LEITARTIKEL · SCHAVAN: Ministerin mit Mühlstein

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Die Zeiten, in denen Annette Schavan Spaß an ihrer Arbeit als Wissenschaftsministerin hatte, gehören der Vergangenheit an. Die Ulmer Bundestagsabgeordnete hat den Entzug des Doktortitels und damit ihres einzigen Studienabschlusses künftig als Mühlstein zu tragen. Bei jedem Auftritt - als Festrednerin einer Universität wie bei Verhandlungen über die Vergabe von Forschungsmitteln oder als Wahlkämpferin auf dem Marktplatz. Sie wird auf Unverständnis stoßen, auf Entrüstung und Häme. Mal unterschwellig, mal offen zum Ausdruck gebracht. Mit ihrer erneut bekundeten Absicht, nicht zurückzutreten und vor Gericht um ihren Titel zu kämpfen, geht sie einen schweren Gang.

Politisch betrachtet ist für sie jetzt kaum noch eine Umkehr möglich. Schavan ist vor zwei Wochen mit glänzendem Ergebnis wieder zur Bundestagskandidatin nominiert worden. Sie hat sich des Rückhalts der Parteivorsitzenden und Kanzlerin versichert. Es gibt zwar auch in der CDU und bei den Koalitionspartnern CSU und FDP Getuschel - doch vorwiegend hinter vorgehaltener Hand. In Koalitionen gilt ohnehin ehern das Prinzip, dass sich keine Seite in die Personalien der anderen einmischt. Zwar hat die einstige baden-württembergische Kultusministerin in ihrer eigenen Partei nicht nur Freunde. Doch an ihrer Integrität zweifelt keiner. Derzeit spricht vieles dafür, dass sich die christdemokratischen Reihen hinter ihr schließen. Dass sie jedoch im Gegenzug der Ministerin auch das Stehvermögen abverlangen, ihren Mühlstein wacker zu schultern. Jedenfalls bis zum Wahltag. Die pflichtschuldigen Rücktrittsforderungen der Opposition ändern nichts an dieser Sachlage.

Besonders in der CSU hängt Schavan ihre Aussage zum Fall von Karl-Theodor zu Guttenberg an, sie schäme sich als Wissenschaftlerin "nicht nur heimlich" für dessen Plagiat. Selbst für Laien war erkennbar, dass Merkels damaliger Verteidigungsminister geradezu mit krimineller Energie gefälscht und getäuscht hat. So missbrauchte er den wissenschaftlichen Dienst des Bundestags als nicht zitierten Co-Autor. Der CSU-Freiherr hat mit gutem Grund selbst um Aberkennung seines Titels gebeten.

Von diesem Kaliber ist Annette Schavan weit entfernt. Auch wenn ihr mehr als die Flüchtigkeitsfehler nachgewiesen werden, die sie selbst einräumt. Die Uni Düsseldorf muss davon ausgehen, dass ihr Verdikt akribischer juristischer Prüfung ausgesetzt wird. Die Aussage, die damalige Doktorandin habe "vorsätzlich und systematisch" fremde gedankliche Leistungen zu eigenen erklärt und dies in "bedeutendem Umfang", wurde gewiss nach sorgsamer Abwägung getroffen.

Man mag nun zwar darüber räsonieren, dass nach dem dabei angelegten Maßstab manch ein Doktor und manche Doktorin zittern muss, der/die sich vor Jahrzehnten den Hut aufgesetzt hat. Es ist auch nicht einzusehen, warum es nicht für solche Verfehlungen wie für jede Straftat außer Mord eine Verjährungsfrist gibt.

Für Schavan käme das zu spät. Sie hat sich den heute geltenden Regeln zu unterwerfen. Auch sie hat zwar als unschuldig zu gelten, solange das Verfahren läuft. Doch ausgerechnet auf der Ministerin, die die deutsche Regierung im Ressort Wissenschaft und Forschung vertritt, lastet nun die schwere Hypothek eines aberkannten akademischen Titels. Der öffentliche Streit über die Bewertung des Falls sogar unter Professoren zeigt, wie sehr er das Klima im Wissenschaftsbetrieb belastet.

Manches spricht dafür, dass hinter den Kulissen bereits über einen ehrenvollen Abgang für Annette Schavan nachgedacht wird. Parteien - mitsamt ihren Stiftungen - sind da nicht arm an Möglichkeiten.

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