NS-Raubkunst: Stuttgarter Historikerin Anja Heuß klärt Rückgabeansprüche

Nicht nur bei Gurlitt, auch in deutschen Museen lagert mutmaßliche NS-Raubkunst. Doch erst seit einigen Jahren nimmt die Forschung Fahrt auf. In Stuttgart klärt Anja Heuß die strittigen Fälle.

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    Zurückgekauft: Max Beckmanns "Selbstbildnis mit rotem Schal". Foto: 
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"Sie werden sich wundern", sagt Anja Heuß, die ersten Praktikumsanfragen seien schon eingegangen: Hineinschnuppern in die Provenienzforschung, das wäre bis vor kurzem wohl nicht allzu vielen jungen Leuten eingefallen.

Seit bekannt wurde, dass ein alter Mann namens Gurlitt in München eine riesige Kunstsammlung seines Vaters aus der Nazizeit hütete, ist das anders. Seitdem will man wissen, wo die mehr als 1000 Stücke herkommen. Und vor allem: Wo sie hingehören. Seitdem steht das Wort von der "Provenienzforschung", sperrig wie es ist, überall herum; übersetzt bedeutet es Forschung nach der "Herkunft" eines Werks.

Jemanden wie die Provenienzforscherin Anja Heuß zum Gespräch zu bekommen, ist gar nicht so einfach. Nach zwei Stunden an ihrem Arbeitsplatz im Verwaltungstrakt der Staatsgalerie Stuttgart ist auch klar, wieso: Was die 49-Jährige tut, ist das Gegenteil von Tageszeitung. Das geht nicht von heute auf morgen, sondern dauert oft Jahre. Einfache Antworten gibt es nicht, nur komplizierte, traurige Geschichten.

Wie verschlungen die Wege der Werke sind, das lässt sich schön an Max Beckmanns "Selbstbildnis mit rotem Schal" zeigen. Es hängt in der Dauerausstellung und schaut drein, als sei es nie weg gewesen. Von wegen: 1937 wurde das Bild wie etwa 400 andere Werke der Staatsgalerie als "entartete Kunst" beschlagnahmt. 1948 kaufte das Museum es zurück. Und die Geschichte ist noch pikanter, wie aus dem Beschlagnahmeinventar der Berliner Forschungsstelle "Entartete Kunst" hervorgeht. Das Beckmann-Gemälde kam 1939 in die Auktion nach Luzern, 1941 zu Kunsthändler Hildebrand Gurlitt und - noch vor! - 1945 in die Galerie Günther Franke nach München. Wie bitte? "Eigentlich hatten die Nazis das Bild an Gurlitt übergeben, um es ins Ausland zu verkaufen", sagt Heuß, "vermutlich hat Gurlitt es aber vor 45 an die Galerie übergeben."

Die promovierte Historikerin arbeitet am Landesmuseum und an der Staatsgalerie, deren Archiv im Krieg fast komplett verbrannte. 1998 hatte Deutschland die "Washingtoner Erklärung" unterzeichnet. Deshalb gilt für deutsche Institutionen die Selbstverpflichtung, NS-Raubkunst in den Beständen zu suchen und gegebenenfalls zurückzugeben. 2008 - fast 70 Jahre nach Kriegsbeginn! - wurde die Arbeitsstelle für Provenienzforschung in Berlin eingerichtet, die, von Bund und der Kulturstiftung der Länder finanziert, öffentliche Einrichtungen bei der Recherche unterstützt.

2009 wurde so in Baden-Württemberg eine eigene Stelle für Provenienzforschung eingerichtet. Seither ist Heuß da: "Ich bin in diesen Häusern die erste Provenienzforscherin, die es je gegeben hat", sagt sie. Was zeigt, wie groß das Interesse der Museen nach dem Krieg war, Raubkunst zurückzugeben. Inzwischen sind drei Wissenschaftlerinnen an den vier staatlichen Museen im Land damit betraut, "der Wahrheit zu ihrem Recht zu verhelfen", heißt es im Kunstministerium. Nach dem Ende der Anschubfinanzierung übernehme das Land die 240 000 Euro pro Jahr selbst.

27 Restitutionsverfahren sind nach den Angaben zur Zeit im Land anhängig, dabei geht es nicht nur um Gemälde, sondern auch um Porzellan, Teppiche, Taschenuhren. Wie tief das Misstrauen gegen den Aufklärungswillen der Museen indes noch sitzt, zeigt der schwelende Streit zwischen den Erben des jüdischen Kunsthändlers Flechtheim und den Museen (siehe Kasten).

In vier Jahren habe sie zwei Gemälde an die Erben der Vorbesitzer für die Staatsgalerie restituiert, sagt Heuß. Im März wurde die "Maria mit Kind" eines anonymen Meisters an die Erbengemeinschaft des jüdischen Kunsthändlers Stern zurückgegeben. Damit ist nur ein wenig von jenem Unrecht ausgeglichen, das der Kunstbetrieb mitverschuldete: "Die Museumsleute fuhren im Krieg in die besetzten Gebiete, um jüdischen Besitz aufzukaufen", sagt Heuß. Nicht so die Staatsgalerie, die ihres Wissens dennoch weitere 30 Werke aus "arisiertem" jüdischem Besitz im Bestand habe. Man wolle das restituieren: "Wir wissen nur nicht, an wen." Solche Fälle werden unter www.lostart.de eingestellt.

In puncto Münchner Fund hat Anja Heuß eine klare Haltung: 33 Kunstwerke aus der Staatsgalerie seien bei Hildebrand Gurlitt gelandet. Er durfte als einer von vier Kunsthändlern mit Werken der von den Nazis beschlagnahmten "entarteten Kunst" handeln. Doch selbst für den Fall, dass einige dieser Werke noch in der Sammlung sind - Heuß erwartet nichts. Das Einziehungsgesetz von 1938 wurde nie aufgehoben, die Verkäufe seien rechtens. Ausgenommen höchstens Werke, die Gurlitt nicht gekauft, sondern in Kommission hatte. Wenn man die Rechtslage rückwirkend änderte? "Dann müsste man sämtliche Verkäufe aus den letzten 60 Jahren rückabwickeln."

Um den üblichen Lauf der Dinge zu illustrieren, erzählt die Forscherin eine ihrer komplizierten Geschichten. Sie dreht sich nicht um Gurlitt, sondern um einen anderen aus dem NS-Kunsthändlerquartett: Bernhard Böhmer, als Profiteur und Kunst-Retter eine ähnliche Figur wie Gurlitt, hatte in Güstrow rund 1000 Werke auch "entarteter Kunst". Bei Kriegsende nahm er sich das Leben. Ein großer Teil der Kunst gelangte nach Rostock, "weil dort das nächste große funktionierende Museum war", erklärt Museumsleiter Steffen Stuth vom Kulturhistorischen Museum Rostock. Dort seien heute 613 Werke, der einzige geschlossene Bestand "entarteter Kunst". Aus der Staatsgalerie hat Rostock vornehmlich Grafiken. Die werden dort bleiben - sie gehören inzwischen der Hansestadt.

Im Chaos des Weltkriegs konnte alles passieren. Manche Werke verschwanden für immer, einige tauchten unverhofft auf: Die Skulptur "Hagar" von Karl Knappe, einst in Stuttgart, wurde 2010 bei Bauarbeiten an der Berliner U-Bahn aus dem Schutt geborgen und gehört nun zum Berliner Skulpturenfund.

Bitter sind die Schicksale der Künstler. Anton Kolig, einst Kunstprofessor in Stuttgart, ist heute fast vergessen, weil so wenig vom Werk blieb: Kolig wurde bei einem Bombenangriff im Atelier verschüttet. Er überlebte, ein großer Teil seiner Bilder nicht. Anja Heuß weiß von SS-Leuten, die sich als Kunsthändler tarnten, um einen jüdischen Künstler in die Falle zu locken. Wenn sie erzählt, merkt man, dass es um mehr geht als um Geld und Politik. Die Geschichte hinter der Sensation handelt von Menschen. Deshalb ist sie auch so kompliziert.

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