LEITARTIKEL · PAPST: Eine leise Revolution

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Die Revolution kommt auf leisen Füßen. Wer nach der Wahl von Jorge Bergoglio ins höchste Amt der katholischen Kirche am 13. März auf schnelle dogmatische Änderungen gehofft hat, mag ernüchtert sein. Dennoch hat dieser Papst in den zurückliegenden 100 Tagen Zeichen gesetzt, die aufhorchen lassen. Die Weltkirche bewegt sich eben doch, könnte man im Sinne Galileo Galileis sagen - sogar in eine ermutigende Richtung.

"Der Karneval ist vorbei" - mit diesen Worten soll Bergoglio nach seiner Wahl Prunkgewänder und rote Schuhe verweigert haben. Franziskus will eine Kirche der Armen. Offene Machtdemonstration lehnt er ab, obwohl ein Papst mächtig ist. Diener will er sein. Diese Linie hält er mit seinem Lebensstil ein. Nicht im Palast wohnt er, sondern bescheiden im Gästehaus Santa Marta. Das kommt an, aber nicht bei allen. Jene, die Kirchenfürst sein wollen, mit Residenz, Antiquitäten und großen Dienstwagen, sind verstört. Franziskus setzt Maßstäbe - bis hin zum Gehalt hoher Kardinäle.

Doch leitet der neue Pontifex damit auch eine Wende in der Kirche ein? Das ist anzunehmen. Erste Weichenstellungen sprechen dafür. Eine der bedeutendsten ist die Einberufung eines "Rats der Weisen", der die Reform der Kurie angehen soll. In der Spätzeit Benedikts XVI. waren die Missstände unübersehbar. Die Affäre Vatileaks hat ans Licht gebracht, dass Intrigen, Vertrauensbruch, vermutlich sogar kriminelle Machenschaften auch hinter den hohen Mauern des kleinen Kirchenstaates existieren. Erst in diesen Tagen gelang an die Öffentlichkeit, dass Franziskus in einem privaten Gespräch mit lateinamerikanischen Ordensleuten von einem Schwulen-Netzwerk im Vatikan sprach. Dementiert wird das nicht.

Die neue Kommission, die im Oktober zusammentritt, wird wohl auch dieses beleuchten. Zu einem Feigenblatt taugt das Gremium jedenfalls nicht. Dagegen spricht schon die Zusammensetzung. Die acht Kardinäle aus fünf Kontinenten - darunter auch Kardinal Reinhard Marx aus München - sind in ihrer Mehrheit Kirchenmänner von Format, reformorientiert und durchsetzungsstark. Die Koordination hat Oscar Rodriguez Maradiaga inne, Kardinalerzbischof aus Honduras, der selbst als einer der heißesten Anwärter auf das Papstamt galt. Ihre Aufgabe ist heiß. Der Rat soll den Regierungsapparat verschlanken, Aufgabenbereiche neu ordnen und Netzwerke wie "korrupte Strömungen" zerschlagen. Es wird spekuliert, dass genau dieser Herkulesakt Franziskus Vorgänger zur Verzweiflung trieb. Der neue Papst setzt gleich auf die Fähigkeit starker Kardinalskollegen. Ein Indiz für Eigenbrödlerei ist das nicht.

Auch in ein anderes dunkles Kapitel bringt Franziskus Licht: in das Instituto per le Opere di Religione (IOR), kurz Vatikanbank genannt. Es wurde immer wieder mit Geldwäsche und der Finanzierung krimineller Machenschaften in Verbindung gebracht. Dass das IOR nicht zum Fundament der katholischen Kirche gehört, hat Franziskus gleich zu Beginn seiner Amtszeit betont. Sogar über eine Abwicklung der Bank wurde spekuliert. Sicher ist: Im IOR wird weiter aufgeräumt. Die Finanzaufsichtsbehörde des Vatikan unter dem Schweizer Anti-Geldwäscherei-Fachmann René Brülhart nimmt Konten und Finanzbewegungen unter die Lupe. Das bestätigt auch der Geldwäsche-Ausschuss des Europarates. Die unheilige Allianz zwischen einem intransparenten Apparat und finanzkräftigen Organisation - wie der Mafia - soll ein Ende haben. Auch das ist eine Botschaft an die Männer und Frauen der Organisierten Kriminalität. Zu ihnen verlangt Franziskus Abstand.

Noch ist über Umsetzung all der Anstöße nichts zu sagen. Doch Aufbrüche gibt es. Nach Jahren der Stagnation ist das eine gute Botschaft.

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