Modern und medienbasiert: Zu Gast im „flipped classroom“

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Mathe-Unterricht mit Tablet: Zehntklässler in der Gruppenarbeit  Foto: 

Freitagmorgen, 7.45 Uhr, in der Inge-Aicher-­Scholl-Realschule im bayrischen Neu-Ulm beginnt der Tag. Draußen dämmert es, drinnen steht der Klasse 6c eine Doppelstunde Mathe bevor. Noch herrscht Gewusel. Während Lehrer Sebastian Schmidt sein Tablet anschaltet, das W-Lan einrichtet, den Beamer startet, holen die Kinder Hefte, Bücher, Smartphones raus. Ein Mädchen entschuldigt sich: Handy vergessen. „Macht nichts“, sagt Schmidt. Irgendwo pfeift das Whatsapp-Signal. „Ton aus“, ruft Schmidt. Dann ist der Beamer soweit, es geht los.

Schmidt – 34 Jahre, Jeans, Chucks – ist Vorreiter des „Flipped Classroom“ (engl. – „umgedrehter Unterricht“) in Deutschland. Das meint: „Input zuhause, Üben in der Schule.“ Die Einführung eines Themas wird ganz oder teils in die Hausaufgabe verlegt. Die 6c musste für heute ein von Schmidt erstelltes Video über Dezimalbrüche schauen und Notizen machen. Im Unterricht wird geübt.

Lernen im „Flipped Classroom“

Das Konzept reagiert auf mehrere Entwicklungen. „Wenn Schüler heute etwas wissen wollen, schauen sie nicht im Lexikon, sondern bei Youtube“, sagt Schmidt. Zudem werden Hausaufgabenlösungen oft per Whatsapp verteilt, doch in der Schule müssen alle ran. Auch lasse sich besser differenzieren – starke Schüler machen mehr oder schwerere Aufgaben – und die Kinder können im Unterricht beraten und einander helfen.

Zu Beginn geht Schmidt im Schüler-Lehrer-Gespräch das Erklärvideo durch, um zu sichern, dass es alle verstanden haben. Um 8.05 Uhr geht der Beamer aus – Bild weg. Schmidt wechselt an die Tafel. Als in allen Schulheften steht, wie man Dezimalbrüche in -zahlen umwandelt, ist es 8.10 Uhr, die Übungsphase beginnt.

Welche Aufgaben aus dem Lehrbuch dran sind, hat Schmidt in die offizielle bayrische Online-Lernplattform Mebis eingetragen. Die Lösungen haben die Kinder als PDF auf dem Handy. So können sie vergleichen. Die Schüler setzen sich in Gruppen zusammen, rechnen und reden. Schmidt geht umher, hilft und treibt an.

Lehrer Schmidt ist ein Exot. Zwar entstehen ständig neue, medienbasierte Lehrkonzepte, doch systematisch zum Einsatz kommen sie nicht. Das Netz macht Wissen frei verfügbar, doch die meisten Klassenzimmer sind offline. Kinder wie Lehrer nutzen privat zig digitale Geräte, doch im Unterricht bleiben die, wie Studien zeigen, überwiegend außen vor. Kein Wunder, in der Ausbildung der aktuellen Lehrergeneration spielten Internet und Smartphone keine Rolle, und Fortbildungen sind rar. Zudem gibt es jugend- und datenschutzrechtliche Bedenken. Vor allem aber ist das Gerät teuer und veraltet schnell, und in vielen Schulen herrscht Mangel: Tafel, Kartenständer und Tageslichtprojektor sind Standard, Farbkopierer, Beamer und Lehrerlaptops nicht.

Wie viel Geld für Sachmittel da ist, hängt vom Träger ab: Prosperieren Städte, Gemeinden oder Kreise, sind oft auch Schulen gut ausgestattet. Dazu gibt es Modellversuche. Die Realschule in Neu-Ulm etwa ist seit 2013 „Referenzschule für Medienbildung“, seitdem flossen 218 200 Euro in die Ausstattung. In fast allen Klassenräumen gibt es Beamer, Laptop, Boxen und Dokumentenkamera.

Beim Gerät setzt auch Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) an. Sie hat angekündigt, im Fall ihrer Wiederwahl fünf Milliarden Euro über fünf Jahre an die rund 40 000 Schulen in Deutschland auszuschütten: für Digital-Ausstattung wie Breitband-Internet, W-Lan und Geräte. Die Länder sollen dafür pädagogische Konzepte erarbeiten und Lehrer passend aus- und fortbilden.

Für Schmidt eine tolle Idee. „Bisher ist alles abhängig von der Schulausstattung und dem einzelnen Lehrer.“ Das Tablet, das er im Unterricht nutzt, hat er für 1200 Euro privat gekauft, ebenso die Videoausrüstung und -software (zusammen rund 750 Euro). Das Video-know-how hat er sich selbst beigebracht. W-Lan stellt die Schule, aber das Netz ist mau.

Die vernetzte Schule?

Was würde Schmidt mit den angekündigten Wanka-Milliarden bezahlen? „Besseres W-Lan“, sagt er. Zudem müssten Schulen vernetzt werden, intern und miteinander. So könne man etwa Lehrmaterial tauschen und Vorbereitungszeit sparen. Außerdem schlägt er IT-Fachkräfte für jede Schule vor: „Es kann doch nicht vom Hobby eines Lehrers abhängen, ob die IT funktioniert.“

Dazu solle es Leihgeräte für Schüler geben, etwa Tablets. An seiner Schule arbeiten die Kinder mit Privathandys. Das sei sinnvoll, aber Schmidt schlägt Versicherungen für die Nutzung in der Schule vor. Außerhalb des Lehreinsatzes sind eingeschaltete Handys an der Schule natürlich verboten, aber fast jedes Kind hat eins. Die Nutzung generell als „Gedaddel“ zu verschreien, hält Schmidt für falsch. „Ein Smartphone ist ein Kulturzugangsgerät.“

In der 6c ist es jetzt Spielgerät. 8.45 Uhr, die Klasse wird unruhig, Schmidt greift ein. Auf dem Tablet startet er ein Mathe-Quiz auf „kahoot.com“, der genesene Beamer wirft es an die Wand, aus den Boxen dudelt Musik. Die Schüler wählen sich über ihr Handy ein und spielen mit. Zehn Minuten später hat Samu gewonnen, die Gruppenarbeit geht weiter. Am Ende der Doppelstunde steht eine Hausaufgabe: Video gucken.

Ob das Konzept funktioniert? Noch ist es eher ein Experiment, aber eines, das auch Kollegen inspiriert habe, wie Schmidt sagt. Und bei der letzten Abschlussprüfung hatte Schmidts Klasse einen besseren Notenschnitt als die Parallelklasse, die eher konventionell unterrichtet wurde – vom Schulleiter. Das gab es bisher noch nie.

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