MEIN MOMENT 2014: Konzert als Selbsttherapie

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Thomas Block,

Politikredaktion

Als der kleine Mann aus der Schweiz "Pray" anstimmt, habe ich bereits aufgegeben. René Baumann alias DJ Bobo steht auf der Bühne der ausverkauften Max-Schmeling-Halle vor dem riesigen Kopf eines Clowns, dessen riesige Hand eine noch riesigere Geige hält und macht eine dieser Bobo-Bewegungen, bei denen er das Mikrofon dicht an den weit aufgerissenen Mund führt, den linken Zeigefinger Richtung Publikum streckt und sich nach hinten kippen lässt. René Baumann alias DJ Bobo, schon lange keine 20 mehr, sieht dabei so befremdlich aus wie die acht mäßig talentierten Tänzer neben ihm. Und wer René Baumann alias DJ Bobo kennt, weiß, dass seine Musik die Situation nicht besser macht.

Zeit, über die 90er Jahre nachzudenken. Man hat es nicht leicht, wenn man in einem Jahrzehnt sozialisiert wurde, das sich vorwiegend durch schlechten Geschmack auszeichnet, denke ich, während vor der Bühne Heerschaaren von mittelalten Frauen in zu engen Hosen poposchwingend auf ihre Stühle klettern. Wenn man CDs von DJ Bobo zum achten, neunten UND zehnten Geburtstag bekommt, muss etwas in einem kaputt gehen. Der Konzert-Besuch ist meine Konfrontationstherapie.

Hinter, neben und vor mir befinden sich überwiegend Männer zwischen 20 und 30, die - wie natürlich auch ich - Freikarten in der Tasche haben und ihren Konzertbesuch - wie natürlich auch ich - als "ironisch" verstanden wissen wollen. Sechs Jungs aus Bottrop fordern abwechselnd die Kanzlerschaft für oder ein Kind von René Baumann alias DJ Bobo, während sich vier Jungs aus Berlin für die Neon-Muster auf ihren Sweatshirts feiern.

Die 90er kommen wieder. Im Radio, im Fernsehen, auf Motto-Partys. Doch das ist nicht der Grund, warum René Baumann auf der Bühne steht. Er ist nicht wiedergekommen, er war nie weg. Obwohl er von der Kritik belächelt wird. Obwohl seine Auftritte objektiv betrachtet ganz, ganz schlimm sind. Obwohl manche Menschen nur kommen, um sich über ihn lustig zu machen. Er steht da oben und streckt ihnen den Zeigefinger entgegen. Natürlich auch mir.

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