Mehr Anerkennung für Lehrlinge

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Dieter Keller  Foto: 

Es klingt wie eine Erfolgsmeldung: Die Deutsche Bahn konnte zum Start des Ausbildungsjahrs Anfang September 95 Prozent ihrer Lehrstellen besetzen. Doch hoppla – warum nicht alle? Nun bleiben immer ein paar Stellen frei, etwa weil sich junge Leute in letzter Minute für einen anderen Betrieb oder für ein Studium entscheiden. Doch der Aufwand, dem die Bahn ihren Erfolg verdankt, ist enorm: Sie schenkt jedem Auszubildenden in den klassischen Bahnberufen wie Lokführer und Fahrdienstleister ein Tablet-PC. Die Ausbildungsvergütung wurde um sechs Prozent erhöht. Es gibt Mietkostenzuschüsse, wenn der Ausbildungsort weit weg von zu Hause ist.

Die Bahn steht beispielhaft für viele Betriebe: Nur mit großer Mühe können Industrie, Handwerk und Dienstleister ihre Ausbildungsplätze besetzen. Oft gelingt das dennoch nicht. Ende August, also unmittelbar vor dem Start des neuen Ausbildungsjahrs, hatten 98 000 Jugendliche ohne Ausbildungsplatz noch die Wahl unter 136 000 offenen Lehrstellen. Zumindest theoretisch, denn häufig finden sie nicht den gewünschten Beruf am gewünschten Ort. Längst gibt es nicht nur in Baden-Württemberg und Bayern Nachwuchsprobleme, sondern auch etwa in Brandenburg.

Zu Beginn des Ausbildungsjahrs ist das Bild vielschichtig. Die Jugendlichen von heute sind in einer erstaunlichen Situation: Sie sind aufgewachsen mit ständigen Meldungen, es gebe zu wenig Ausbildungs- und Studienplätze, ihre Berufsaussichten seien schlecht. Tatsächlich sind sie heute umworben wie nie und haben die große Auswahl. Zumindest die meisten.

Ausgerechnet jetzt ist die duale Berufsausbildung auf dem absteigenden Ast: Die Zahl der Schulabgänger nimmt ab, und sie beginnen häufiger ein Studium als eine Lehre. Dabei gilt die duale Berufsausbildung, also die Kombination von Lernen im Betrieb und in der Berufsschule, als großer Erfolgsfaktor der deutschen Wirtschaft. Viele Länder beneiden uns darum und bitten um Hilfe, um das deutsche Modell nachzuahmen. Hierzulande dagegen hat die duale Ausbildung häufig ein Imageproblem: Viele Eltern sehen es lieber, wenn ihre Kinder studieren, selbst wenn sie für eine Lehre viel besser geeignet wären. Wir brauchen mehr Anerkennung für diesen Weg, schon weil sonst eines Tages keiner mehr am frühen Morgen die Brötchen bäckt, den tropfenden Wasserhahn repariert oder Kranke und Alte pflegt. Dies muss sich auch bei der Entlohnung niederschlagen.

Nicht vergessen sei eine weitere Schattenseite: Trotz des wachsenden Nachwuchsmangels haben Jugendliche ohne oder mit schwachem Schulabschluss große Schwierigkeiten, einen Ausbildungsplatz zu finden. Sie drehen schier endlose Schleifen in Qualifizierungsprogrammen oder Aushilfsjobs. Um sie müssen sich alle Beteiligten noch mehr bemühen. Das geschieht zwar, aber nicht mit ausreichendem Erfolg. Zudem brauchen die Berufsschulen einen deutlichen Schub. Die junge Leute klagen massiv über zu wenig qualifizierte Lehrer und marode Räume. Da müssen die Länder mit Unterstützung des Bundes dringend mehr Geld bereitstellen.

leitartikel@swp.de

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