LEITARTIKEL · SOLARFÖRDERUNG: Aus dem Ruder gelaufen

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Spätestens im Jahr 2019 kann der gesamte Strom in Deutschland aus Solaranlagen kommen. Zumindest wenn der Aufbau von Photovoltaikanlagen im gleichen Tempo weitergeht wie in den letzten beiden Jahren. Das klingt schön, hätte aber gravierende Nachteile. Mal von den Kosten abgesehen - es gäbe nur Strom, wenn die Sonne scheint. Und das ist in Deutschland übers Jahr in acht von neun Stunden leider nicht der Fall.

Zugegeben, diese Darstellung ist überspitzt, und sie berücksichtigt beispielsweise nicht, dass die Stromspeicherung große Fortschritte verspricht. Doch sie macht deutlich, dass die Förderung von Solarstrom aus dem Ruder gelaufen ist. Als sie vor zwei Jahrzehnten startete, war sie bitter nötig, weil die Kosten von der Wettbewerbsfähigkeit mit konventionellem Strom meilenweit entfernt waren. Das ist typisch für neue Technologien. Sinnvoll kann aber immer nur eine Anschubhilfe sein und keine Dauersubvention, in diesem Fall auf Kosten der Stromverbraucher. Wobei falsch liegt, wer meint, der derzeitige Garantiepreis für Solarstrom von 24,4 Cent je Kilowattstunde sei schon kostendeckend, weil er dem durchschnittlichen Strompreis für Privathaushalte entspricht. Denn von diesem entfallen nur etwa 5,5 Cent auf die Erzeugung, der Rest auf die Übertragungsnetze, Abgaben und Steuern.

Die Förderung sinkt zwar ständig. Aber die Preise für Solaranlagen fallen noch schneller. Wären keine schönen Renditen zu erzielen, gäbe es nicht so viele Investoren. Die Kritik ist nicht von der Hand zu weisen, dass da die Mieter über den Strompreis den Hauseigentümern die Solarzellen aufs Dach stellen und eine schöne Zusatzeinnahme finanzieren - zwangsweise. Dabei sind Solaranlagen besonders wenig effektiv. Windräder laufen im Schnitt mehr als doppelt so lange.

Auch ist es kein Argument mehr, der Technologiestandort Deutschland und die hiesigen Hersteller würden gefördert. Längst stammen 80 Prozent der Solarzellen aus China. Das liegt nicht nur an den Produktionskosten. Auch bei der Technologie haben die Chinesen Dank intensiver Forschung aufgeholt. Wenn schon zwei große deutsche Hersteller Pleite gemacht haben und einer kurz davor steht, dann trotz der hohen Förderung der Anlagen hierzulande und nicht, weil sie zu schnell gesenkt wurde.

Die Solaranlagen sind nur eines der vielen ungelösten Probleme der Energiewende. Sie wurde zwar im vergangenen Frühjahr binnen drei Monaten beschlossen. Aber bei der praktischen Umsetzung hakt es gewaltig. Das liegt insbesondere daran, dass die Hauptakteure zu wenig zusammenarbeiten: Wirtschaftsminister Philipp Rösler und sein Umweltkollege Norbert Röttgen. Ob Netzausbau, Reservekraftwerke oder Förderung erneuerbarer Energien, überall rufen die Akteure nach Taten und einem verlässlichen Rahmen. Doch es passiert zu wenig. Der Liberale Rösler müht sich um Profilierung mit mehr Marktwirtschaft. Sein christdemokratischer Kontrahent Röttgen hört stark auf die Solarbranche. Wenn ihm sogar die Wirtschaftspolitiker der eigenen Partei vorwerfen, sich zu wenig um das wichtige Thema zu kümmern, dann ist das vielsagend.

Das Wichtigste für alle Beteiligten ist Planungssicherheit. Wer heute eine Solaranlage bauen will, muss wissen, wie hoch die Förderung ist, wenn sie in Betrieb geht. Das darf aber kein Freibrief dafür sein, eine Technik ewig lang zu fördern, obwohl sie wenig effektiv ist. Denn auch für andere Investitionen werden die Stromverbraucher mehr bezahlen müssen, angefangen beim Ausbau des Stromnetzes, das für die vielen Solaranlagen eigentlich nicht konstruiert ist. Röttgen und Rösler müssen sich zusammenraufen und rasch Lösungen finden. Und dabei die Verbraucher nicht vergessen.

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