Leitartikel: Nichtregierungsorganisationen müssen Flüchtlinge retten

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Als Rupert Neudeck vor einem Jahr starb, trauerten viele um einen unbequemen, aber hochgeachteten Menschenrechtsaktivisten. Bekannt wurde Neudeck, als er Anfang der 80er­Jahre mit seiner Hilfsorganisation Cap Anamur Tausende vietnamesischer boat people aus dem Südchinesischen Meer rettete. Die Szenen, die sich seinerzeit dort abspielten, gleichen jenen, die wir heute aus dem Mittelmeer kennen. Verzweifelte Menschen fliehen aus ihrem Land und nehmen dabei lieber ihren Tod in Kauf, als unter den gegebenen Verhältnissen zu leben. Aus Südvietnam flohen sie vor drohendem Lager und kommunistischer Umerziehung. Aus Afrika fliehen sie vor Hunger, Elend, Chaos, Bürgerkrieg.

Dafür besteigen sie seeuntaugliche Boote, ohne ausreichend Proviant und Treibstoff, ohne Hygiene. Wie viele dabei zu Tode kommen, lässt sich nur schätzen. Im vergangenen Jahr waren es wohl an die 5000. Als Rupert Neudeck seinerzeit ins Südchinesische Meer fuhr, löste er eine Welle der Hilfsbereitschaft aus. Kein Mensch kam auf die Idee, er habe durch seine Rettungsaktionen die Menschen erst zu ihrer Flucht motiviert. Im Grunde hat sich die Problematik kaum verändert. Nur die Zahlen haben eine neue Dimension erreicht. Waren es in den 80er ­Jahren einige Zehntausend Vietnamesen, die in der Bundesrepublik aufgenommen wurden, hat es die EU  inzwischen mit einer Massenzuwanderung zu tun. Nach den Ereignissen 2015/2016, als große Flüchtlingstrecks über den Balkan Richtung Zentraleuropa zogen, ist die größte Sorge der EU, ihre Außengrenzen zu schließen, um eine weitere unkontrollierte Zuwanderung zu stoppen.

Das ist legitim, führt aber zu einem humanitären Dilemma. Während die Balkan-Route dicht ist, ist jene über das Mittelmeer bis heute kaum zu kontrollieren  – und liefert im Wochenabstand immer wieder Nachrichten und Bilder von Toten und ­Verzweifelten. Die Politik, die des Problems nicht Herr wird, hat nun die privaten Rettungsorganisationen als Sündenböcke entdeckt. Ihre Aktivitäten, heißt es, wirkten wie ein Magnet auf kriminelle Schlepperbanden. „Der NGO­-Wahnsinn“ müsse ein Ende haben, fordert Österreichs Außenminister Kurz. Ein sizilianischer Staatsanwalt ermittelt gar wegen des ­Verdachts der direkten Komplizenschaft zwischen Rettern und Schleppern. Beweise dafür hat er nicht vorgelegt. Und der Senat in Rom hat die NGOs gerade von dem Vorwurf entlastet.

Allerdings kann man durchaus von einem informellen Zusammenspiel sprechen. Die Schlepper wissen, dass vor der Küste Rettungsschiffe patrouillieren; aber auch die Bundesmarine und andere Schiffe in offizieller EU-­Mission. So hat allein die Bundesmarine in den vergangenen zwei Jahren rund 20.000 Menschen an Bord genommen. Die Frage ist: Würden weniger Menschen fliehen, wenn es keine Hilfe mehr gäbe? Oder würde es dadurch nur noch mehr Tote geben? Solange es Europa nicht gelingt, die Krisen an seiner Peripherie zu lösen, ist die Hilfe für Menschen in Not humanitäre Pflicht – nicht Wahnsinn.

leitartikel@swp.de

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