Lügen im Internet: Im Zweifel für den Zweifel

Einst Hoffnungsträger, jetzt Lügennetz? Das Internet, das Transparenz und aufgeklärte Debatten ermöglichen sollte, scheint sich ins Gegenteil zu verkehren. Rufe nach Zensur helfen da nicht weiter. Wir brauchen eine Kultur des Zweifels. Ein Leitartikel von Ulrike Sosalla

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    Die sozialen Netzwerke sollten Kommentare und Posts nach ihrer Vertrauenswürdigkeit bewerten, fordern einige. Foto: 
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Medium der Erkenntnis oder Propagandamaschine? Die Debatte über das Internet ist derzeit mindestens so polarisiert wie die politische Diskussion. Immer häufiger trifft man auf desillusionierte Menschen, die, obwohl technikbegeistert, am Internet  verzweifeln.

Lügen verbreiten sich schnell und ungeprüft wie zuletzt im Fall des Flüchtlings, der in der Warteschlange vor der Registrierungsstelle in Berlin gestorben sein sollte. Halbwahrheiten und Gerüchte werden von Nutzer zu Nutzer weitergereicht, Fotos und Videos aus dem Zusammenhang gerissen. Besonders hoch geht es bei stark emotionalisierten Themen wie dem Flüchtlingszuzug her: Auf einer „Hoaxmap“, einer Karte der Fälschungen, haben Nutzer bisher 187 Falschmeldungen über Flüchtlinge gesammelt, die im Netz kursieren – von angeblich gestohlenen Ziegen bis zu vermeintlich geschlossenen Lidl-Filialen. http://hoaxmap.org/


Auch bei vielen etablierten Medien leidet die Genauigkeit unter der Jagd nach dem schnellen Klick, gilt Zweifel als Gift im Rennen um die Lesergunst.

Aus solchen Versatzstücken von Wirklichkeit speisen sich Propaganda und Verschwörungstheorien gleichermaßen – hier basteln jene Vereinfacher Welterklärungen zusammen, die behaupten, die komplexe Wirklichkeit in ein paar simple Sätze pressen zu können.

Der Effekt wird noch verstärkt durch ein Phänomen, das als Filterblase bekannt ist: In den sozialen Netzen umgeben Menschen sich bevorzugt mit Menschen, die ähnliche Meinungen vertreten – und die Programmierung etwa von Facebook verstärkt dies abermals, indem es Einträge von Menschen und Webseiten, die man häufig liked oder kommentiert, bevorzugt anzeigt. http://www.spektrum.de/news/meinung-und-facebook-erzeugt-doch-eine-filterblase/1345526 Das Ergebnis: Die eigene Meinung wird in diesem virtuellen Kosmos immer wieder bestätigt, widerstreitende Ansichten und widersprechende Fakten tauchen immer seltener auf – die Verfestigung der Meinung zu einer gefühlten Wahrheit setzt ein.

An dieser Stelle beginnt das Problem: Wenn eine Sicht der Dinge, eine Deutung der Realität, nicht mehr als eine von mehreren möglichen Sichtweisen erscheint, sondern als alleingültige Wahrheit, gefährdet das die demokratische Meinungsbildung. Wer glaubt, die Wahrheit über die  Welt zu kennen, ist selten geneigt, Kompromisse mit dem politischen Gegner zu schließen – oder ihm auch nur vorurteilsfrei zuzuhören.
Wie bereitwillig mutwillig selbst erfahrene Politiker Meinung mit Wahrheit verwechseln, führte diese Woche die CSU vor. Deren Innenpolitiker Hans-Peter Uhl verteidigte CSU-Chef Horst Seehofer, der in der Flüchtlingspolitik von einer „Herrschaft des Unrechts“ gesprochen hatte, mit den Worten: „Wenn man die Wahrheit nicht aussprechen darf, ist das nicht mehr mein Land.“

Was dabei untergeht, ist die schlichte Tatsache, dass die Wahrheit meist vielschichtig ist und selten in einen Facebook-Post passt. Sie ist auch selten weiß oder schwarz, sondern gewöhnlich irgendwo dazwischen, und wer auch nur ansatzweise herausfinden will, was in der Welt wirklich vor sich geht, braucht etwas, das in der Zeit der Sofortnachrichten immer knapper zu werden scheint: Zeit.

Schon werden Stimmen laut, Facebook und Co zu regulieren: Die sozialen Netzwerke sollten Kommentare und Posts nach ihrer Vertrauenswürdigkeit bewerten, fordern einige. Doch das wäre ein Irrweg. Denn wer sollte die Regeln für eine solche Vertrauenswürdigkeit festlegen, wer die Algorithmen schreiben, mit denen die Einträge bewertet werden? Ein Privatunternehmen wie Facebook? Die Regierungen der jeweiligen Länder? Unabhängigke Aufsichtsgremien? Einer Zensur würde damit Tür und Tor geöffnet. 

Was wir stattdessen brauchen, ist eine Bewegung aus der Gesellschaft selbst, ein Aufbäumen all jener, die sich weigern, in simplen Schwarz-Weiß-Schablonen zu denken. Helfen könnte zusätzlich eine Aufklärungskampagne zur Medienbildung ähnlich wie bei der Aufklärung über die Gefahren von Alkohol, Nikotin und Zucker - nach dem Motto „Einfache Lösungen“ gefährden das selbstständige Denken“ oder „Glauben Sie keinem Gerücht, das Sie nicht selbst in die Welt gesetzt haben“. Wir brauchen Handreichungen, wie man den Wahrheitsgehalt von Nachrichten, Fotos und Videos einordnen kann: Wie glaubwürdig ist die Quelle? Gibt es mehrere unabhängige Zeugen für das Geschehen? Bestätigen Polizei oder Ämter den Vorgang? Wurde das Foto überhaupt zur angegebenen Zeit und an diesem Ort aufgenommen?

Vor Gericht gibt es die Maxime „Im Zweifel für den Angeklagten“. Im Internet, wo inzwischen jeder von uns ein Weiterverbreiter von Nachrichten ist, sollte gelten: Im Zweifel für den Zweifel.
Oder, wie schon Heinz Erhard sagte: „Glauben Sie nicht alles, was Sie denken.“

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