Musikermedizinerin: "Wir müssen vor dem Singen keine Angst haben"

Claudia Spahn, 53 Jahre alt, ist Professorin am Freiburger Institut für Musikermedizin der Musikhochschule und der Uni Freiburg. Mit Bernhard Richter hat sie jüngst "Musik mit Leib und Seele. Was wir mit Musik machen und sie mit uns" veröffentlicht.

|
Professorin Claudia Spahn aus Freiburg.  Foto: 

Frau Spahn, Sie sind ja vom Fach: Stimmt unsere Hypothese denn - macht Singen wirklich glücklich?
CLAUDIA SPAHN: Ja! Es gibt da tatsächlich Untersuchungen. Ein Kollege von uns hat die Glückshormone vor und nach dem Singen gemessen, und es ließ sich ein Anstieg beobachten. Auch in England gibt es umfangreiche Forschungen, die sich mit den Wirkungen des Chorsingens beschäftigen, Ergebnis: Die Menschen fühlen sich deutlich besser, sie empfinden Sinn. Gerade beim Chorsingen ist man in einer Gemeinschaft aufgehoben und trotzdem ist jeder einzelne wichtig. Am meisten singen die Leute aber wohl immer noch unter der Dusche und in der Badewanne, auch weil es im Bad so schön hallt.

. . . und weil das Singen vor Publikum angstbesetzt ist. Wieso?
Es heißt nicht umsonst "Spiegel der Seele": Wenn man sich stimmlich zeigt, zeigt man sich als Person. "Personare" heißt übersetzt: durch die Maske klingen. Die Stimme ist ganz eng mit dem Menschen verbunden, deshalb setzt man das Singen ja auch therapeutisch ein, etwa in Krankenhäusern.

Und wohl deshalb wird der Stimme von jeher auch magische Kraft zugesprochen.
Singen und Tanzen sind schon immer Teil der Kultur - aller Kulturen -, etwa in Beschwörungsritualen. Mit der Stimme kann man Beziehungen herstellen, Einfluss auf andere ausüben, sie transportiert Emotionen auf eine ganz subtile Weise, mit der Prosodie, der Melodie des Sprechens - all dem, was man nicht in Worte fassen kann. Nehmen wir zum Beispiel Schuberts Vertonungen von Goethes Gedichten: Die werden durch die Musik noch einmal viel eindringlicher.

Dennoch: In Deutschland hört man kaum jemanden auf der Straße singen. Wieso sind wir so verklemmt?
Es gibt die Hypothese, dass das mit unserer politischen Vergangenheit zu tun hat, weil die Nationalsozialisten viele Lieder zu Propagandazwecken missbraucht haben. In dieser Beziehung leiden wir unter einer Art kollektivem Schock, aber wir am Institut haben den Eindruck, dass sich das langsam löst. In den Volksliedern steckt ja nichts Böses, das sind wunderschöne Melodien. Es gibt sie in allen Kulturen, denn gerade für die Beziehungsaufnahme zu Kindern sind sie sehr wichtig. In Skandinavien etwa wird diese Tradition gepflegt: In Norwegen werden sogar Wettbewerbe unter Vätern ausgetragen, wer sein Kind schneller in den Schlaf singen kann. Vor dem Singen müssen wir keine Angst haben, ich glaube, da haben wir andere Probleme . . .

Müsste man das Singen generell mehr fördern?
Wichtig ist vor allem das Singen mit Kindern. Das muss viel stärker in der Ausbildung der Erzieher verankert werden. In der Sekundarstufe haben wir seit der Einführung des zwölfstufigen Gymnasiums das Problem, dass viele AGs wegfallen, weil die Lehrer solche Wahlkurse in der Freizeit geben müssten, diese Arbeit müsste man viel stärker aufwerten. Viele Gymnasiasten haben heute das Gefühl, sie hätten keine Zeit mehr für Musik. Und so beginnen zwar viele in der Musikschule, halten aber nicht bis zum Abi durch; das war früher so nicht der Fall. Immerhin ist Musik in der Grundschule nun glücklicherweise wieder ein eigenes Fach, hier in Freiburg werden seit Neuestem Grundschullehrer mit Schwerpunkt Musik auch an der Musikhochschule ausgebildet. Trotzdem: Was das angeht, haben wir Nachholbedarf. Wenn man die Laienmusikkultur vernachlässigt, fehlt irgendwann der Mittelbau. Wir müssen uns bewusst sein, was wir daran haben und es erhalten.

Info Claudia Spahn, 53 Jahre alt, ist Professorin am Freiburger Institut für Musikermedizin der Musikhochschule und der Uni Freiburg. Mit Bernhard Richter hat sie jüngst "Musik mit Leib und Seele. Was wir mit Musik machen und sie mit uns" veröffentlicht (Schattauer, 248 Seiten, 19.99 Euro).

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Themenschwerpunkt

Gesund und Fit

Was trägt alles zu einem gesunden Leben bei? In unserer großen Schwerpunktserie über Gesundheit und Fitness geht es genau um diese Fragen. Wie halte ich Körper, Geist und Seele fit? Das lesen Sie in den nächsten sechs Wochen.

mehr zum Thema

Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

SSV Ulm 1846 Fußball gewinnt 2:1 gegen VfB Stuttgart II

Am Freitag um 19 Uhr empfing der SSV Ulm 1846 Fußball den VfB Stuttgart II im Donaustadion. weiter lesen