Nüchtern Reisen

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Nicht überall willkommen: türkisches Bier, hier eine Flasche der Marke Efes.  Foto: 

Ein kühles Bier bei Tempo 250? Das mag im deutschen ICE die Regel sein, doch nicht mehr in den modernen türkischen Hochgeschwindigkeitszügen.

Nachdem vor einiger Zeit Alkohol von der Getränkekarte der Schnellstrecke zwischen Ankara und Konya gestrichen wurde, einer Hochburg der islamischen Frömmigkeit in Anatolien, servieren die Staatsbahnen TCDD jetzt auch zwischen Ankara und der Universitätsstadt Eskisehir keine alkoholischen Getränke mehr. Die Verbindung war die einzige noch verbliebene Hochgeschwindigkeitsstrecke, auf der es Bier und Wein gab.

Die offizielle Begründung: Es gebe keine ausreichende Nachfrage nach alkoholischen Getränken. Wer aber vermutet, dass die Bereinigung der Speisekarten weniger mit einem plötzlichen Trend zur Abstinenz in der türkischen Gesellschaft zusammenhängt, sondern vielmehr mit dem Anti-Alkohol-Feldzug des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, liegt wohl nicht falsch.

Die staatliche türkische Fluggesellschaft Turkish Airlines bietet bereits seit dem vergangenen Jahr auf den meisten Inlandsflügen keine alkoholischen Getränke mehr an - ebenfalls "wegen mangelnder Nachfrage". An Bord der konventionellen Fernzüge der Staatsbahnen werden weiter Bier, Wein und Raki ausgeschenkt - vorerst jedenfalls. Denn dass die Regierung in ihren Anti-Alkohol-Bemühungen nachlässt, glaubt kaum jemand. Im vergangenen Jahr hatte sie jede Werbung für Alkohol untersagt. Sogar Sonnenschirme mit dem Logo einer Brauerei sind verboten. Zwischen 22 Uhr und sechs Uhr darf in Läden kein Alkohol mehr verkauft werden.

Künftig wird es im Umkreis von 100 Metern um Moscheen und Bildungseinrichtungen aller Art keine Konzessionen zum Verkauf oder Ausschank alkoholischer Getränke geben. In der Praxis läuft das in vielen Stadtteilen wegen der vielen Moscheen und Schulen auf ein flächendeckendes Verbot hinaus.

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Kommentare

02.01.2015 17:50 Uhr

Verständlich

Wen wundert es, dass in einem muslimischen Land die Nachfrage nach Bier , zumal es keine Tradition hat wie in Europa. Wenn die Nachfrage zu gering ist, ist es nur konsequent aus betriebswirtschaftlichen Gründen keine alkoholischen Produkte in Schnellzügen verkauft werden. Deutschland ist beim Thema Alkohol absolut widersprüchlich. Auf der einen Seite "Keine Macht den Drogen", auf der anderen Seite ungezügelte Werbung wie "Trink Dich zum Glück"! Auch in Baden-Württemberg dürfen ab 22-06 Uhr kein Alkohol verkauft werden. Da unterstellt man auch nicht religiöse Absichten!

Nur einige Fakten:
- Es gibt 1,8 Millionen Alkoholabhängige in Deutschland
- 74.000 Menschen sterben Schätzungen zufolge jedes Jahr in Deutschland an den gesundheitlichen Folgen eines riskanten Alkoholkonsums – meist in Kombination mit dem Risikofaktor Rauchen. Das sind mehr als 200 Menschen pro Tag.
- Hinzukommen 15.300 Verkehrsunfälle unter Alkoholeinfluss, bei denen es zu Personenschäden kam, wurden im Jahr 2012 registriert. Bei diesen Unfällen waren 19.321 Menschen beteiligt, 338 Menschen starben an den Unfallfolgen
- 9% aller Verkehrstoten in Deutschland starben 2012 an den Folgen eines Alkoholunfalls - 32% aller Tatverdächtigen der im Jahr 2010 aufgeklärten Fälle im Bereich der Gewaltkriminalität standen unter Alkoholeinfluss
– das sind pro Jahr über 60.000 Gewaltfälle, bei denen Alkohol im Spiel ist. Dunkelziffer: unbekannt.

Bitte aufhören Alkohol zu verharmlosen und jede "Entwicklung" in der Türkei mit Islamisierung zu stigmatisieren! Deutschland hat, wie man es anhand der Zahlen sieht, eigene Hausaufgaben, die es anzupacken gilt!

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