Nicht fit für den Wandel - Klare Personalkonzepte fehlen

Die deutsche Wirtschaft geht durchaus positiv gestimmt ins neue Jahr. Das könnte sich bald ändern. Nach Ansicht von Experten stellen sich die Unternehmen zu wenig auf die Überalterung der Gesellschaft ein. Mit Kommentar von Karen Emler: Zeit zur Weichenstellung.

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Stabile Beschäftigung und ein leichter Zuwachs bei Produktion und Beschäftigung - mit dieser Erwartungshaltung starten die meisten Unternehmen ins kommende Jahr. Zumindest hat das eine Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln ergeben. Doch der Blick in die Auftragsbücher allein sollte nicht der Wegweiser sein für das kommende Jahr, warnt die Frankfurter Beratungsgesellschaft PwC. Sie schlägt Alarm: Die Unternehmen unterschätzen nach ihren Erhebungen den demografischen Wandel nach wie vor gewaltig. Sie seien "auf einem Auge blind", lautet das Fazit.

Für die Studie wurden mehr als 200 Manager von Unternehmen unterschiedlicher Größe und aus unterschiedlichen Branchen befragt. Demzufolge glauben 90 Prozent, dass sich die Überalterung der Gesellschaft erst in sieben bis zehn Jahren auswirken wird, schreibt PwC. Dabei treffe der Wandel bereits jetzt viele Branchen. Der Mangel an Fachkräften spitze sich zu. Bis 2030 wird die Anzahl der Erwerbstätigen PwC zufolge in Westdeutschland um rund 4 Prozent, in Ostdeutschland um mehr als 10 Prozent sinken. Bereits heute nimmt der Anteil der Über-60-Jährigen in den Belegschaften rund 25 Prozent ein. Rund 11 Prozent der Unternehmen spüren bereits "die Abnahme der Leistungs- und Innovationsfähigkeit".

Erste Reaktionen mit Blick auf das Personal gibt es. Rund 75 Prozent sehen flexible Arbeitszeiten und familienfreundliche Beschäftigungsmodelle als einen guten Ansatzpunkt. Nur 28 Prozent der Befragten denkt darüber nach, Über-50-Jährige einzustellen. Klare Konzepte zur Personalentwicklung sind PwC zufolge aber Mangelware, insbesondere bei den kleineren und mittleren Unternehmen.

Das Handwerk spürt den Wandel schon. Zu Beginn des neuen Ausbildungsjahres waren noch 37 100 Lehrstellen unbesetzt, 3400 mehr als im Vorjahr. Deshalb rührt der Wirtschaftszweig bei Abiturienten und Studienabbrechern stärker die Werbetrommel und setzt auch Hoffnung auf junge Flüchtlinge.

Hans Peter Wollseifer, der Präsident des Deutschen Handwerks, plädierte in der "Rheinischen Post" für ein Bleiberecht für ausbildungswillige Flüchtlinge in Deutschland. Unter ihnen seien "sehr viele mit guter Schulausbildung, zum Beispiel aus dem Irak und Syrien, und viele, die großes praktisches Geschick haben." Wichtig sei aber die Planungssicherheit: "Wenn wir einen jungen Flüchtling ausbilden, muss aber auch klar sein, dass er über die gesamte Lehrzeit in Deutschland bleiben darf", fordert er. Auch die meisten Industrie- und Handelskammern sehen das ähnlich.

Auch die Kunden werden rar

Marktveränderung In der Studie "Auf einem Auge blind" zum Umgang mit dem demografischen Wandel kritisiert die Beratungsgesellschaft PwC nicht nur, dass sich die Unternehmen in Deutschland zu wenig um die künftige Personalausstattung Gedanken machen. Sie unterschätzten auch die Auswirkungen auf ihr Geschäftsmodell. "Die Nachfrage nach Dienstleistungen und Produkten wird sich mindestens ebenso dramatisch verändern wie der Arbeitsmarkt", sagt Norbert Winkeljohann, Vorstandssprecher von PwC Deutschland. "Der Kreis potentieller Kunden wird kleiner und die Kunden werden immer älter." Darauf müssten alle Unternehmer reagieren - vom Energieversorger über den Hersteller von Babynahrung, den Autobauer bis zum Handel.

Kommentar von Karen Emler: Zeit zur Weichenstellung

Eine Studie allein bildet noch nicht die Realität ab. Doch die Beratungsgesellschaft PwC steht mit ihrem Befund nicht alleine da. Auch andere Erhebungen zeigen: Der demografische Wandel ist in Deutschland im Wortschatz, aber noch nicht in den Köpfen aller Verantwortlichen angekommen.

Wer die Überalterung der Gesellschaft als Unternehmen meistern will, muss dringend die Weichen dafür stellen. Dazu gehört es, den Personalbestand und den künftigen Bedarf zu definieren. Welche Berufsgruppen sind besonders gefragt? Welche Qualifizierung kann man durch interne Weiterbildung erreichen? Wie kann man auch als kleines oder mittelständisches Unternehmen bei wählerischen Bewerbern als potenzieller Arbeitgeber punkten? Eine gute Unternehmenskultur, in der die Mitarbeiter mit ihren Bedürfnissen wahrgenommen werden, gewinnt an Bedeutung. Sie hilft auch dabei, ältere Beschäftigte möglichst lange und möglichst leistungsfähig zu halten.

Doch sich nur mit Personalfragen aufzuhalten, wäre fatal. Alles, was Unternehmen heute herstellen oder an Dienstleistungen anbieten, muss auf den Prüfstand. Sind die Produkte auch tauglich für ältere Menschen? Wie reagiert man auf der Kostenseite, wenn die Kundengruppe schrumpft?

Eines müsste jedem klar sein: Auch bei noch so guter Planung werden Wirtschaft und Gesellschaft in Zukunft auf Unterstützung angewiesen sein. Damit sind ausnahmsweise nicht die Politiker gemeint, sondern diejenigen, die nach Deutschland kommen, aus welchem Grund auch immer. Die Migranten von heute sind die geschätzten Mitarbeiter, Kunden und Mitbürger von morgen.

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