LEITARTIKEL · NATURSCHUTZ: Der entzauberte Wald

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Es geht um den Wald, natürlich, worum auch sonst. Das wohl abgewogene Argument, die kluge Rede haben da wenig Chancen. Den "Wahnsinn" Nationalpark müsse man stoppen, vor "grüner Diktatur" und einer "Totholz-Region" im Nordschwarzwald warnen Gegner des Projekts der Landesregierung. Eine Nummer kleiner geht es nicht - wie meistens, wenn es neben der Sache auch noch um die Gretchenfrage geht, wie es der Deutsche mit seiner Umwelt hält.

Immer diese Extreme. Als in den 80ern das "Waldsterben" die Nation erschütterte und öde Mondlandschaften die Titelseiten füllten, herrschte eine Stimmung, als hätten die apokalyptischen Reiter mindestens schon aufgesattelt. 30 Jahre später lebt der Wald noch - was mancher als Beweis dafür sieht, dass die ganze Hysterie um "sauren Regen" sowieso nur Mumpitz war. Dass damals massenhaft Schwefeldioxid-Filter in Kraftwerks-Schlote und Katalysatoren in die Autos eingebaut wurden, wird von Öko-Skeptikern dabei gern vergessen. Abgesehen davon, dass Helikopter auch heute noch Jahr für Jahr tausende Tonnen Kalk über Wäldern abwerfen, um den Boden zu entsäuern.

Der Deutsche und der Wald, über diese Beziehung wurde schon viel gedeutelt. Wälder sind von jeher eine Projektionsfläche für Mythen: Während Küstenbewohner das Zauberhafte und Bedrohliche ins Meer verlegen, ist im Binnenland der Wald jener verwunschene, schöne, aber gefährliche Ort, wo Hexen, Märchenschlösser, der böse Wolf und Räuberbanden warten.

In der Realität ist dem Wald alles Unberechenbare längst ausgetrieben. Die letzten Räuberverstecke wurden vor 200 Jahren ausgehoben, Wölfe und Bären vor 100 Jahren ausgerottet. Die "Entzauberung der Welt", wie der Soziologe Max Weber den Fortschritt von Wissenschaft und Wirtschaft beschrieb, war auch Zähmung der Natur. Echte Wildnis, in vielen Ländern der Welt selbstverständlich, wurde ausgelöscht. Kaum war der Job erledigt, begannen romantische Dichter - allesamt Städter, wie Heimatkundler anmerken -, mit der Verklärung des Waldes zum Natursymbol schlechthin.

Das wirkt bis heute nach. So fühlt sich der Waldspaziergänger womöglich ganz naturverbunden und geerdet, wenn sich im Tann sein Puls verlangsamt und die Vögel zwitschern - im Grunde aber marschiert er durch eine Plantage der Forstwirtschaft, in der jeder Baum abgezählt und jedes Reh "gemanagt" ist.

Die aktuelle Frage, ist, ob wir es schaffen, etwas loszulassen und die Natur wenigstens ein Stück weit wieder nach ihren Regeln spielen lassen. Der Nationalpark-Streit zeigt, wie schwer das ist, welche Ansprüche - Sägerei, Tourismus, Erholung - am Wald hängen und wie groß das Unbehagen ist, ihn einfach sich selbst zu überlassen. Doch wie wird es erst sein, wenn bald wieder Wölfe und Bären in den Südwesten kommen und in die wohl geordneten Reviere von Jägern, Schäfern und Wanderern eindringen? Ob sich der Mensch dann bereitwillig ein wenig "rückverzaubern" lässt?

Zu viel sollte man nicht erwarten. Zumal ja auch der Naturschutz in einer dicht besiedelten Kulturlandschaft kaum "loslassen" kann: Die Öko-Romantik wird doch arg gemindert, wenn heute für den Artenschutz fleißig gemanagt, gemonitort und ja: getötet wird. Auf eingeschleppte Arten wie den Ochsenfrosch und Eichhörnchen etwa wird in Schutzgebieten gnadenlos Jagd gemacht, um einheimische Tiere zu bewahren. Und auch im Nationalpark brüten Experten über der Frage, ob bei all der Verwilderung der arme Auerhahn noch genug Start- und Landebahnen findet.

"Die Natur sich selbst zu überlassen", wovon so mancher träumt, wird in unseren Breiten eine Utopie bleiben. Ein wenig die Zügel zu lockern, das lohnt jedoch in jedem Fall.

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