Lippen für die Rockmusik

Mick Jagger, der Leadsänger der "Rolling Stones", ist eine Ikone der populären Musik, denn er hat das Klischee des Rockstars in vollen Zügen gelebt. Am kommenden Freitag feiert er seinen 70. Geburtstag.

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Anfang des Monats waren sie wieder voll da, die Rolling Stones. Zunächst begeisterten sie 200 000 Besucher beim Glastonbury Festival, dem größten Open Air Großbritanniens, dann jubelten ihnen die Fans im Londoner Hyde Park zu, wo sie bereits im Juli 1969 eine riesige Menge in Verzückung gebracht hatten. Fast schien es wie immer in den vergangenen Jahren zu sein. Charlie Watts gab den gelangweilten Trommler, Ron Wood setzte sein Schulbubenlächeln auf, und Keith Richards war ganz der missmutig dreinblickende Pirat. Vorne am Bühnenrand wirbelte Mick Jagger, stets in Bewegung, der die Songtexte bisweilen herausblärrte, der Inbegriff eines Live-Entertainers und Machos - auch nach einem halben Jahrhundert noch voller Lust am Rock-Exhibitionismus.

Eigentlich hatten Joe und Eva Jagger fest mit einem Mädchen gerechnet, als ihr Sohn Michael Philip am 26. Juli 1943 im Livingstone Hospital im englischen Dartford in Kriegszeiten zur Welt kam. Ein "Wonneproppen" soll er gewesen sein, beschrieben Nachbarn später den kleinen Mick. Als Junge war er ein fleißiger Schüler und Stubenhocker, der sogar seinen Schulkumpel Keith Richards aus den Augen verlor. Als er aber zum ersten Mal Rock "n" Roll hörte, sollte sich das Leben Mick Jaggers von Grund auf ändern. Das war sein Ding.

Vielleicht war es gut, dass Jagger zum Studium an die London School of Economics angenommen wurde, denn so traf er am 17. Oktober 1961 - auf den Zug am Bahnsteig des Dartforder Bahnhofs wartend - Keith Richards wieder, der gerade mit einer Gitarre und einer Chuck-Berry-Scheibe unterm Arm auf dem Weg zum College war. Der Rest ist Geschichte. Schon bald nutzten die beiden jede Gelegenheit, um in den angesagten Clubs Londons Live-Musik zu hören. Der legendäre Bluesmusiker Alexis Korner sollte zu ihrem Mentor werden. Im Juli 1962 hatten die "Rolling Stones" ihre ersten 50-minütigen Auftritt im Marquee Club in London. Mick Jagger, kaum zu glauben, stand fast bewegungslos auf der Bühne. Doch es war zu spüren, dieser Typ hatte was.

Die vollen Lippen, die eingefallenen Wangen unter dem langen Haar, der rebellische Blick. Jagger war einer, der sein Gesicht, dass viele auch für hässlich hielten, zum Markenzeichen werden ließ. Die Beatles waren die "Fab Four", die Stones unterm Strich die "Glimmer Twins" Jagger und Richards, und für Glimmer sorgte Mick. Mehr als 50 Jahre schrieben sie zusammen Welthits wie "Satisfaction", "Under My Thumb", "Ruby Tuesday", "Jumpin" Jack Flash", "Angie" oder "Sympathy for the Devil", in dem der belesene Rockstar Michail Bulgakows Roman "Der Meister und Margarita" als Inspirationsquelle hatte.

Wo die Beatles geradezu harmoniesüchtig wirkten, packten die Stones die nackte Realität in raue Gitarrenriffs. Und Jagger war die Stimme eines Lebensgefühls: nölend, kratzig, authentisch, bisweilen fast schon unangenehm in die Ohren kriechend. Immer hatte man das Gefühl, der Mann weiß, wovon er singt. "Sex, Drugs & Rock "n" Roll" hieß das Lebensmotto, ausgelebt wurde es in vollen Zügen und Generationen hingen an seinen Lippen. Eine Karriere als gewagter Balanceakt auf der Rasierklinge. Wie er diesen überlebt hat, wissen seine diversen Schutzengel.

Philip Norman, einer der Autoren, der Mick Jaggers bisheriges Leben nachgezeichnet hat, beschreibt den vermeintlichen Egomanen und Sexsüchtigen auch als fürsorglichen Familienmenschen und großzügigen Freund. Keith Richards kann wohl mehrere Lieder davon singen. Auch davon, dass Jagger stets der geschäftstüchtige und visionäre Antreiber einer Band war, die mit gigantischen Welttourneen immer neue Rekorde feierte und der Konkurrenz souverän die rote Zunge herausstreckte. Ob als Filmschauspieler, mit Soloscheiben oder im Duett mit Kollegen wie David Bowie oder Bette Middler mehrte er seinen Ruhm. 2003 wurde Jagger von Prinz Charles zum Sir geadelt.

Wie diszipliniert Jagger sein muss, bewies er vor sieben Jahren bei einem sensationellen Konzert in der Stuttgarter Mercedes-Benz-Arena. Zu "Satisfaction", das satt aus den Boxen kam, raste Jagger singend in Richtung Mischpult durch das Spalier der Fans und konnte dabei von den Sicherheitsleuten kaum eingeholt werden. Es ist dem inzwischen vielfaltigen Mick Jagger zuzutrauen, dass er das auch an seinem 70. Geburtstag hinbekommt. Denn niemand "Moves Like Jagger".

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