LEITARTIKEL · USA: Die neue Demut

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Für Deutschland wie für ganz Europa klang das ausgesprochen ermutigend, was US-Vize Joe Biden da vor den Teilnehmern der Münchner Sicherheitskonferenz sagte. Das "alte Europa", über das der amerikanische Verteidigungsminister Donald Rumsfeld 2003 an gleicher Stelle gespottet hatte, der tiefe Konflikt Washingtons mit der rot-grünen Regierung in Berlin über den Irak-Feldzug - offenbar vergangene Zeiten einer zeitweise stark abgekühlten transatlantischen Beziehung.

"Schulter an Schulter", "Seite an Seite", "Unabdingbare Partnerschaft" - mit geradezu beschwörenden Bildern appellierte Biden an die Europäer, den anstehenden geopolitischen Herausforderungen gemeinsam zu begegnen. Mit dem angebotenen transatlantischen Freihandelsabkommen, das Handel und Wandel befeuern soll, sorgte der Vize-Präsident sogar für eine echte Überraschung. Biden bemühte sich redlich, Ängste vor einer verstärkten Hinwendung der USA auf den asiatisch-pazifischen Raum zu zerstreuen, die mit nicht immer rationalem Hintergrund in europäischen Zirkeln gepflegt werden.

Der wiedergewählte Barack Obama hat für den 12. Februar eine Rede zur Lage der Nation angekündigt. Sein Vize stand deshalb in München vor dem Problem, seinem Präsidenten nicht den Wind aus den Segeln nehmen zu dürfen. Doch erkennbar umriss er die Absicht, dass Obama nächste Woche ein Ende des "Jahrzehnts der Konflikte" ausrufen wird. Und er bekannte für den Repräsentanten einer Großmacht, die sich lange in der Rolle des Weltpolizisten gefiel, in neuer Demut und Offenheit: Weder die USA noch ein anderes Land können die Probleme dieser Welt allein schultern.

Mit dem Abzug der US-Truppen aus dem Irak und dem begonnenen Rückzug aus Afghanistan soll die Ära der Vergeltung für die Terrorangriffe des 11. September 2001 nach mehr als einem Jahrzehnt abgeschlossen werden. Für weitere militärische Abenteuer, in Syrien etwa oder im Iran, gibt es wenig Neigung jenseits des Atlantiks. Bidens in München unterbreitetes Verhandlungsangebot an Teheran war ein erstes Signal für die Ernsthaftigkeit des neuen Kurses.

Wohlgesetzte Worte - leider lehrt die Erfahrung, ihnen dennoch mit einem Schuss gesunder Skepsis zu begegnen. Ohne Illusion ist festzuhalten, dass die neuen Töne aus Washington nicht die Folge plötzlicher pazifistischer Anwandlungen sind. Sondern zuvorderst der harten Einsicht geschuldet, dass es besonders die Kriegseinsätze des vergangenen Jahrzehnts waren, die die Weltmacht USA finanziell an den Abgrund getrieben haben. Selbst die amerikanische Notenbank kann nicht weiter Staatsschulden im Ausmaß der vergangenen Jahre finanzieren. Die neue Beschwörung der Bedeutung der transatlantischen Brücke hat deshalb einen bitteren Nachgeschmack: Denn - das sparte Biden höflich aus in München - sie ist verknüpft mit beträchtlichen Erwartungen. Die USA werden von ihren europäischen Verbündeten künftig nicht nur mehr Engagement bei der Lösung von Konflikten vor ihrer eigenen Haustür verlangen. Sondern auch größere Beiträge zur Finanzierung der Nato-Streitkräfte oder zur Bewältigung globaler Krisen. Unsere Wirtschaftskraft ist die Basis für die Vertretung unserer Interessen in aller Welt, sagt Biden nüchtern - der Weltpolizist ist klamm geworden.

Aus manchen hehren Versprechungen der Obama-Regierung nach der ersten Wahl ist nichts geworden - man denke an den 2009 in Kairo feierlich bekundeten Willen, ein neues Kapitel im Verhältnis der USA zur islamischen Welt einzuleiten. Es ist sehr zu wünschen, dass die an Europa gerichtete Charmeoffensive auf einer nachhaltigeren Basis ruht.

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