Neues Urteil für den Maskenmörder

Die Ermordung der zwölfjährigen Vanessa in Gersthofen bei Augsburg machte 2002 Schlagzeilen. Jetzt wird vor dem Augsburger Landgericht verhandelt, ob der damals 19-jährige Täter wieder auf freien Fuß kommt.

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Mit diesem Foto fahndete die Augsburger Polizei im Februar 2002 nach Vanessas Mörder. Foto: dpa

Zehn Jahre ist es her, dass der damals 19-jährige Michael W. in Gersthofen die zwölfjährige Vanessa in ihrem Kinderzimmer mit 21 Messerstichen tötete. Seine Haftstrafe hat er jetzt abgesessen. Jetzt wird vor dem Landgericht Augsburg um seine Entlassung gerungen.

Die Staatsanwaltschaft würde ihn gern in Sicherungsverwahrung nehmen. Denn ausreichend therapiert wurde er hinter Gittern nicht. Es gilt zu klären, wie gefährlich der heute 29-Jährige noch ist und ob er eine psychische Störung aufweist. Die Gutachter sind sich darüber nicht einig. Zwei Experten sprechen sich dafür aus, W. weiterhin einzusperren. Eines dieser Gutachten gilt jedoch als mangelhaft. Ein dritter Gutachter spricht sich für Michael W.s Entlassung unter Auflagen aus.

Heute will das Gericht noch einmal einen Experten hören. Denn für eine nachträgliche Sicherungsverwahrung gibt es hohe Auflagen. Mindestens zwei Gutachter müssen eine hochgradige Gefährlichkeit und eine psychische Störung attestieren. Das tun Ralph-Michael Schulte und Pantelis Adorf, doch die Qualität von Adorfs lediglich 25 Seiten umfassendem Gutachten wird angezweifelt. Sollte es nicht verwendet werden können, muss der Prozess eventuell von vorne beginnen. Dann stellt sich die Frage, ob Michael W. bis dahin weiter in Haft bleiben müsste.

Im Februar 2002, am Rosenmontag, war Michael W. als Tod verkleidet durch die Straßen der 20 000-Einwohner-Gemeinde Gersthofen gestreift. Er trug eine Maske wie der Darsteller in Wes Cravens Horrorfilm "Scream". Durch das Fenster eines Einfamilienhauses beobachtete er zwei Kinder, die vor dem Fernseher saßen, Vanessa und ihr jüngerer Bruder. Ihre Eltern waren beim Faschingsball. Nachdem die Kinder ins Bett gegangen waren, kletterte W. über die Garage in das Haus, schlich in die Küche und holte sich dort ein langes Messer. Dann stieg er die Treppe hinauf in das Kinderzimmer und stellte sich mit dem Messer in der Hand vor das Bett der schlafenden Zwölfjährigen. Als das Mädchen aufwachte und um Hilfe schreien wollte, tötete er es mit 21 Stichen.

Er kannte weder Vanessa noch deren Familie, die Zwölfjährige war ein Zufallsopfer. Viel wurde darüber spekuliert, ob Michael W. die Szene aus "Scream" nachspielte - auch in dem Film tötet ein maskierter Mann ein Mädchen, dessen Eltern nicht zu Hause sind. W. bestritt das, es sei Zufall. Er habe das Mädchen nur erschrecken wollen.

Zehn Tage nach der Tat wurde Michael W. festgenommen und im Februar 2003 zu zehn Jahren Haft verurteilt. Das ist die Höchststrafe, denn das Gericht urteilte nach Jugendstrafrecht. Der Gutachter damals attestierte dem Täter zwar ein Defizit an Gefühlen - er sprach von "emotionaler Legasthenie", das Kriterium der "schweren seelischen Abartigkeit" aber sah er nicht erfüllt.

Und das ist notwendig, um jemanden in ein psychiatrisches Krankenhaus und nicht ins Gefängnis zu schicken. Gericht und Staatsanwalt hielten W. für voll schuldfähig. Nur die Jugendgerichtshelferin sah das anders. "Diese scheinbare Gefühlsarmut ist ein Schutzmechanismus bei traumatisierten Personen, die eine hohe Spannung in sich abgekapselt haben", sagte sie damals. Die äußere nette Erscheinung und innen eine mörderische Aggression, dies sei eine "brandgefährliche Konstellation".

Ob genau eine solche psychische Erkrankung doch nachzuweisen ist, darum geht es im jetzigen Verfahren. Als Michael W. 2003 verurteilt wurde, hatte es noch keine nachträgliche Sicherungsverwahrung im Jugendstrafrecht gegeben. Erst 2008 hatte der Bundestag dieses Gesetz verabschiedet, es muss bis 2013 neu gefasst werden, weil es der Europäische Gerichtshof 2011 kassierte.

2010 hatte die sozialtherapeutische Anstalt der Vollzugsanstalt Erlangen, in die Michael W. zwei Jahre zuvor verlegt worden war, bei dem Psychiater Frank Urbaniok ein Gutachten in Auftrag gegeben, um eine Haftlockerung zu prüfen. Der Experte kam zum Schluss, die Gefahr, dass er wieder tötet, sei zu groß.

Auf dieses Gutachten stützt sich die Staatsanwaltschaft Augsburg, die nun die nachträgliche Sicherungsverwahrung beantragte. Das Problem dabei: Michael W. hatte die Gutachter und Psychologen, mit denen er während seiner Haft gesprochen hatte, nie von der Schweigepflicht entbunden und sich auch nicht begutachten lassen. Deren Expertisen wurden allein aus den Akten erstellt. W.s Verteidiger forderte daher ein weiteres Gutachten, und so wurde als Sachverständiger der Freiburger Psychologe Helmut Kury hinzugezogen, der persönlich mit dem Mörder gesprochen hat.

Er kam zu dem Schluss, man könne W. unter Auflagen freilassen, denn er sagt: "Mörder werden in aller Regel nicht mehr rückfällig."

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