Münchner Kultur: A bisserl was geht immer

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A bisserl was geht immer“, wusste der Monaco Franze. Er meinte ein Gspusi. Helmut Dietls kultige TV-Serie aber brachte überhaupt das Münchner Lebensgefühl auf den Punkt: diese Mischung aus leger weltläufigem Größenwahn und bajuwarischer Heimatliebe. Eine gemütliche Arroganz gehört noch dazu, man lebt halt in der schönsten Stadt, fast schon in Italien. Sagen die Münchner. Jedenfalls sieht man bei Föhn die Alpen. Als Helmut Fischer also in den frühen 80er Jahren als ewiger Stenz vor der Kamera stand, bauten sie am Isar-Hochufer, vom Deutschen Museum aus den Berg rauf, gerade das Kulturzentrum Gasteig.

1985 wurde der Backsteinbau eröffnet. Bekannt geworden ist er als Konzertsaal, Sergio Celibidache selig zelebrierte dort mit den Münchner Philharmonikern Bruckner-Sinfonien. Kollege Leonard Bernstein dagegen schimpfte „Burn it!“ ins Gästebuch, weil er über die Akustik entsetzt war. Niedergebrannt hat den Saal niemand, die Debatte über den Klang aber schwelt bis heute. Jetzt freilich möchte die bayerische Landeshauptstadt 450 Millionen Euro für die Generalsanierung ausgeben. A bisserl was geht immer.

Aber wollen die Münchner nicht auch ein neues Konzerthaus für 300 Millionen Euro in der Nähe des Ostbahnhofs bauen, nur eine S-Bahn-Station weiter: im Werksviertel, auf dem Gelände der ehemaligen Pfanni-Knödelfabrik? Ja und nein. Es ist nicht die Stadt, sondern die bayerische Staatsregierung, die ein neues Konzerthaus seit vielen Jahren vorantreibt, weil sie für das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Maestro Mariss Jansons, das zu den besten der Welt zählt, eine adäquate Adresse sucht. Und weil Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) sich mit einem Prestigebauwerk beim Volk verewigen will.

Zum Planungswettbewerb sind Architekten wie Frank Gehry und Herzog & de Meuron (Elbphilharmonie)  eingeladen worden – drunter geht’s nicht. Ob Seehofer aber noch 2018 beim Spatenstich die Fotografen anlächeln kann oder doch länger regieren muss, um den Baubeginn zu feiern, steht in den Sternen.

Aber zurück zum Gasteig. Der ist nämlich nicht nur Philharmonie, sondern auch Kulturzentrum. Und zwar das größte in Deutschland: Bis zu 6000 Besucher kommen täglich, 1,7 Millionen im Jahr. Auf 80 000 Quadratmeter bietet das Haus fünf Säle mit zusammen 3500 Plätzen. Nicht nur die Münchner Philharmoniker sind dort zu Hause, auch die Stadtbibliothek und die Volkshochschule. Und viele fremde Veranstalter bespielen den Gasteig, Nach gut 30 Jahren ist er aber „heruntergerockt“, so sanierungsbedürftig wie veraltet (allein schon in puncto Brandschutz).

Das 450-Millionen-Euro-Sanierungspaket ist zusammengeschnürt aus 25 Einzelposten: 137 Millionen für den Konzertsaal (Philharmonie), um auch den Klang zu verbessern, etwa mit einem tonnenschweren Deckenreflektor; 29 Millionen für publikumsfreundlichere Foyers; 35 Millionen, um den Carl-Orff-Saal zu erweitern, von 600 auf 1000 Plätze. Und so fort. Vier Millionen Euro auch für eine Aussichtsterrasse mit Restaurant auf dem Dach. Was Hamburg mit der öffentlichen Plaza der Elbphilharmonie kann, das kann München auch: aber mit Alpenblick.

„Ein historischer Tag für die Kultur“, kommentierte Gasteig-Chef Max Wagner den Beschluss des Münchner Stadtrats zur Sanierung. Jetzt muss er aber noch ein paar Probleme lösen, zum Beispiel eine Ausweichspielstätte für die Münchner Philharmoniker des Valery Gergiev finden. Selbst Wiesnzelte sind im Gespräch, in der Zwischennutzung nach dem Oktoberfest. Aber man denkt vor allem an einen feinen Holzbau, der Akustik wegen, extra errichtet für die fünf Jahre der Generalsanierung. Kosten: bis zu 40 Millionen Euro.

Da schütteln aber auch Münchner den Kopf. Könnte man nicht warten, bis das neue Konzerthaus fertig ist, und dann dorthin ziehen, von 2021 an? Also falls das neue Konzerthaus dann wirklich fertig wäre.

Es war schon immer politisch speziell in München zwischen Stadt und Freistaat, jedenfalls sind die Zeiten vorbei, als sich allein die Könige und Prinzregenten in ihrer  Residenz verwirklichten. Jetzt steht zumeist ein CSU-Ministerpräsident einem SPD-Oberbürgermeister gegenüber. Wem gehört München?  So einfach wie im Stadtstaat Hamburg ist es jedenfalls nicht. Manchmal kommt’s zum Wettrüsten wie jetzt in der Konzerthausfrage. Wobei München natürlich profitiert vom Freistaat, der im Jahr 422 Millionen Euro für die Kultur in der Landeshauptstadt aufbringt und Leuchttürme wie die Staatsoper finanziert.

„Nein, wir können nicht jammern“, sagt Jenny Becker vom Münchner Kulturreferat. Sie erzählt aber auch, dass in den vergangenen zehn Jahren gut 200 000 Menschen nach München gezogen seien – „als hätten wir Augsburg geschluckt“. Eine Konsequenz daraus sei, dass eine zweite Stammstrecke der S-Bahn gebaut werden müsse. München leuchtet nicht nur, wie Thomas Mann das einst beschrieben hat, München boomt, ist wirtschaftlich ein Kraftzentrum. Das weiß jeder, der eine Wohnung sucht.

Und so schaut man auch nicht neidisch nach Berlin, wo der Bund die Kultur mit fast 400 Millionen Euro im Jahr finanziert, wo sie aber auch nichts fertig kriegen, keinen Flugplatz und keine Staatsoper, wo ein Viertel der Menschen von Transferleistungen (Sozialhilfe, Arbeitslosengeld) lebt. „Mei, Hauptstadt ist Hauptstadt“, sagt Jenny Becker. Die Münchnerin könnte auch sagen: „Mir san mir.“

Die Stadt Das Kulturbudget der Stadt München (1,5 Millionen Einwohner) beträgt rund 200 Millionen Euro bei einem Gesamthaushalt von sechs Milliarden Euro. Davon gehen nach Angaben des Kulturreferats zirka 29 Millionen Euro an die Münchner Philharmoniker und 39 Millionen Euro an die Stadtbibliothek, einen ähnlich hohen Betrag erhalten die Kammerspiele. Ein Zuschuss in Höhe von 15 Millionen Euro ist für die Münchner Volkshochschule eingeplant.

Der Freistaat Die Förderung der Kultur in seiner Landeshauptstadt ist dem Freistaat Bayern viel wert. Im Haushaltsjahr 2016 hat das Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst nach eigenen  Angaben im Kunstbereich insgesamt  421,9 Millionen Euro für staatliche und nichtstaatliche Einrichtungen in München ausgegeben. Hierunter fallen Aufwendungen beispielsweise für die Bayerischen Staatstheater (rund 197,5 Millionen Euro), die staatlichen Kunsthochschulen (Akademie der Bildenden Künste, Hochschule für Musik und Theater, Hochschule für Fernsehen und Film; insgesamt rund 42,6 Millionen Euro) sowie die staatlichen Museen und Sammlungen, darunter die Pinakotheken (rund 65,1 Millionen Euro). jük

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