Leitartikel zu Stuttgarts Zukunft: Aufbruch statt Agonie

Von der Feinstaub-Hochburg zur Modellstadt für moderne Mobilität: Schönen Worten zur Verkehrspolitik müssen in Stuttgart Taten folgen. Eine Chance.

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Dominique Leibbrand.  Foto: 

Erst das Auto, dann der Mensch. Diese Maxime galt in Stuttgart jahrzehntelang. Die Folgen sind bekannt: Dauerstau, miserable Luftwerte und von Gerichten verordnete Fahrverbote. Um die Frage, ob diese umgesetzt werden, wird noch gerungen. Genauso wie um die Zukunft dieser Stadt, die nicht ohne, aber auch nicht mehr mit dem Auto unbeschadet leben kann.

Die Debatte um die Drohkulisse Fahrverbot mag heftig geführt werden, dennoch birgt sie neben Risiken auch Chancen. Nach den kräftezerrenden Auseinandersetzung um Stuttgart 21 verfiel die Stadt in eine Art Lethargie. Doch allmählich scheint sie zu erwachen. Es herrscht Aufbruchstimmung im Talkessel. Erst der Mensch, dann das Auto – lautet jetzt die Parole, die immer mehr Anhänger findet.

Das neue Stuttgarter Stadtmuseum im Wilhelmspalais, das an diesem Samstag zum ersten Mal öffnet, kann zum Symbol dieses Aufbruchs werden. Noch dominiert unterhalb des klassizistischen Baus der Verkehr. Die B 14 schlägt eine tiefe Schneise in die Kulturmeile mit ihren renommierten Einrichtungen von Oper bis Staatsgalerie. In der Nachkriegszeit wurde der Haupteingang des Wilhelmspalais wegen der Autos auf die Rückseite verlegt. Das haben die Architekten jetzt rückgängig gemacht und den Haupt­eingang vorn, in Blickrichtung City, angesiedelt. Das Signal: Das Palais soll wieder Teil der Stadt werden, und die Menschen sollen dort, wo heute Blechlawinen rollen, eines Tages wieder flanieren können.

Worten müssen Taten folgen

Auch Stuttgarts grüner Oberbürgermeister Fritz Kuhn sagt, das Stadtmuseum ermögliche eine neue Verkehrspolitik. Schöne Worte, denen jetzt aber Taten folgen müssen. Stuttgart hat die Chance, einen einmaligen Imagewandel hinzulegen: von der Feinstaub-Hochburg zur Modellstadt für moderne Mobilität, von der Landeshauptstadt zweiter Klasse zur Stadt der Zukunft mit Strahlkraft für die gesamte Metropolregion. Von der Stadt, die nach Antworten sucht, zu einer, die Antworten auf Fragen geben kann, die derzeit viele Städte in Deutschland umtreiben.

Dafür braucht es jedoch erstens Visionen und zweitens den Mut, diesen Leben einzuhauchen. Der Gemeinderat und sein OB hecheln dabei bislang allenfalls hinterher. Kuhn hält nach eigenem Bekunden nichts von Leuchtturmprojekten. Doch Menschen brauchen Leuchttürme, eine Idee, für die sich begeistern können.  Es sind private Initiativen wie „Aufbruch Stuttgart“ rund um TV-Moderator Wieland Backes, die das Zepter in die Hand genommen haben. An diesem Sonntag bläst der Verein zum Marsch über die eigens gesperrte B 14.

Das Ziel: ein lebendiges Kulturquartier, in dem Fußgänger Vorfahrt haben. Es geht um nichts weniger als die Rückeroberung des öffentlichen Raums durch den Menschen.

Die Gefahr ist, dass die Aufbruchstimmung versandet. Zu oft schon wurden Pläne geschmiedet, etwa den Verkehr zu übertunneln, zu oft landeten sie in Schubladen. Es ist Aufgabe der Politik, jetzt die Weichen für den Wandel zu stellen. Andernfalls wird eine historische Chance vertan.

leitartikel@swp.de

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