land verwenden. Doch in jüngster Zeit haben die Amerikaner ihre Ölförderung massiv gesteigert - vor allem mittels Fracking. Seitdem gibt es Öl im Überfluss, und das einstige Exportverbot gilt nicht mehr.

Was die einen freut, ist für andere eine Katastrophe: Autofahrer sind begeistert von den niedrigen Benzinpreisen und kaufen wieder spritsaufende Sportgeländewagen. Notenbankchefin Janet Yellen meint sogar, dass der gesamtwirtschaftliche Effekt des Preisverfalls positiv sein könnte, da er den Privatkonsum ankurbelt. Zugleich müssen viele Ölproduzenten um die Existenz fürchten. Experten gehen davon aus, dass mehr als 150 womöglich Konkurs anmelden müssen. Unternehmen, die nicht untergehen, werden kleinere Konkurrenten schlucken.

Beim derzeitigen Preis ist kein einziges Ölfeld in den USA mehr profitabel. Besonders düster sieht es für Fracking-Unternehmen aus, die erst bei 60 bis 70 Dollar pro Barrel kostendeckend produzieren können. Viele überschuldete Ölunternehmen fördern nur noch, um ihre Gläubiger befriedigen zu können. Einziges Ziel sei es im Moment zu überleben, sagt Danny Campbell, Vorstandschef von Permian Basin Petroleum Association, über die Stimmung in der Branche. Hilfe aus Washington, wo man seit Jahren auf erneuerbare Energien setzt, ist jedenfalls keine zu erwarten.

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