LEITARTIKEL · SPD: Ziemlich schlechte Freunde

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Viele Sozialdemokraten an der Basis und in den mittleren Funktionärsrängen beobachten derzeit mit einer Mischung aus Fassungslosigkeit und Wut, wie die Parteispitze keine 100 Tage vor der Bundestagswahl ein unwürdiges Schauspiel auf offener Bühne inszeniert. Allem Anschein nach kümmern sich SPD-Chef Sigmar Gabriel, Kanzlerkandidat Peer Steinbrück und der Fraktionsvorsitzende Frank-Walter Steinmeier mehr um die Frage, an wen sie die Verantwortung für eine drohende Niederlage am 22. September adressieren, als um die immer noch mögliche Ablösung von Schwarz-Gelb.

Tatsächlich aber sitzt die SPD-Troika nicht bloß im selben Boot, dessen Kentern die Demoskopen für den Herbst vorhersagen. Auch haben die drei Führungsgenossen gleichermaßen ihren persönlichen Teil zu jener Lage beigetragen, die manchen Parteifreund zur Verzweiflung treibt. Dabei steht die SPD, abgesehen von dem streitenden Trio in Berlin, so geschlossen wie lange nicht mehr hinter einem Wahlprogramm, das eine klare Alternative zur Koalition bietet und vor allem den Mut widerspiegelt, anders als die Kanzlerin sogar unpopuläre Maßnahmen der Gegenfinanzierung nicht zu verschweigen.

Der Fisch stinkt also vom Kopf her, und deshalb nützt es der SPD wenig, wenn die Hauptdarsteller dem staunenden Publikum ein ums andere Mal versichern, dass sie eigentlich dicke Freunde sind, die sich nur bisweilen so deutlich die Meinung sagen, dass es bis nach draußen vernehmbar kracht. Niemand schenkt diesen Treueschwüren noch Glauben, wenn sich Gabriel, Steinbrück und Steinmeier wechselseitig und über die Medien der Intrige, Illoyalität oder Sabotage bezichtigen. So rücksichtslos haben es weder Willy Brandt, Helmut Schmidt und Herbert Wehner noch Rudolf Scharping, Gerhard Schröder und Oskar Lafontaine getrieben.

Von Anfang an lastete auf der Wahlkampagne der SPD ein Hauch von Unvermögen, Pech und Fahrlässigkeit. Steinbrück musste früher als geplant ins kalte Wasser springen, weil Steinmeier die Selbstbeherrschung verlor. Der Kandidat und seine Berater leisteten sich Fehler, die nicht zu einem angeblich hochprofessionellen Macher passen wollen. Dadurch kam die publizistische Skandalisierungsmaschine auf Touren und löste schon viele Monate vor dem Wahltag eine panikartige Nervosität bei den Beteiligten aus, die Unsicherheit unter Mitgliedern und Sympathisanten produziert.

Während Gabriel auf seine bekannt eigenwillige Weise versucht, das Ruder herumzureißen, zeigt Steinbrück, der die Genossen früher gern als "Heulsusen" karikierte, nun selbst Gefühle, und Steinmeier als Frontmann einer von Auflösungserscheinungen heimgesuchten Bundestagsfraktion stichelt hinter den Kulissen ständig gegen den SPD-Chef. Auffallend zurückhaltend geben sich andere Führungsfiguren der Partei, die stellvertretenden Vorsitzenden und die Ministerpräsidenten. Das nährt den Eindruck eines Machtkampfes, aus dem sich einige Protagonisten gern heraushalten, um sich eine günstige Ausgangssituation für die Zeit nach Gabriel und Co. zu verschaffen, Hannelore Kraft und Olaf Scholz etwa.

Es ist ungewiss, ob an der SPD-Spitze auf der letzten Strecke bis zur Wahl endlich Vernunft und Disziplin einkehren. Womöglich hilft in dieser bedrohlichen Lage nur eine konzertierte Intervention weiser alter Männer - zu denken ist an Helmut Schmidt, Hans-Jochen Vogel und Erhard Eppler -, die ihre ungezogenen Epigonen ernsthaft zur Ordnung rufen und daran erinnern, dass sie dabei sind, das stolze Erbe einer Partei zu verspielen, die gerade ihren 150. Geburtstag gefeiert hat.

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