Nun darf Kazim lernen

Mit 14 Jahren allein von Afghanistan nach Europa: Kazim Mohammadi hat drei Jahre Flucht und vier Jahre Ungewissheit in Deutschland erduldet. Nun darf er eine Ausbildung anfangen. Die Geschichte eines Kampfes.

|
Helfende Hände im Blindenheim Schwäbisch Gmünd: Kazim Mohammadi darf nun in der Alten- und Pflegeeinrichtung seine Ausbildung anfangen. Foto: Edgar Layher

Alles ist gut. Alwin Schöffler ist am Telefon, jener 55-Jährige, der als Mitglied des Arbeitskreises Asyl in Schwäbisch Gmünd den 22-jährigen Flüchtling Kazim Mohammadi betreut. Der Afghane hat ein neues Duldungspapier - er darf Altenpflegehelfer lernen. Diese Ausbildung will er unbedingt nutzen - denn er hat lange um sie gekämpft.

Rückblick, ein Monat zuvor in einem Gmünder Café: Kazim rührt mit dem Löffel in der Kaffeetasse, verzweifelt, frustriert: "Was habe ich falsch gemacht?" Keiner weiß es. Nicht Schöffler, niemand im Café oder in der Stadt. "Ich habe versucht, alles richtig zu machen." Wer kann da widersprechen?

Vor vier Jahren kam Kazim nach Gmünd voll Hoffnung auf eine Zukunft. Wo er herkam, hatte er keine. Sein Heimatort liegt in der Provinz Ghazni zwischen Kabul und Kandahar. Er erzählt, dass eines Tages ein Brief an der Tür des Elternhauses hing. Kazim wollte wissen, was drin steht. "Egal", sagte sein Vater, der so etwas wie ein Ortsvorsteher war. Kurz darauf war dieser tot. Da war Kazim zwölf. Später wurden drei Geschwister getötet. Als er 14 war, organisierten Mutter und Onkel seine Flucht. Schleuser brachte ihn in den Iran, dann in die Türkei. Am Tag versteckte er sich, nachts lief er.

Mit der Fähre setzte er über nach Griechenland. "Ich musste mich verstecken", sagt Kazim. Er zwängte sich zum Ersatzrad eines Lasters im Laderaum - ein Horrortrip. Angekommen steckten ihn die Behörden erst ins Gefängnis und dann überließen sie ihn seinem Schicksal. Kazim schlug sich durch - als Handlanger, als Bettler. Zuletzt schaffte er es über Italien nach Deutschland.

Drei Jahre Flucht lagen hinter Kazim, als Zöllner ihn in Bayern aufgriffen. "Er wäre ein Dublin-II-Fall gewesen", sagt Schöffler: Er hätte in das EU-Land zurück gemusst, in das er zuerst eingereist war. Nach Griechenland schob man ihn aber nicht ab, dort waren die Zustände zu schlecht. "Das war sein Glück", sagt Schöffler. Kazim kam mit weiteren Afghanen nach Gmünd.

Beim Gang durch die Stadt erzählt Kazim, wie er die neue Heimat empfunden hatte. "Erst hatte ich Angst, ich dachte, die Leute gucken mir nach." Heute fühlt er sich wohl. Er wohnt mit einem anderen Afghanen zusammen. Tagsüber besucht er die Berufsschule, abends trifft er Freunde, kocht, chillt. Kazim hat sich eingelebt, er hat viel dafür getan. "Ich wollte lernen." Wer ihn kennt, bestätigt das.

Etwa Klaus Dengler. Er leitet die Rauchbeinschule, die Kazim zuerst besuchte. Der Junge hatte gedrängt, zur Schule gehen zu können - wie auch andere junge Afghanen. "Die wollten lernen, einen strukturierten Tag", sagt Dengler. "Kazim ist eine Erfolgsgeschichte." Er stieg Ende der 8. Klasse ein - radebrechend, ohne Schul-Vorkenntnisse - und schaffte den Hauptschulabschluss.

Das Blindenheim, in dem er ein Praktikum gemacht hatte und nun aushilft, will Kazim als Azubi. Das Problem sind die Papiere. Einen Pass hat er nicht, nur eine "Tazkira", eine Geburtsurkunde, der zufolge er 1993 geboren wurde. Solche Urkunden sind oft ungenau. Die Behörden schätzten ihn daher zwei Jahre älter. "Jugendliche werden gerne älter gemacht", sagt Kazims Anwältin Ursula Damson-Asadollah. Das afghanische Generalkonsulat stellt Kazim wegen der zwei Geburtsdaten keinen Pass aus.

Ohne den kann man ihn schwerer abschieben. Nach Afghanistan wird derzeit aber eh nicht abgeschoben. Ob das so bleibt, wenn die Bundeswehr abgezogen ist, ist unklar. Kazims Asylantrag jedenfalls wurde 2011 abgelehnt. Das Bundesamt für Migration hatte ihm seine Geschichte nicht geglaubt, auch habe er seine Mitwirkungspflichten nicht erfüllt. So verwehrte ihm seine Duldung jede Erwerbstätigkeit.

"Das ist nicht nachzuvollziehen", sagt die Anwältin. Doch auch nicht ungewöhnlich. "Widersprüche werden oft gegen den Asylbewerber ausgelegt." So hat Kazim scheinbar drei Namen für seinen Onkel angegeben - doch es sind drei Schreibweisen desselben Namens. Und Kazim war zudem sehr jung, als er floh - vieles weiß er nicht mehr. Der Suchdienst des Roten Kreuzes konnte keinen Kontakt zu seiner Familie knüpfen.

Damson-Asadollah hat ein Wiederaufnahme-Verfahren beantragt, um einen Abschiebestopp zu erwirken. "Ich hab Hoffnung, dass es klappt. Ich kann aber nicht abschätzen, wie lange das Verfahren dauert." Die Ungewissheit zehrt an Kazim. Er leidet an einer posttraumatischen Belastungsstörung - an Angstzuständen, Zukunftssorgen, Niedergeschlagenheit. Er kapsele Erlebnisse der Flucht aus, sagt die Anwältin. Das verhindere zusätzlich, das Erlebte schlüssig zu beschreiben.

Im Alltag merkt man ihm das nicht an. Betritt er das Blindenheim, grüßt er munter die Bewohner, die am Eingang in der Sonne sitzen. Die Bewohner mögen ihn. "Wir kommen gut miteinander klar", sagt Paula Herkommer. Sie ist so etwas wie die Haussprecherin. "Wenn mal was nicht klappt, kann man das ja sagen." Kann man: Kazim versteht mehr, als er sprechen kann. "Er ist sehr bemüht, kann sich gut einfügen", lobt ihn Pflegedienstleiter Alexander Mathies.

"Da ist ein ehrliches Interesse da, deswegen unterstützen wir Kazim", sagt die Chefin der Einrichtung Sabine Domhan. Männer wie ihn suche das Heim. "Wenn junge Leute interessiert sind an Altenpflege, muss man das unterstützen." Die Einrichtung hat deshalb in einem Schreiben den Wunsch nach einer Arbeitserlaubnis unterstützt.

Wie die Stadt. "Kazim gehört zu denen, die sich engagieren", sagt Hauptamtsleiter Helmut Ott. Kazim war bei der "Staufersaga" mit dabei, einem Spektakel zur 850-Jahr-Feier Gmünds. Nun will der junge Mann bei der Landesgartenschau 2014 helfen. Die Stadt bemüht sich um solche Flüchtlinge. Hinter dem Einsatz steht OB Richard Arnold. "Ich will es jetzt einfach wissen", sagt er. Kazim hatte einen guten Grund zur Flucht, will sich integrieren, will lernen - was bitte noch? "Die Ausbildung wird ihm aus formalen Gründen verwehrt, das kann doch nicht wahr sein", schimpft er.

"Wenn nicht Kazim, wer dann?", hatte Arnold gefragt. Das war vor einer Woche. Die Unterstützung von Stadt, Schule, Blindenheim und Flüchtlingsunterkunft hat wohl Wirkung gezeigt, sagt Kazims Mentor Schöffler. Doch ob es für jeden integrationswilligen Flüchtling möglich ist, solch einen öffentlichen Druck aufzubauen? Die Arbeitserlaubnis jedenfalls ist ein wichtiger Etappensieg für Kazim. Allerdings darf er bislang nur diese Ausbildung machen. Ein Recht zu bleiben und später zu arbeiten hat er nicht.

Man kann sich aber sicher sein: Auch dafür wird Kazim kämpfen.

Die Afghanen und das Asyl-System
Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Ende der möglichen Jamaika-Koalition kam für viele Ulmer überraschend

Umfrage: Einige Passanten hätten sich eine Einigung gewünscht, manche finden das Handeln der FDP jedoch konsequent. weiter lesen