Namibia versucht, Ungleichgewichte aus der Kolonialzeit zu mildern - Herero fordern mehr

Auch nach der Unabhängigkeit ringt Namibia mit dem kolonialen Erbe. Große Teile des Farmlandes sind im Besitz weißer Bauern. Eine Reform soll das ändern. Der Volksgruppe der Herero genügt dies aber nicht.

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  • Auf den staubigen Straßen treiben sich Ziegen herum. Rinder, Schafe und Ziegen sind die weit verbreitetsten Nutztiere in Namibia. 1/2
    Auf den staubigen Straßen treiben sich Ziegen herum. Rinder, Schafe und Ziegen sind die weit verbreitetsten Nutztiere in Namibia. Foto: 
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    Haben viel verloren: Eine Frau in traditioneller Herero-Tracht wäscht in Otjiwarongo ihre Wäsche. Foto: 
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Die Abendsonne taucht den Waterberg in rotes Licht. Die Schatten wandern und verändern die Farben des Tafelbergs. Während an seinen Felshängen Affen toben, grasen zu seinen Füßen Antilopen. Sie fressen das trockene Gras auf Farmland. Denn weite Teile Namibias - vor allem in der Mitte des Landes - sind eingezäunt, Farmen riesigen Ausmaßes erstrecken sich längs der wenigen Straßen.

Harry Schneider-Waterberg trägt den Berg im Namen. 1909 ist seine Familie in das Land in Afrikas Süden eingewandert. Die Rinderfarm Okosongomingo mit 42 000 Hektar wird in dritter Generation von der Familie bewirtschaftet. Bald kalben die Rinder, er hat zurzeit viel zu tun. "Die Farm verlangt großen Einsatz", sagt er. Schließlich müssten Erosion, Wasser, Vieh, Wild, Weide und die Arbeiter mit ihren Familien bei einer nachhaltigen Bewirtschaftung eingeplant werden.

Nicht jeder Farmer schafft das, viele geben auf und verkaufen ihr Land. Dann kommt der Staat ins Spiel, der sich im Zuge einer Landreform eine Art Vorkaufsrecht auf die Farmen gesichert hat. So holt die Geschichte die weißen Farmer, viele davon Nachfahren deutscher Einwanderer, ein. Denn in Namibia herrscht seit der Kolonialzeit ein Ungleichgewicht. Zu Beginn der Unabhängigkeit 1990 gehörten schwarzen Bauern gerade einmal 2,7 Prozent des kommerziell genutzten Landes, der Rest war in weißer Hand. Ende 2012 sah das schon anders aus. 7,5 Millionen Hektar wurden durch die Regierung aufgekauft und an landlose Bürger verteilt - 21 Prozent. Bis 2020 sollen es 15 Millionen Hektar werden.

Enteignungen drohen nicht. "Enteignung im traditionellen Sinn kann es nicht geben, da Kapitel 3 der namibischen Verfassung nicht geändert werden kann, auch nicht mit einer hundertprozentigen Mehrheit im Parlament", sagt Schneider-Waterberg. In diesem Kapitel wird jedem Namibier das Recht zugesprochen, Land zu erwerben, zu besitzen, zu bewirtschaften und zu vererben. Er schließt allerdings nicht aus, dass eine Regierung versuchen könnte, diese Rechte zu umgehen.

Auch ohne Enteignungen sorgt die Landreform für Kritik. Experten bemängeln, dass die Regierung das Land in 1000 Hektar große Parzellen aufteilt. Die trockenen Flächen seien zu klein für eine Familie und die Neu-Bauern oft gänzlich unerfahren und überfordert. Auch Schneider-Waterberg warnt, dass durch die Vernachlässigung von Produktivität und Wirtschaftlichkeit Arbeitsplätze und die nachhaltige Nutzung des Landes gefährdet werden.

Kae Matundu-Tjiparuro, Journalist bei der als regierungsnah geltenden Zeitung "New Era", geht es hingegen nicht schnell genug. Das Prinzip des willigen Verkäufers und willigen Käufers habe die Preise in die Höhe getrieben. Außerdem würden oft unrentable Farmen angeboten.

Mit der Landreform sind nicht alle Volksgruppen zufrieden. Vor allem die koloniale Vergangenheit der Deutschen ist ein schwieriges Erbe. Erst vor wenigen Monaten wurde die umstrittene Statue eines Reiters der deutschen Schutzstaffel in einer schnellen Aktion abgebaut und in den Hinterhof des Windhoeker Museums verbannt. Orte wie Lüderitz werden umbenannt, deutsche Straßennamen geändert.

Das soll Spuren eines dunklen Kapitels der Kolonialgeschichte beseitigen: Die Volksgruppen der Herero und Nama wurden nach einem Aufstand 1904 durch die deutschen Schutztruppen fast vollständig vernichtet. Matundu-Tjiparuro beschreibt die Folgen für die Nachfahren: "Sie haben ihr Land, ihre Rinder, ihr Leben und ihre Kultur verloren." Die ehemals "stolzen, eigenständigen und organisierten Gemeinschaften" gebe es nicht mehr, sie seien auseinandergebrochen. Viele Familien hätten nicht mehr Fuß gefasst, die Arbeits- und Perspektivlosigkeit sei groß. "Viele scheinen sich in eine Art inneres Exil zurückgezogen zu haben", erzählt er. Er fordert einen Wiederaufbau der Strukturen und vergleicht das mit dem Marshall-Plan nach dem Zweiten Weltkrieg. Um Geld gehe es nicht vorrangig. "Wenn das ohne Geld bewerkstelligt werden kann, dann los!"Deutschland verweist auf die bis jetzt gezahlten 800 Millionen Euro Entwicklungshilfe. Viele Herero entgegnen, das Geld komme bei ihnen nicht an. Sie fühlen sich auch von der Regierungspartei nicht vertreten.

Herero Israel Kaunatjike lebt seit 40 Jahren in Deutschland. Er sagt klar: "Wir wollen eine offizielle Entschuldigung und wir fordern Reparationszahlungen." Man könne nicht Menschen in Afrika umbringen - "und das war's dann." Die Niederschlagung des Aufstands sei von der Uno als Völkermord eingestuft worden. Ein Wort, das deutsche Politiker partout vermeiden, damit keine Zahlungsansprüche entstehen.

Deshalb erstaunte es viele, dass die damalige Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczoreck-Zeul (SPD) zum 100. Jahrestag der Gräuel nach Namibia reiste und sich mit bewegenden Worten entschuldigte. Kaunatjike erzählt, die Politikerin habe dafür in Deutschland Kritik einstecken müssen.

Kae Matundu-Tjiparuro betont, dass es keine Deutschen oder Herero gebe, sondern nur Namibier mit unterschiedlichen Sprachen. Auch für Harry Schneider-Waterberg ist die Debatte um Reparationszahlungen politisch motiviert. Sie habe keinen Einfluss auf das Zusammenleben im Alltag zwischen deutschstämmigen Namibiern und Herero. Hier am Fuße des Waterbergs, wo in der Entscheidungsschlacht tausende Herero getötet wurden und hin und wieder noch verrostete metallene Fußfesseln im sandigen Boden gefunden werden, geht das Leben eben weiter, auf den Farmen der Namibier.

Die Last der Geschichte

Vernichtungsfeldzug Die Kolonialherrschaft in "Deutsch-Südwestafrika" dauerte von 1884 bis 1915. Nachdem die Deutschen dem damals nomadisch lebenden Hirtenvolk der Herero, das zeitweise mit den Deutschen kooperierte, sukzessive ihr Land genommen hatten, begannen die Hereros Anfang 1904 einen Aufstand, der Opfer unter den deutschen Siedlern forderte. Die deutschen Schutztruppen antworteten mit grausamer Härte. Die Entscheidungsschlacht im Gebiet rund um den Waterberg in Zentralnamibia begann am 11. August 1904. Der deutsche General Lothar von Trotha machte aus der Niederschlagung des Aufstandes einen Vernichtungsfeldzug. Mit einem Tötungsbefehl ordnete er die vollständige Auslöschung des Volkes an.

Opfer In der Folge wurden tausende Hereros getötet, Familien in die Wüste getrieben und von den Wasserstellen ferngehalten, viele wurden in Konzentrationslager gebracht oder zu Zwangsarbeit gezwungen. Wie viele Opfer es in diesen Monaten gab, ist unklar. Schätzungen gehen von bis zu 85 000 getöteten Hereros und 10 000 toten Namas aus. Die Überlebenden verloren Vieh und Landrechte. Vielen Wissenschaftlern gilt das als der erste Genozid des 20. Jahrhunderts. Nach der deutschen kam Namibia unter südafrikanische Herrschaft und litt wie das Nachbarland unter der Apartheid. 1990 wurde das Land unabhängig.

 

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